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Es riecht nach Geld

Im Sand der kanadischen Provinz Alberta lagert mehr Öl als im Irak. Durch den Konflikt am Golf und die Krise in Venezuela gewinnt der Ölsand an Bedeutung. Kanadische und internationale Konzerne investieren Milliarden. Die Produktionskosten sinken ständig.

Niedrige, frostverkrüppelte Nadelwälder säumen den Highway 63 schon seit vielen Meilen, als ein zugefrorener Flusslauf die grün-weiße Ödnis durchbricht. Gut 30 Meilen nördlich von Fort McMurray führt die Straße über den Athabasca. Die Brücke ist Anfang der 80er-Jahre gebaut worden, der Volksmund taufte sie bald "Brücke ins Nichts". Heute beginnt genau dort die Zukunft. Der Highway führt in die Minen des Athabasca-Ölfelds, des größten der vier Ölsandgebiete Albertas. Suncor, Syncrude, Albian Sands und andere Konzerne gewinnen hier aus dem dunklen, klebrigen Erdreich Petroleum oder bereiten die Ausbeutung vor.

Fort McMurray ist das Zentrum der Ölsand-Industrie. Keine Stadt in Kanada wuchs in wenigen Jahrzehnten so rapide. Sind es 40 000 oder schon 45 000 Einwohner? Vor 40 Jahren lebten hier 1 200 Menschen. Jetzt werden jährlich 1 000 Wohnungen für Neuankömmlinge gebaut. Dass sich an dieser Tendenz in den nächsten Jahrzehnten nichts ändern wird, kann man indirekt dem "Oil and Gas Journal" entnehmen. Die Fachzeitschrift bewertete Ende 2002 die Ölreserven der Welt neu und setzte die Reserven um 181 Milliarden Barrel auf 1,213 Billionen Barrel hoch. "Der größte Teil dieses dramatischen Anstiegs ist darin zu sehen, dass 175 Milliarden Barrel Schweröl in Albertas Ölsänden jetzt mitgerechnet werden", stellt das US-Institut "Cambridge Energy Research Associates" fest. Dabei wurden nur die Vorräte berücksichtigt, die mit dem Ölpreisniveau des vergangenen Jahres als "wirtschaftlich gewinnbar" galten.

Damit steht Kanada jetzt auf Platz 2 der ölreichsten Länder der Erde und verfügt über 15 Prozent der Weltreserven. Übertroffen wird es nur von Saudi-Arabien, der Irak fiel auf den dritten Platz zurück. Gerade angesichts des ölpreistreibenden Konflikts um den Irak und den Turbulenzen in Venezuela bekommt Kanada für die Ölversorgung eine strategische Bedeutung.

Goldgräberstadt Fort McMurray? "Die Menschen hier mögen die Bezeichnung Boomtown überhaupt nicht", warnt der Taxifahrer den Besucher. "Boom" klinge zu sehr nach sprunghaftem Aufstieg, dem der "bust", der Kollaps, folge. "Und das glaubt hier niemand."

Der Taxifahrer legt eine Kassette ein. Aus dem Lautsprecher ertönt die Stimme des Imams. "Der Koran", erläutert der aus der Golfregion stammende Fahrer, "es ist Zeit für das Gebet, und wenn ich in dieser Zeit fahren muss, dann lege ich die Kassette ein." Klar, es sei kalt hier, sagt der junge Mann, und im Sommer plagten die Moskitos, "groß wie Hubschrauber". Aber hier gebe es gute Jobs.

Die Ölindustrie bezahlt gut. Nach Fort McMurray kommen sehr viele Familien. Wären es nicht 400 Kilometer bis zur nächsten großen Stadt - Edmonton -, gäbe es kaum einen Unterschied zu anderen Städten Kanadas. Während die Vertragsarbeiter in Wohncontainern hausen, leben die Familien in Siedlungen rund um den Stadtkern; es gibt Schulen und ein College, sogar Konzerte und Theater. Man richtet sich auf Dauer ein.

Mike Ashar glaubt schon von Berufs wegen an die Zukunft der Ölindustrie. Als Vizepräsident von Suncor ist er verantwortlich für den Ausbau der Produktion; jetzt sind es 225 000 Barrel pro Tag, in fünf Jahren sollen es 500 000 sein. "Wir wissen, wo das Öl ist. Das Problem ist, es wirtschaftlich zu gewinnen", sagt Ashar.

Vor 100 Millionen Jahren trennte ein Meer das heutige Nordamerika. Im Meer lagerte sich Sand ab und bedeckte Pflanzen und Tiere. Hitze und Druck verwandelten die organischen Stoffe in Öl. Schon die Indianer nutzten die zähe Ölmasse, um ihre Birkenrinden-Kanus zu isolieren. Nach 1920 wurden Abbauverfahren entwickelt: In heißem Wasser löste sich der Sand und sank nach unten. An der Oberfläche blieb Bitumen zurück. Im Prinzip wird diese Technik noch heute angewendet.

Gewaltige Bagger reißen mit ihren Schaufeln den Boden auf. 80 bis 100 Tonnen können diese Monster mit einer Schaufel aufnehmen und auf den Lastwagen werfen. Das ölige Sandgemisch, das zwischen sieben und 16 Prozent Bitumen enthält, fühlt sich an wie Knete und Teer. "Vorsicht, dass es nicht mit der Kleidung in Berührung kommt", mahnt Allan Barber, früherer Vizepräsident von Albian Sands Energy Inc. "Motorenöl kann man auswaschen, Ölsand wird immer in der Kleidung bleiben." Im Winter, wenn die Temperatur bis minus 40 Grad sinkt, ist die Masse hart wie Zement. "Aber im Sommer hängt sie an deinen Schuhen wie Klebstoff." Zwei Tonnen Ölsand ergeben ein Barrel (159 Liter) Öl.

1967 hatte Great Canadian Oil Sands, die Vorläuferfirma von Suncor, mit der Ausbeutung der Ölsände begonnen. Die Verfahren zur Gewinnung von Bitumen sind kostspielig. Meist wird es im Tagebau gewonnen, dann muss die 30 bis 50 Meter dicke Erdschicht abgetragen werden, die die ölhaltigen Schichten bedeckt. Bis vor wenigen Jahren wurde Ölsand im Tagebau mit riesigen Schaufelrädern wie im deutschen Braunkohlenbergbau gefördert und über kilometerlange Förderbänder weitergeleitet. In den 80er-Jahren wurde begonnen, Bagger und Laster einzusetzen. Entscheidend aber war in den 90er-Jahren die Entwicklung des "Hydrotransports". Der Ölsand wird bereits am Rande der Mine zerkleinert und mit warmem oder heißem Wasser und Natron zersetzt. Schon auf dem Weg durch die drei bis vier Kilometer lange Pipeline zur Verarbeitung beginnt die Trennung des Bitumens von Sand und Wasser. In der Extraktionsanlage wird dann reines Bitumen gewonnen: ein dickflüssiges, teerartiges Öl, das früher fast nur zum Asphaltieren von Straßen verwendet werden konnte. Bitumen muss verbessert werden, bis es als synthetisches Rohöl auf den Markt kommen kann.

Mit vielen technischen Neuerungen konnten die Produktionskosten auf zwölf bis 14 kanadische Dollar (rund acht Euro) pro Barrel gesenkt werden. Suncor hat als Ziel für die Produktionskosten pro Barrel neun Can-Dollar gesetzt. Dies würde etwa den Kosten entsprechen, die bei der Gewinnung von konventionellem Öl entstehen.

Fort McMurray kann sich auf weiteres Wachstum einstellen. Die Bagger reißen die Erde auf, es riecht nach Öl. "Das ist der Geruch Albertas. Das ist der Geruch von Geld", sagen die Menschen dort oben.

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