Unternehmen engagieren sich rentabel für die Umwelt
Keine Angst vor der Chemie

Für viele Naturschützer sind Chemieaktien ein rotes Tuch. Dabei zeigen einige Firmen beachtliches Umweltengagement - und bieten Anlegern gute Gewinnchancen.

Wer gentechnisch verändertes Saatgut oder Pflanzenschutzmittel herstellt, ist ein Umweltsünder - denken Organisationen wie Greenpeace und stempeln die Chemiebranche pauschal ab. Dabei gibt es enorme Unterschiede im Umweltbewusstsein der Firmen. So zeigt die jüngste Studie der Münchener Ratingagentur Oekom Research: Einige Chemieunternehmen wirtschaften nachhaltiger - also umwelt- und sozialverträglicher - als andere. Sie sind als ethisch orientiertes Investment interessant und bieten auch aus wirtschaftlicher Sicht gute Kurschancen, zumal Chemietitel im Aufwärtstrend liegen.

Die drei Ranglistenersten der Münchener sind Henkel, BASF und Bayer - wobei die Experten sich die Kritik gefallen lassen müssen, dass sie nicht nur reine Chemieunternehmen gegeneinander stellen. Henkel würde er mit anderen Konsumgüterproduzenten wie Procter & Gamble vergleichen, sagt etwa Andreas Knörzer, Leiter Sustainable Investment bei Sarasin. Dabei stimmt er Oekom zu, Henkel sei als nachhaltiges Unternehmen führend.

Henkel: Nachhaltige Produkt-Politik

Auch Erich Hein, Fondsmanager des Ökolux bei SEB Invest in Luxemburg, sieht Henkel positiv. Oekom-Analyst Andreas Stefferl verweist bei Henkel auf das Managementsystem, das internationale Qualitätsstandards vorschreibe. So verpflichte sich die Gruppe, die Emissionswerte zu verbessern. Hauptgrund für das gute Abschneiden sei aber, dass das Unternehmen sehr stark Nachhaltigkeitsaspekte bei seinen Produkten berücksichtige. So sei die Gesellschaft zum Beispiel Weltmarktführer bei lösungsmittelfreien Klebstoffen. Und Waschmittel stelle sie auf Basis nachwachsender Ressourcen her. Die waschaktiven Substanzen stammten aus Mais, nicht aus Erdöl. Außerdem seien dieses Tenside gut biologisch abbaubar.

Auch seien die Berichterstattung im Umweltsektor und die Transparenz vorbildlich. Beispielsweise gebe es ein Umweltprogramm mit standortspezifischen Zielen und einen jährlichen Bericht, ob diese Ziele erreicht worden seien oder nicht. Abgesehen davon bewertet Stefferl die Sozialstandards bei Henkel als gut. Kritisch sieht der Analyst aber, dass die Sozial-Informationen über Aktivitäten in Ländern wie China oder Russland lückenhaft seien. Dazu komme, dass Henkel keine gruppenweite Zuständigkeit für soziale und ethische Fragen besitze.

BASF: Gut organisierte Verbundstruktur

Am Ranglisten-Zweiten BASF gefällt Stefferl gut, dass eben diese Zuständigkeit im Sozialbereich gruppenweit vorhanden ist. Das Unternehmen habe letztes Jahr eine aufwändige Befragung über Sozialstandards initiiert, was zeige, dass das Thema ernst genommen werde. Positiv sieht Stefferl auch, dass BASF Lebenszyklusanalysen erstelle, also den Kreislauf der hergestellten Zwischenprodukte verfolge. "Viele andere Unternehmen stehlen sich hier aus der Verantwortung", sagt Stefferl. Abgesehen davon habe BASF erfolgreich biologisch abbaubare Kunststoffe auf den Markt gebracht.

Im Vergleich zu Henkel falle es BASF aber schwerer, die Produkte im Hinblick auf Umweltverträglichkeit zu verändern. Außerdem sei das Unternehmen als einer der größten Hersteller von Pflanzenschutzmitteln in problematischen Bereichen tätig. Oft gebe es ein großes Portfolio von Pflanzenschutzmitteln, doch nur wenige Produkte davon seien umweltfreundlich - und die übrigen halte das Unternehmen dennoch am Markt; dabei seien die Mittel für den Menschen häufig hochgiftig. "Beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Entwicklungsländern gibt es eine hohe Unfallrate, weil Arbeiter in der Landwirtschaft oft ohne Atemschutz oder Handschuhe mit dem Gift hantieren", weiß Stefferl.

Positiv sieht er aber die Verbundstruktur von BASF, da an relativ wenigen Produktionsstätten bis zu rund 350 Anlagen angeordnet seien. Zwischenprodukte könnten weiter verwertet werden, und das Unternehmen müsse keine langen Tankzüge durch Wohngebiete schicken, was etwa bei Bayer oft kritisiert werde.

Bayer: Listenbester bei den Umweltdaten

Bayer steht als Hersteller von Chlor- und Agrochemie-Produkten ohnehin bei Umweltschützern in der Kritik. So habe sich die Gesellschaft mit der Übernahme von Aventis Crop Science, einem Hersteller von gentechnisch verändertem Saatgut, einen "schlechten Namen" eingehandelt, erklärt der Oekom-Analyst. Immerhin ist das Unternehmen aber Listenbester bei den Umweltdaten; die Entwicklung der Emissionen, der Abfallentstehung und des Wasserverbrauchs sei positiv. Außerdem verfüge das Unternehmen über ein ausgereiftes Umweltmanagementsystem und erhöhe die Effizienz der Arbeitsprozesse.

Ein positives Gesamtbild ergebe sich demnach aus Umwelt-Management und-Daten, aber der Produktsektor beinhalte umstrittene Bereiche. "Die klassische Chemie, die die Nachhaltigkeit nicht integriert hat, lässt sich hier nicht so schnell revidieren", sagt Stefferl. Und eine gruppenweite Managementzuständigkeit für Soziales wie bei BASF gebe es nicht.

Mit Blick auf die Produkte der Firmen ergänzt Hein, er könne in seinen ökologisch orientierten Fonds weder Bayer noch BASF aufnehmen, während er bei Henkel und Merck (Deutschland) - der Nummer 4 bei Oekom - ein Investment erwägt.

Merck: Ausgebautes Recycling-System

Bei Merck lobt Stefferl das Programm, wonach verbrauchte oder alte Chemikalien vom Endverbraucher zurückgenommen und wiederverwertet werden können. Positiv sei auch das transparente Logistiksystem. Doch bei den Umweltdaten schneidet Merck relativ schlecht ab, weil nicht für alle Standorte Daten berichtet würden. Und das Managementsystem im Sozialbereich sei nicht klar strukturiert.

Kein Pauschal-Urteil

Währenddessen ist die Nummer 5 auf der Oekom-Liste, Dow Chemical, beim Sozialmanagement der Branchensieger mit klaren Zuständigkeiten und einer guten Politik. Doch das Unternehmen arbeite in "problematischen Produktbereichen", stelle etwa Chlorkohlenwasserstoffe und PVC her. Zwar versuche man, negative Einflüsse der Produkte einzugrenzen. So habe Dow bestimmte Container für den Transport von Chemikalien zu Kunden wie zum Beispiel Großwäschereien entworfen, die sicherstellten, dass beim Transport zwischen Kunden und Firma keine Gase entweichen könnten. Die Politik sei aber nicht - wie bei Henkel -, umweltschädliche Produkte zu ändern, sondern nur Schadenseinflüsse zu begrenzen oder zu vermeiden.

Bei den drei Schlusslichtern auf der Oekom-Liste, Du Pont, L?Oréal und Mitsubishi Chemical - wobei schon fehlende Umweltberichte auf ein wenig ausgesprägtes Umweltbewusstsein schließen lassen - rät Knörzer unter ökologischen Gesichtspunkten ganz von einem Investment ab. Doch als Fazit der Studie sollten Anleger mitnehmen: Chemietitel pauschal als Umweltsünder abzutun, ist unfair - und ökonomisch gesehen unklug.

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