Unternehmen für Firmenkäufer interessant
Neuer Markt wird zum Einkaufsparadies

Während sich Anleger der Kursverluste wegen noch immer ungläubig die Augen reiben, reiben sich andere die Hände. Denn viele Unternehmen sind so günstig geworden, dass sich eine Übernahme lohnen könnte.

FRANKFURT. "Mittelfristig bleibt auf Grund von Übernahmen und wenigen Pleiten nur ein Fünftel der derzeit am Neuen Markt gelisteten Aktien übrig." Mit dieser extremen Meinung wagt sich Andrew Spencer von J.P. Morgan Fleming am weitesten aus dem Fenster. Doch nach vier Jahren, in denen Neue-Markt-Firmen hauptsächlich als Firmenaufkäufer aufgetreten sind, werden sie tatsächlich immer häufiger zum Objekt von Firmenkäufern. "Sicher wird es in Zukunft mehr Übernahmen von Neue-Markt-Firmen geben", glaubt auch Karl Eugen Reis, Leiter des Asset Managements bei der DG Bank.

"Wir schauen uns mittlerweile auch das ein oder andere börsennotierte Unternehmen an", räumt Axel Haas ein. Der Vorstandschef der Frankfurter Technologieholding Augusta bleibt allerdings skeptisch: "Die meisten Unternehmen, die nun günstig erscheinen, wurden abgestraft, weil alles drunter und drüber ging." Doch auch er hält Ausschau nach verblassten Perlen. Denn Haas sieht durchaus die Chance, dass einige Unternehmen ungerechtfertigter Weise mit dem Markt nach unten geprügelt wurden und dies noch nicht von der Börse realisiert wurde.

Die Liquiditätsprobleme einiger Firmen am Neuen Markt sagen seiner Meinung nach noch nichts über die Güte der Produkte aus. Ein Schnäppchen könnte zum Beispiel ein Unternehmen sein, das zwar ein gutes Produkt entwickelt hat, die Kosten dafür aber so hoch waren, dass jetzt kein Geld mehr für die Vermarktung vorhanden ist. "Nach solchen Gelegenheiten schauen sich viele auf dem Markt um", sagt der Holding-Chef. Unterstützung bieten nach seinen Aussagen auch die Banken an. Nachdem das Geschäft mit Neuemissionen weggebrochen ist, suchten die Finanzinstitute nun nach anderen Einnahmequellen. Das Einfädeln und Umsetzen von Übernahmen ist schließlich seit je her ein äußerst lukratives Geschäft.

Übernahmen können auch für Anleger attraktiv sein

Auch Anleger können durchaus profitieren, wenn ihre Gesellschaft aufgekauft wird. So wurden bei den Übernahmen des vergangenen Jahres Prämien auf den Aktienkurs des Tages vor der Ankündigung von 10 % bis 70 % bezahlt. In einem schwachen Börsenumfeld stellen Übernahmen zudem oft die einzige Chance für Anleger dar, größere Pakete zu angemessenen Preisen loszuschlagen.

Jüngstes Beispiel für die Bewegung in der Szene am Neuen Markt ist der Fall Porsche-Bertrandt. Statt seine Entwicklungskapazitäten aufzubauen, hat sich der Sportwagenhersteller eine Sperrminorität bei dem Ingenieurdienstleister verschafft. Nach und nach kauften die Zuffenhausener an der Börse mehr als 25 % der Papiere auf. Zugute kam Porsche dabei, dass es am Neuen Markt nicht zwingend ist, das Überschreiten von Beteiligungsgrenzen unterhalb von 25 % zu melden. Fälle, in denen Firmen der Old Economy Neue-Markt-Unternehmen schlucken, werden sich nach Meinung von Wolfgang Blättchen, Vorstand der Leonberger Unternehmensberatung Blättchen & Partner AG, in Zukunft häufen. Neben rein strategischen Gründen wie im Fall Bertrandt-Porsche gibt es dafür noch andere: "Viele der neuen Unternehmen haben es nicht geschafft, die kritische Größe auf ihrem Markt zu erreichen." Als Beispiele führt Blättchen dafür Firmen aus den Branchen Internet, Telekommunikation, Software, aber vor allem auch Media-Agenturen an.

Hinzu kommt nicht selten, dass die Geschäftsmodelle für sich alleine nicht funktionieren, wohl aber eine Ergänzung für traditionelle Unternehmen darstellen können. Finanz- und Managementprobleme sowie das Verfehlen von Planzahlen tragen dazu bei, dass Unternehmen massiv abgestraft und damit vom Preis her interessant werden können - zumal in Bereichen, in denen Mitarbeiterakquisition teuer ist. "Der günstigste Fall ist, wenn die Marktkapitalisierung eines Unternehmens unter dessen Substanzwert liegt, die Gesellschaft aber über gute Mitarbeiter verfügt", so Blättchen. Strategische Überlegungen, wie komplementäre Produkte und Marktzugang spielen natürlich auch eine Rolle. Schließlich wurden im vergangenen Jahr von acht Übernahmen am Neuen Markt fünf von ausländischen Firmen getätigt.

In der aktuellen Marktsituation kann es nach Meinung von Alexander Götz, Projektleiter bei Blättchen und Partner, auch durchaus interessant sein, via Übernahme einen so genannten "Cold-IPO" durchzuführen. Das heißt: Statt selbst den aufwendigen Prozess eines Börsenganges zu durchlaufen, sichert sich ein Unternehmen die Mehrheit einer börsennotierten Gesellschaft und bringt das eigene Geschäft ein. Auch bei solchen Transaktionen reicht es nicht, Börsenkapitalisierung und Cash-Positionen zu vergleichen. Es ist nötig, tiefer in die Analyse von Unternehmen einzusteigen. Doch, so Blättchen, "ab einem gewissen Preis lohnt es sich, auch Probleme in einem Unternehmen zu lösen." Zumindest als Anhaltspunkt für eine Unternehmensbewertung kann das Kurs-Buchwert-Verhältnis herangezogen werden.

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