Unternehmen fordern gezielten Zuzug ausländischer Arbeitskräfte
Japan lässt Zuwanderer vor der Tür

"Japan muss seine Tore weit für ausländische Arbeitnehmer öffnen - nicht nur für Fachkräfte." Hiroshi Okuda, Vorsitzender des Japanischen Unternehmerverbandes Nippon Keidanren und Toyota-Chef, gibt die brodelnde Stimmung in Japans Wirtschaft wieder. Wegen rapider Überalterung drohe dem von Arbeitslosigkeit geplagten Land ansonsten ein Arbeitskräftemangel, warnt Okuda. Doch anders als die meisten Industrieländer hält Tokio an seiner rigiden Zuwanderungspolitik fest.

DÜSSELDORF. Okuda rechnet vor: Ohne Ausländer schrumpft Japans Arbeitsbevölkerung bis 2025 um 6,1 Millionen. Schwache Nachfrage und hohe Soziallasten würden dann die Konjunktur lähmen. Kämen genügend Ausländer ins Land, könne das Wachstum um 0,5 % pro Jahr steigen.

Die Experten streiten, ob Japan wirklich Zuwanderer braucht. Selbst in Zeiten des Wirtschaftswunders und Arbeitskräftemangels in den 60er-Jahren kam der Inselstaat ohne "Gastarbeiter" aus. Japan setzte stattdessen auf Automation, lange Arbeitszeiten und innerjapanische Migration. Arbeitsintensive Produktionen wurden zu den asiatischen Nachbarn verlagert. Doch dieses Potenzial scheint bald ausgeschöpft.

Nur 740 000 Ausländer waren 2001 laut Arbeitsministerium in Japan beschäftigt - überwiegend Asiaten. Damit ist der Anteil an allen Erwerbstätigen mit 1,4 % verschwindend gering. In Deutschland liegt die Vergleichsquote bei 8,3 %.

Doch die Statistik trügt: Etwa eine halbe Million der 1,7 Millionen "Ausländer" sind längst japanisierte Nachkommen der rund zwei Millionen Zwangsarbeiter, die von 1910 bis 1945 aus der damaligen Kolonie Korea sowie aus China und Taiwan ins Land gebracht wurden. Noch heute leiden viele unter Diskriminierung.

Der Mythos von der "homogenen japanischen Gesellschaft" spukt noch in vielen Köpfen. Immerhin hatte sich der Inselstaat über 200 Jahre (bis 1853) hermetisch nach außen abgeschottet. Die Ablehnung gegenüber Ausländern scheint sogar wieder zu steigen: Nach einer Regierungsstudie würden nur 54 % der Japaner Ausländern gleiche Rechte zugestehen - 1997 waren es noch 66 %.

"Die Illusion der ?Nation einer Rasse? muss endlich fallen gelassen werden", fordert Takushi Ohno von der Zeitung "Asahi Shimbun". Denn immer mehr Ausländer drängten nach Japan. 2001 waren es allein 351 000. Nach außen hält die japanische Regierung seit 1990 am strikten Grundsatz fest, die Tür für ausländische Fachkräfte offen zu halten, für Ungelernte aber zu verschließen. Die Begründung: Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialen Spannungen.

Doch die Realität sieht genau umgekehrt aus: Nur 20 % der ausländischen Arbeitnehmer in Japan sind Fachkräfte. Geschätzte 230 000 Ungelernte arbeiteten 2002 nach Ablauf ihres Touristen-, Trainee- oder Entertainervisums illegal weiter, so das Justizministerium. Viele leben schon über zehn Jahre stillschweigend geduldet in Japan. Sie stammen meist aus Asien und übernehmen die "drei K-Jobs", die kitsui, kitanai, kiken - hart, schmutzig und gefährlich - sind. Für Arbeitgeber etwa im Bau sind sie ideale Puffer: billig und sofort kündbar. Migrationsforscher Dietrich Thränhardt von der Universität Münster kritisiert die Schaffung einer ausländischen "Underclass" ohne grundlegende Menschenrechte und angemessene Bezahlung.

Tokio müsse endlich Illegale legalisieren und dann die Tür für ausländische Arbeitnehmer selektiv öffnen, fordert Journalist Ohno gegenüber dem Handelsblatt. "Japan kann sich dem Zuwanderungsdruck nicht länger widersetzen." Durch eine Gesetzeslockerung wurden 1990 bereits Kanäle legaler Quasi-Einwanderung geöffnet: Übersee-Japaner der zweiten und dritten Generation - vor allem aus Südamerika - dürfen ohne Arbeitsbeschränkung ins Land.

Nach einer Uno-Studie müsste Japan von 2005 bis 2050 im Jahr 381 000 Immigranten aufnehmen, um die Bevölkerung konstant zu halten. Verzichtet Japan gänzlich auf Zuwanderer, müsste die Lebensarbeitszeit auf 77 Jahre steigen. Nur so sei das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern aufrecht zu erhalten.

Japans alternde Gesellschaft braucht vor allem medizinisches Personal. 2025 werden laut "Yomiuri Shimbun" über eine Million Pflegekräfte fehlen. Die philippinische Präsidentin Arroyo fordert, dass mehr Landsleute als Pfleger in Japan arbeiten dürfen. Doch das Gesundheits- und Arbeitsministerium setzt darauf, dass Japaner die Lücken schließen.

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