Unternehmen fühlen sich durch ihre Lobbyisten nicht ausreichend vertreten
Wirtschaft klagt über Verbände

Die Wirtschaft hat zahlreiche Interessenvertreter in Berlin - aber offensichtlich wenig Einfluss. In einer Umfrage des Handelsblatts bescheinigt nur jeder fünfte Unternehmer den Verbänden gute Arbeit.

BERLIN. Die großen Wirtschaftsverbände geraten unter massiven Druck aus den eigenen Reihen. Nur ein Viertel der deutschen Unternehmenschefs fühlt sich durch die Lobbyisten noch ausreichend auf der politischen Bühne vertreten. Dies ist das Ergebnis des Handelsblatt Business-Monitors, für den das Psephos Institut für Wahlforschung GmbH, Hamburg, die oberste Führungsebene deutscher Unternehmen repräsentativ befragt hat.

Immerhin 72 % der befragten Vorstände, Direktoren und Unternehmer antworteten auf die Frage, ob die deutschen Unternehmen alles in allem eine ausreichend starke Lobby und Interessensvertretung bei der Regierung in Berlin haben, mit einem klaren "Nein, nicht ausreichend". Für die uneingeschränkt positive Antwortmöglichkeit "Ja, ausreichend stark" entschieden sich lediglich 21 % der Befragten. 60 % sagten, die klassische Verbandsarbeit sei nicht mehr zeitgemäß. Gute Lobbyarbeit entdeckten die Unternehmenschefs hingegen bei den Gewerkschaften: Deren Einfluss sei "deutlich gewachsen", meinten 63 %.

Das für die Spitzenverbände der Wirtschaft - den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), den Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und den Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) - verheerende Ergebnis wird von Untersuchungen anderer Institute untermauert. So ergab im November eine Umfrage der Berliner Plato GmbH bei 20 Verbänden, dass sich deren Vertreter zu 93 % von den Unternehmen zunehmend unter Erfolgsdruck gesetzt fühlen. Gleichzeitig suchten gerade die Großkonzerne verstärkt eigene Kontakte zur Politik.

Nach dem Handelsblatt Business-Monitor ist die Unzufriedenheit der Unternehmer mit den Verbänden einhellig: Ob man die Befragten nach Unternehmensgröße, Alter, Branche oder Region aufteilt: Die Unzufriedenheit ist mit Werten zwischen 69 % und 80 % durchgängig sehr hoch.

Interessanterweise gibt es bei den Spitzenverbänden eine differenzierte Beurteilung. Auf die Frage, welcher der Verbände die beste Arbeit leistet, erhält der BDI mit 52 % mit Abstand die meisten Unternehmer-Stimmen. BDA und DIHK liegen mit jeweils 20 % gleichauf, während der ZDH auf 10 % kommt. Ein ZDH-Sprecher erklärte sich das Phänomen damit, dass die Größe der befragten Unternehmen - ab 100 Beschäftigten - automatisch die Handwerker außen vor lasse.

Bei BDA und BDI zeigt die Kritik der Basis Wirkung: "Die Spitzenverbände müssen ihre Kompetenz noch sichtbarer machen", sagte BDA-Präsident Dieter Hundt. BDI-Präsident Michael Rogowski vermutet, dass die Unternehmer zum Teil "statt des Esels den Sack prügeln": Die Unzufriedenheit mit der rot-grünen Politik münde in die Frage, warum die Wirtschaftsverbände das nicht verhindert hätten. Rogowski hofft, dass mit der jüngsten Kursänderung der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung auch die Unzufriedenheit mit den Verbänden sinkt.

Verbände-intern hat die Handelsblatt-Umfrage für große Unruhe gesorgt. "Es wird nicht reichen, dass man mehr in Talkshows geht", fürchtet BDI-Sprecher Albrecht von der Hagen. Im Januar will der Verband gründlich untersuchen, an welchen Stellen die Erwartungen der Unternehmer und die Möglichkeiten der Verbändevertreter auseinander klaffen, um die Unzufriedenheit abbauen zu können.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin
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