Unternehmen
Kampf ums Vermächtnis

Bei den Glas- und Optikspezialisten Schott und Zeiss tobt ein Streit um das Stiftungsstatut - eine Art letzten Willen, in dem Ernst Abbe 1896 die Zukunft seiner Unternehmen geregelt hatte. Die Chefetage will die Regeln erneuern. Die Belegschaft aber fürchtet um Privilegien.

Heinz Dürr, 69, hat einige harte Kämpfe mit Belegschaften erlebt. Bei AEG baute er 60 000 Stellen ab, bei der Deutschen Bahn gar mehr als 100 000. Aber hier bei Zeiss im schwäbischen Oberkochen läuft es für ihn eigentlich gut. Am heutigen Donnerstag wird das Optikunternehmen wohl wieder einen Umsatzrekord präsentieren.

Trotzdem schlagen die Emotionen hoch an diesem Abend Ende Oktober. Etwa 500 Mitarbeiter drängen sich vor laufenden Fernsehkameras in der Zeiss-Kantine, und fast ist es wie im Fußballstadion. Dürr kann teilweise kaum ausreden und wird ausgelacht, der Betriebsrat und die Gewerkschafter neben ihm auf dem Podium ernten dagegen immer wieder lauten Beifall.

Dürr ist Stiftungskommissar der Carl-Zeiss-Stiftung, und er will etwas verändern, an dem sie hier im Schwäbischen sehr hängen: das Stiftungsstatut, in dem der damalige Miteigentümer Ernst Abbe vor mehr als 100 Jahren seine Vision eines zukunftsfähigen und sozialen Unternehmens niederschrieb - und das, mit einigen Änderungen, noch heute gilt. Die Schwesterfirmen Schott und Zeiss sind deshalb Deutschlands einzige Unternehmen, die als Stiftungen geführt werden.

Nicht mehr lange allerdings, wenn es nach den Vorständen geht. Sie fühlen sich durch das Statut gefesselt und arbeiten seit zweieinhalb Jahren an grundlegenden Änderungen. So sollen die Firmen künftig zwar weiter der Carl-Zeiss-Stiftung gehören, aber als Aktiengesellschaften firmieren. Heinz Dürr, als Stiftungskommissar eine Art Aufsichtsratschef mit allerdings sehr weit reichenden Kompetenzen, will die siamesischen Zwillinge auch trennen. Die Belegschaften aber wollen Abbes Vermächtnis bewahren und drohen mit Klagen. Ein skurriler Streit: Beide Seiten können nicht wirklich klar machen, was die Veränderung bringt, beziehungsweise kostet. Nur eins ist klar: Keiner traut dem anderen.

Auch an diesem Oktoberabend in Oberkochen nicht. Die Zeiss-Mitarbeiter wollen endlich wissen, was seit Monaten hinter verschlossenen Türen verhandelt wird. Aber sie erfahren nur wenig Neues. Denn noch immer wird um die Neufassung des Statuts gerungen.

Das ist eine Art Unternehmensbibel für Zeiss und Schott. Es regelt alles - vom Unternehmenszweck über die Bestellung der Vorstände bis hin zu den Arbeitnehmerrechten. So verlangt Abbe in der Erstausgabe vom 26. August 1896 unter anderem die "Erfüllung größerer sozialer Pflichten, als persönliche Inhaber dauernd gewährleisten würden".

Die beiden Schwestern Schott und Zeiss sind durch das Statut aneinander gekettet. Der Vorstand des Optik-Konzerns Zeiss haftet für die Geschäfte des Glasspezialisten Schott und umgekehrt. Und das, obwohl beide Unternehmen ihre Geschäfte unabhängig voneinander führen. Nur in der Bilanz, die an Banken, Lieferanten und Öffentlichkeit geht, sind sie wieder vereint.

Zeiss-Chef Dieter Kurz sieht wie seine Vorstandskollegen bei Schott im aktuellen Statut einen Hemmschuh für die Firmenentwicklung. Zeiss, Mitte der 90er-Jahre kurz vor dem Kollaps, floriert zwar wieder. Aber die zuletzt etwa zwei Milliarden Euro Umsatz, vier Fünftel davon im Ausland, und 174 Millionen Euro Betriebsgewinn reichen Kurz nicht. Er will Partner an Tochterfirmen beteiligen, Firmen mit interessanten Technologien zukaufen oder an der Börse Kapital holen können - und dabei sieht er sich behindert.

Bei Brillengläsern etwa könne Zeiss heute deutlich größer sein, bemängelt Kurz und verweist auf die Entwicklung des Konkurrenten Essilor. Der Weltmarktführer war ursprünglich so groß wie Zeiss, ist aber in den vergangenen Jahren enteilt. Kurz? Gegner kontern allerdings, die 150 Jahre alte Firma Zeiss habe nur wegen des Statuts bis in die heutige Zeit überlebt.

Bei Schott in Mainz ist der Widerstand gegen Dürrs Pläne geringer. Die Identifikation mit den Firmenvätern ist dort nicht ganz so groß wie in Oberkochen. Die Nachteile des Stiftungsstatuts werden hier als noch gravierender empfunden. "Ich habe erlebt, dass ausländische Firmen eine Partnerschaft ablehnten, weil sie unsere Rechtsform der Stiftung nicht verstanden haben", sagt sogar ein Betriebsrat.

Die Gegner der Änderungen fürchten allerdings, Schott und Zeiss könnten zu reinen Holdinggesellschaften werden, alle Unternehmensbereiche in selbstständige Gesellschaften ausgliedern und sie ganz oder teilweise veräußern. Wenn Töchter jedoch nicht mehr mehrheitlich der Stiftung gehören, gilt für sie das Stiftungsstatut nicht mehr.

Beide Seiten berufen sich bei ihren Argumenten auf den Vater des Statuts: "Abbe hat nicht gewollt, dass wir im Wettbewerb wegen des Statuts von vornherein Nachteile haben", sagt Kurz.

"Das hat Abbe nicht gewollt", sagt auch Zeiss-Mitarbeiter Adalbert Hanßen. Er aber meint die Umwandlung in AGs. Der Unternehmer Abbe sei stolz gewesen, durch die Stiftung als Träger eines Industriebetriebes den Gegensatz von Arbeit und Kapital überwunden zu haben: "Abbe kritisierte das Gewinnstreben von Aktiengesellschaften." Hanßen schreckt auch vor Klagen nicht zurück. Derzeit lassen er und 80 Kollegen vor dem Oberlandesgericht Stuttgart prüfen, ob eine Statutänderung von vor zwei Jahren dem Geist Abbes entspricht. Paragraf 37 erlaubt Zeiss und Schott seitdem immerhin die Ausgliederung von Firmenteilen in selbstständige Gesellschaften. Was Zeiss seither nutzt. Inzwischen arbeiten von den 9 900 in Deutschland beschäftigten Mitarbeitern nur noch 4 500 in Stiftungsunternehmen.

Abbe, ein liberaler, steinreicher Patriarch, hatte eine Stiftung geschaffen, die im Gegensatz zu anderen keine persönlichen Eigentümer hat. In Bewunderung für den Firmengründer Carl Zeiss bestimmte er als Stiftungszweck, Zeiss und Schott sollten dauerhaft technologisch Spitze bleiben.

Vieles, was Abbe im Statut festgelegt hat, ist durch die heutigen Gesetze und Tarifverträge übererfüllt - etwa der Neun-Stunden-Tag und zwölf Tage Urlaub pro Jahr. Anderes ist immer noch einmalig. So gewährt das Statut allen Mitarbeitern in guten Jahren eine Lohnnachzahlung, einen für alle gleichen prozentualen Zuschlag zum Gehalt, den der Vorstand festlegt. Mitarbeiter, die dauerhaft arbeitsunfähig und gekündigt werden, erhalten vorzeitig ihre Pension und sind nicht auf staatliche Hilfe angewiesen. Die Löhne dürfen nicht gekürzt werden. Für den 53-jährigen Ingenieur Bernd Dörband, seit 17 Jahren bei Zeiss, steht Abbes Statut für "Solidarität, Sicherheit und Gerechtigkeit". Besonders gefällt ihm, dass "die Vorstände maximal das Zehnfache des Durchschnittseinkommens verdienen dürfen".

Noch hofft Stiftungskommissar Dürr, dass die Gremien bis spätestens Frühjahr einen Kompromiss finden. Er lockt mit attraktiven Zugeständnissen. Den Gewerkschaften verspricht er mehr Mitbestimmung durch die Gründung von Aktiengesellschaften. Den Stiftungsverwaltungen wiederum in den Wissenschaftsministerien in Baden-Württemberg und Thüringen, die keinen Einfluss auf die Firmen haben, will er feste Gewinnbeteiligungen zusichern. Gelohnt habe sich das bisher nicht, sagen Insider: Jetzt bremsten auch die Beamten bei den Verhandlungen. Sie kämpften um möglichst hohe Zuwendungen für gemeinnützige Stiftungsprojekte.

Inzwischen ist Dürr nicht mehr sicher, ob das neue Statut zum Ende seiner Amtszeit im Sommer stehen wird. Aber die Arbeit scheint ihm ohnehin keine rechte Freude mehr zu bereiten. "Dann muss das halt mein Nachfolger machen", sagt er ernüchtert.

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