Unternehmen kaum beeindruckt von Ausbildungsplatzabgabe
Wirtschaft nimmt Drohung des Kanzlers nicht ernst

Im Herbst droht eine Lücke von mehr als 100 000 Lehrstellen und damit eine einmalige Ausbildungskatastrophe. Nach anfänglichem Zögern plant die Wirtschaft nun eine Kampagne - Erfolg ungewiss. Der Bund hat bereits im Januar eine Ausbil- dungsoffensive angekündigt, aber passiert ist bisher nichts.

BERLIN. Noch 2001 konnten 3 075 Jugendliche eine Lehrstelle bei Siemens antreten - in diesem Herbst werden es wohl nur noch 2 300 sein. Der Münchner Konzern steht für den Trend: die Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft geht massiv zurück. Wenn nichts passiert, fehlen im Herbst mehr als 100 000 Ausbildungsplätze. Darauf deuten die Anmeldungen der Unternehmen bei der Bundesanstalt für Arbeit hin.

Setzt sich der Trend fort, käme es zu einer in der jüngeren Geschichte einmaligen Ausbildungsplatz-Katastrophe. Dazu darf es nicht kommen, meint der Kanzler und drohte den Unternehmen in seiner Regierungserklärung mit einer Ausbildungsplatzabgabe. Doch die Wirtschaft zeigt sich wenig beeindruckt: Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt jedenfalls glaubt nicht, dass der Kanzler Ernst macht. Auch die Fachleute der Spitzenverbände bleiben gelassen: "Ich glaube nicht, dass die Abgabe kommt", meint Karl Spelberg, Leiter der Abteilung berufliche Bildung beim Zentralverband des Handwerks. "Diese Keule hat schon Helmut Schmidt geschwungen - ohne sie je einzusetzen", fügt ein Kollege eines anderen Verbandes hinter vorgehaltener Hand hinzu.

Gleichwohl will die Wirtschaft nach anfänglichem Zögern nun aktiv werden. Sie steht im Wort, denn im Bündnis für Arbeit hatte sie jedem ausbildungswilligen Jugendlichen einen Platz zugesagt. Eine Task-Force der Spitzenverbände soll eine Kampagne für mehr Lehrstellen entwerfen. Nur 30 % aller Betriebe bilden aus, weitere 10 bis 20 % seien dazu in der Lage, schätzt Spelberg. Im Handwerk kommen auf 100 Beschäftigte gut zehn Lehrlinge - in Industrie und Dienstleistungsunternehmen sind es nur 3,4 %. Potenzial gebe es vor allem bei den großen Mittelständlern.

Doch die Werbe-Strategie ist noch nicht klar. Geplant sind vor allem allgemeine Appelle. Daneben setzt die Wirtschaft auf Rezepte aus Ostdeutschland. Dort finanzierte der Bund mit rund 9 Mill. Euro pro Jahr "Lehrstellenentwickler" bei den Kammern - 2002 konnten sie 14 400 Plätze akquirieren. Nun sollen sie auch die Klinken von West-Unternehmen putzen. Günter Lambertz, Experte für Berufsbildung beim DIHK ist jedoch skeptisch. Er fürchtet, "dass zwar vorn zwei Plätze gewonnen, gleichzeitig aber hinten drei verloren gehen".

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hatte bereits im Januar eine "Ausbildungsoffensive" angekündigt - bislang gibt es nicht mal ein Konzept. Fest steht nur, dass Bulmahn und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) persönlich über Land fahren und für mehr Lehrstellen werben wollen. Unorthodoxe Ideen wie eine Ausbildungs-Gala oder eine Lotterie wurden wieder ad acta gelegt. Auch aus dem Vorhaben, gemeinsam mit den Sozialpartnern zu marschieren, wurde bislang nichts. Die Wirtschaft agiert lieber allein.

Befriedigt haben Wirtschaftsvertreter jedoch registriert, dass die Regierung gewillt ist, sich massiv für deutlich mehr zweijährige Ausbildungen einzusetzen. Derzeit machen rund 56 000 Jugendliche eine solche Kurzzeit-Lehre - rund die Hälfte davon als Verkäufer. Mit 18 weiteren Kurzausbildungen - vom Pfleger für den ambulanten Dienst über die Fachkraft für Express- und Postverkehr bis zum Maschinenführer - könnten bis zu 25 000 neue Plätze entstehen, heißt es in einem Papier des Kuratoriums der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung.

Weil nach einem ungeschriebenen Gesetz die Sozialpartner neue Berufsbilder aber gemeinsam dem Gesetzgeber vorlegen, konnten die Gewerkschaften den Trend zur "Billig-Ausbildung" bislang aufhalten. Vor wenigen Tagen drohte Bulmahn hinter verschlossenen Türen mit der Aufkündigung der Harmonie: Im Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung kündigte sie an, die Regierung werde "plausible Vorschläge eigenständig prüfen". Den Gewerkschaftsvertretern sei vor Schreck "die Kinnlade heruntergefallen", beobachteten Abgesandte der Wirtschaftsverbände. Doch selbst wenn die Wirtschaft sich hier durchsetzt - profitieren werden davon frühestens die Schulabgänger im Herbst 2004.

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