Unternehmen
Die K-Frage

Es ist die vielleicht verfahrenste Personalie der deutschen Unternehmensgeschichte: die Suche nach dem Telekom-Chef. Fast täglich wird ein anderer Name genannt. Viele Mitarbeiter fragen sich derweil: Wozu brauchen wir überhaupt einen Neuen?

Kai-Uwe Ricke hat schon mal ganz vorsichtig vorgefühlt. "Was wäre, wenn ich Chef würde?" hat der Mobilfunkvorstand der Deutschen Telekom seine Vorstandskollegen gefragt, berichten Vertraute. Und Karl-Gerhard Eick, Jo Brauner & Co. sollen signalisiert haben: Damit könnten wir leben.

Ricke gilt als einer der heißesten internen Kandidaten für den Chefsessel von Europas größter Telekommunikationsfirma. Aber was hat das schon zu bedeuten in dieser wohl verfahrensten Personalie der deutschen Unternehmensgeschichte? Mindestens 16 Namen waren schon im Gespräch, von Ferdinand Piëch über Thomas Middelhoff bis hin zu Hans-Olaf Henkel. Für die Deutsche Telekom sind diese Manager aber offenbar nicht gut genug, um den Chefsessel von Ron Sommer zu erben. Oder war die Telekom nicht gut genug für die Kandidaten?

Fakt ist: Interimschef Helmut Sihler und Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus sind seit drei Monaten auf der Suche nach geeigneten Kandidaten, doch das Ergebnis dieser K-Frage ist bisher viel unspektakulärer als gedacht: Mit keinem der öffentlich gehandelten Manager sei bislang gesprochen worden, sagte Sihler im kleinen Kreis. Es gebe zwar eine Liste mit Kandidaten, aber noch keine Entscheidung darüber, wer in die engere Wahl kommt, heißt es in Aufsichtsratskreisen.

So manch einer fragt sich aber inzwischen bei der Telekom: Warum brauchen wir überhaupt einen Neuen an der Telekom-Spitze? Da gibt es doch einen guten Mann. Sein einziges Manko: Mit 72 Jahren ist Sihler zu alt. Ein Höchstalter von 65 Jahren sehen die internen Regeln der Telekom für den Vorstandsvorsitzenden vor. Bei seiner überraschenden Ernennung zum Übergangschef am 16. Juli hat Sihler noch reichlich Häme geerntet. Er sei ein Provisorium, ein Notnagel, schlicht eine "lahme Ente". "Aus Telekom wird Tatterkom", haben manche hinter vorgehaltener Hand gelästert und sich gefragt: Ob er wohl ein Handy bedienen kann?

Er kann und noch dazu einiges mehr. Schon gefällt vielen Telekom-Mitarbeitern die Verlegenheitslösung: "Sihler hat etwas geschafft, was ich in dem Laden nicht für möglich gehalten hätte, mehr Lockerheit und Humor hat er hier reingebracht", erzählt einer aus der Führungsetage.

Doch das ist nur die eine Seite: "Er scheint sich vorgenommen zu haben, dem künftigen Chef alle unangenehmen Entscheidungen schon im Vorfeld aus dem Weg zu räumen", berichtet ein Betriebsrat, "zum Beispiel den Personalabbau." Von mehr als 40 000 Leuten ist die Rede, die im Inland in den nächsten drei Jahren ihren Job verlieren sollen. Da kann Personalvorstand Heinz Klinkhammer noch so oft beteuern, das meiste sei schon unter Sommer eingefädelt worden.

Erst haben sie noch befürchtet, dass das Unternehmen in Lähmung versinke, sobald Sihler die Führung übernehme. Jetzt wird er ihnen fast unheimlich, soviel Aktivität wie er entwickelt. "Der zieht hier locker seine 60-Stunden-Woche ab." Nicht mal Kurztrips an die US-Westküste, um der Mobilfunktochter Voicestream einen Besuch abzustatten, sind Sihler zu anstrengend. "Doch alles kann der Sihler nun nicht machen", erzählt ein Mitarbeiter, "für den Neuen müssen schon einige strategische Entscheidungen übrig bleiben."

Ende November, Anfang Dezember soll er feststehen, der neue Mister Telekom. Soweit der Plan. Vorausgesetzt, die Politik funkt Sihler und Winkhaus nicht dazwischen. Mindestens einmal hat sie sich schon eingemischt. Post-Chef Klaus Zumwinkel wurde vom Bund als Mehrheitsaktionär ins Spiel gebracht.

Eine Vorentscheidung über den Sommer-Nachfolger fällt möglicherweise in etwa zwei Wochen, wenn der Aufsichtsrat tagt und Sihler und Winkhaus dem Gremium eine Liste mit einer Hand voll Kandidaten präsentieren wollen.

Wer drauf steht? Bisher ist nur so viel durchgesickert: Alles läuft wahrscheinlich am Ende doch auf einen Deutschen hinaus. Alles andere würde die Arbeitnehmerseite wohl kaum akzeptieren, heißt es in informierten Kreisen. Ohnehin ist das Verhältnis schon länger gestört. Lange Zeit haben die Arbeitnehmer-Vertreter Sommer unterstützt und Oberaufseher Winkhaus kritisiert, der sich gegen Sommer stellte, ohne eine Alternative zu präsentieren. Inzwischen hat Betriebsratschef Wilhelm Wegner, der auch im Präsidium des Aufsichtsrates sitzt, sogar den Rücktritt von Winkhaus gefordert. Dieser lehnt das ab. Ein klärendes Gespräch zwischen den Streithähnen in den nächsten Tagen soll die Wogen wieder glätten.

Auch in einem anderen Punkt sind Arbeitnehmer und Arbeitgeber verschiedener Meinung. Einem externen Kandidaten will man den Vorzug geben, heißt es auf der Arbeitgeberseite. "Wir wollen einen Neuanfang, das geht nicht mit einer internen Lösung." Die Arbeitnehmer dagegen ziehen einen internen Kandidaten vor. "Nur so würde die Kontinuität im Unternehmen sichergestellt", verlautete aus deren Umfeld.

Die Telekom-Vorstände bringen sich derweil schon mal in Stellung. Und da gehen die Parteien nicht zimperlich miteinander um. Mit Häme reagierten die Anhänger von Mobilfunkvorstand Kai-Uwe Ricke, als plötzlich T-Online-Chef Thomas Holtrop gehandelt wurde. "Seine PR-Agentur hat ihn ins Spiel gebracht", spotteten sie.

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