Unternehmen
Die letzten Helden der Arbeit

Werksferien haben dieses Jahr Konjunktur in der Autobranche - Was alles passiert, wenn die Bänder stillstehen

Köln. Der graue Metallkasten brummt freundschaftlich, während Guido Bütz, 30, seine Befehle eintippt und auf den Prüfstand schaut. Dort bewegt eine Roboterzange ihre vier Eisenfinger im Rhythmus seiner Eingabe. Bütz tippt in den Prozessor, Zange öffnet und schließt. Die beiden verstehen sich gut. Und wenn Bütz nach einem Tag genug von ihr hat, holt er sich eine neue zur Gesellschaft. Menschliche findet er zurzeit auch gar nicht.

Der Schlosser ist alleine mit seinem Prüfstand in diesen Tagen, ein braun gebrannter Mann mit Bürstenhaarschnitt und sportstudio-gestählten Muskeln unter dem knappen blauen T-Shirt, der wortkarge Sätze sagt, wie "Hauptsache, es ist überhaupt jemand da". An seinem Prozessor baumelt eine Laubsägearbeit in Form eines Autos, die seine Wünsche deutlicher artikuliert: "Zum Arbeiten zu alt, zum Sterben zu jung, zum Reisen topfit", steht fein säuberlich drauf, und Guido Bütz weiß, dass für fast alle dieser Wunsch jetzt in Erfüllung geht - nur für ihn nicht.

"Ford - die tun nichts", ist kein Claim, mit dem sich Autos besonders gut verkaufen lassen, aber er trifft die Lage in Köln-Niehl derzeit ganz gut. Zwei Kilometer lang, drei Kilometer breit strecken sich hier die Ford-Werke am Rheinufer - hohe Zäune drumherum, drinnen stillstehende Bänder, Schornsteine, die die Luft anhalten, und dazwischen ein paar einsame Männer im Blaumann wie Guido Bütz.

Vier Wochen lang machen die Kölner Werksurlaub in diesem Sommer - und befinden sich damit ganz im Trend. VW tut es, BMW tut es, sogar Porsche tut es. Ganze Werke, die normalerweise in drei Schichten das letzte bisschen Effizienz aus den teuren Maschinen herauspressen, machen einfach dicht wie der Eismann im November.

"Das kann im Einzelfall betriebswirtschaftlich sinnvoll sein", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Etwa wenn wie bei VW die Fertigungsstraßen für den neuen Golf eingerichtet würden. Aber schließlich fügt Dudenhöffer doch an: "Die Idee, die Tür zuzuschließen und in den Urlaub zu gehen, ist eigentlich Quatsch." Dann spricht er von der flexiblen Fabrik, in der verschiedene Marken eines Konzerns produziert werden können, so dass die Bänder niemals stillstehen müssen, weil sich irgendeine Marke immer gut verkauft.

In Köln-Niehl dagegen laufen, abgesehen von Sechs-Zylinder-Motoren für den US-Markt, nur der Fiesta und sein Micro-Van-Bruder Fusion vom Band. Vor dem Tor 3 haben sie den Fiesta auf ein Podest gestellt wie einen Sieger. Tatsache ist aber, dass er sich allenfalls mittelmäßig verkauft. Man schreibt rote Zahlen. So gesehen kommen die Werksferien ganz gelegen - auch wenn sie bei Ford und den anderen Automobilherstellern lieber davon reden, dass man den türkischen Arbeitern Gelegenheit zu einem langen Heimaturlaub geben wolle und dass jetzt die Zeit für die großen Wartungsarbeiten gekommen sei.

21 000 Menschen arbeiten normalerweise bei Ford in Köln, 5 500 davon im Fiesta- und Fusion-Werk. Seit diesem Montag sind es im Fiesta-Werk genau 270.

Einer, vielleicht sogar der wichtigste unter ihnen ist Thomas Fischer, 40. "Für uns ist der Werksurlaub auf jeden Fall besser", sagt der Leiter der Werktechnik und der Instandhaltung. Er spricht von "Zeitfenstern" und vor allem anderen von einer Zahl: "87 Prozent Anlagenverfügbarkeit", das ist der Wert, den er während der Produktion erreichen muss. Er ist ein großer Mann, mit grauen, kurzen Haaren und Koteletten bis auf Ohrläppchenhöhe. Er strahlt Ruhe aus, aber selbst jetzt hat er keine - auch der totale Stillstand will genau geplant werden.

Zu acht sitzen sie in einem Besprechungszimmer am Rande der großen Hallen, vor sich und an den Wänden riesige Lagepläne der Fabrik, mit all ihren Bändern und Fertigungsstraßen. Blaue Marker haben sich auf den Plänen ausgetobt und vermitteln eine Ahnung davon, wie kompliziert es heute ist, Autos zu bauen und damit auch noch Geld zu verdienen. Während außerhalb des Büros noch die letzten alufarbenen Karossen vorbeirucken, bereiten die Techniker hier das verordnete Nichtstun vor. Dann darf kein Teil am falschen Ort stehen, damit die Wartungsmonteure an die Arbeit gehen können.

Die Planung fügt sich in die größere ein, die im Spätherbst des vergangenen Jahres begann. Da entschloss sich die Konzernleitung, wieder Ferien im Fiesta-Werk zu machen, und seitdem können sich die Abteilungen bis runter zur Kantine darauf einstellen. Stephan Grünheit, 37, Chef der Gastronomie, sagt lieber "Betriebsrestaurants" und erzählt, dass er jetzt leichte Gerichte wie "Ravioli mit Mozarellafüllung und in Tomaten-Basilikum-Sauce" anbiete (für 2,30 Euro). Jetzt kämen vor allem die Angestellten aus der Verwaltung, die Restaurants nahe den Werkshallen "fahren wir mit ganz wenig Personal".

Denn Maschinen essen nicht, und die wenigen Arbeiter in den Hallen dürfen sich fühlen wie in einem Remake des Charlie-Chaplin-Klassikers "Moderne Zeiten": alleine vor den eisernen Riesen. Manchmal fährt einer mit dem Fahrrad durch, wie der Meister Christoph Nowak, 46. "Da kommt keine Langeweile auf", sagt er, und wie zur Bestätigung klingelt sein Handy, das ihn in die nächste Halle lotst. Oder einer steht vor einem großen Gitterzaun, während hinter ihm friedhofsstill die Roboter schweigen. "Das ist manchmal schon eine extreme Arbeit", sagt Josef Nagel, 36. Neue Sauger und Zangen soll er den Maschinen einbauen - "die machen immer wieder Schwierigkeiten" -, und schon zu Anfang dieser Tage schwant ihm, dass er es kaum schaffen kann. "Wir könnten hier eine ganze Armee brauchen", sagt er.

Die Augen wandern durch die Halle, trotz der Hitze trägt er eine Jacke über dem T-Shirt: jeder Zentimeter ein Held der Arbeit. Wenn die anderen aus den Werksferien kommen, aus Mallorca, aus Antalya, aus Benidorm, wird er auch nicht wegfahren können. "Mit Urlaub wird es bei mir dieses Jahr nichts", sagt er, "die Kleine wird eingeschult."

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