Unternehmen
Kein Anschluss unter dieser Nummer

Mit hochfliegenden Pläne hat die Telekom ihre eigene Personal-Service-Agentur gestartet. Jetzt soll eine neue Führung die schlimmsten Irrtümer beseitigen.

Düsseldorf. Nach drei Monaten fingen die Nachbarn an, dumme Fragen zu stellen. "Wie lange geht Ihr Urlaub denn eigentlich noch?" wollten sie wissen. "Was sollte ich antworten: dass ich ein Luxusarbeitsloser bin, der zu Hause Däumchen dreht und weiter sein Geld bekommt? Das hätte mir sowieso keiner geglaubt", erzählt ein Monteur der Deutschen Telekom aus den neuen Bundesländern. "Also habe ich nur mit den Achseln gezuckt."

Seit fast einem halben Jahr ist der Mann bei der Personal-Service-Agentur (PSA) der Telekom angestellt. Seinen Namen will er lieber nicht in der Zeitung lesen, weil er noch immer auf einen neuen Job bei seinem alten Arbeitgeber hofft. Die Chancen für eine Vermittlung bewertet er aber als "nahezu aussichtslos. Die PSA, das läuft einfach nicht. Die Vermittler sind nicht qualifiziert und schlicht überfordert."

Die Personal-Service-Agentur der Telekom, das ist eine eigene Arbeitsvermittlungsstelle des Bonner Konzerns, eine Mischung aus internem Arbeitsamt und Leiharbeitsfirma. Anders als die PSA nach dem Hartz-Modell geht es der Telekom aber nicht um die Vermittlung von Arbeitslosen, sondern um Konzernbeschäftigte mit Arbeitsvertrag.

Die Agentur soll dem Unternehmen helfen, schlanker und effizienter zu werden, die Personalkosten zu drücken und ohne betriebsbedingte Kündigungen Tausende von Stellen zu streichen. Insgesamt zwei Milliarden Euro will die Telekom mit Hilfe der PSA bis 2005 einsparen. Danach sollen die jährlichen Personalkosten um 1,5 Milliarden Euro niedriger liegen als bisher.

Jetzt, ein Jahr nach dem Start der Zeitarbeitsagentur, ist klar: Es gibt kaum Jobs - kein Anschluss unter der PSA-Nummer. Die Erfolge lassen auf sich warten. Fast 10 000 Angestellte sind derzeit in der PSA, weitere 10 000 sollen in diesem Jahr noch rein, nur knapp 300 hat der Konzern nach außen vermittelt - vor allem Auszubildende.

Doch es sind nicht allein die Zahlen, an denen Insider festmachen, dass die Agentur nicht funktioniert. "Der PSA fehlen einfach die Strukturen, die Prozesse, die Organisationsform - alles, was eine Personal-Service-Agentur braucht, um erfolgreich zu agieren", heißt es in Telekom-Führungskreisen über die "größte Baustelle des Konzerns".

Jetzt hat die Unternehmensspitze gehandelt. Die bisherigen PSA-Geschäftsführer Dieter Henze und Ulrich Senger wurden zum 1. Juli durch Dietmar Welslau und Martin Walter ersetzt. Welslau, bisher Leiter des Zentralbereichs "Human Resources Management" und einer der engsten Vertrauten von Personalvorstand Heinz Klinkhammer, übernimmt die Rolle des Sprechers. Walter, zuvor Chef des Zentralbereichs "Konzerncontrolling 1" und einer der klügsten Köpfe im Ressort von Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick, leitet als gleichberechtigter Geschäftsführer die Abteilung "Finanzen und Controlling".

Wurden bislang alle Beschäftigten, deren Job gestrichen wurde, egal ob Beamter oder Handwerker, fast automatisch in die PSA versetzt, deutet der neue PSA-Chef Welslau einen radikalen Strategiewechsel an. Im Intranet des Konzerns wird er so zitiert: "Es müssen künftig alle alternativen Wege beschritten werden, bevor ein Mitarbeiter in die PSA versetzt wird. Diese kann nur als Ultima Ratio gesehen werden."

Noch vor ein paar Jahren war es auch bei der Telekom viel einfacher, Arbeit zu den Menschen zu bringen. Mit Mobilfunk machte das Unternehmen glänzende Geschäfte, und es war jede Menge übrig für die Übriggebliebenen der gelben Post-Ära. Wurden beispielsweise in Gera von heute auf morgen 150 Fernmeldehandwerker ihren Job los, schuf die Telekom dort eben ein neues Call- Center und brachte ihren Technikern kurzerhand Fachbegriffe wie Preselection und Call by Call bei.

Doch nun muss überall beim Personal gespart werden - für die Telekom eine besonders heikle Aufgabe, weil in dem ehemaligen Staatsbetrieb noch immer 50 000 Beamte mit dem Status "unkündbar" beschäftigt sind, mithin jeder zweite Mitarbeiter in der Festnetzsparte T-Com. Und auch kein einziger der Angestellten darf bis Ende 2004 entlassen werden, so will es eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat. Was also tun mit denen, die bald keinen Job mehr haben, weil jetzt die Fernsprechauskunft X und die Niederlassung Y für immer zugesperrt werden? Was tun mit den 30 000 Angestellten bei T-Com, deren Stellen im Zuge des Projekts mit dem sarkastisch klingenden Kürzel "Nice" (für "Net Infrastructure Customer Engineering") bis 2005 wegfallen sollen?

Der Druck lastet auf Personalvorstand Klinkhammer. Der Mann mit dem Vollbart und dem rheinischen Dialekt, der eher als Gewerkschafter denn als oberster Personalmanager durchgehen würde, brauchte eine Lösung mit Spielraum. Schnell legte er sich auf das PSA-Modell fest. Im Aufsichtsrat gab es dazu unterschiedliche Meinungen, ob angesichts der schwierigen Situation auf dem Gesamtarbeitsmarkt ein derartiges Projekt erfolgreich betrieben werden könne, berichten zwei Aufseher übereinstimmend. Die Mahner sollten Recht behalten: Nicht nur die Telekom-PSA hat Probleme, auch die nach dem Hartz-Modell installierten auf dem freien Arbeitsmarkt.

Klinkhammer aber erhielt volle Rückendeckung durch den damaligen Übergangs-Vorstandschef Helmut Sihler. Also handelte der Personalvorstand mit den Gewerkschaften einen - wie sich inzwischen herausgestellt hat - wenig praktikablen Kompromiss aus, den er auch noch teuer bezahlen musste: mit einem vergleichsweise hohen Tarifabschluss. Gleichwohl feierte der Personaler die Übereinkunft, deren Spielregeln in einem Tarifvertrag mit dem sperrigen Titel "Rationalisierungsschutz und Beschäftigungssicherung (TV Ratio)" auf mehr als 60 Seiten exakt festgehalten sind, als großen Erfolg. Insider erinnern sich, wie Klinkhammer schwärmte: "Wir schaffen nun ein Instrument, von dem der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, noch träumt" - ein konzerneigenes großes Arbeitsamt, das Leute, deren Stellen gestrichen werden, fortbildet und nach außen vermittelt.

Es sollte gerecht zugehen und nicht "nach dem Nasenfaktor, sondern für alle nachvollziehbar entschieden werden", erzählt Otmar Dürotin, bei der Gewerkschaft Verdi für die Telekom-PSA zuständig. So wurde das Auswahlverfahren streng schematisiert. Es orientierte sich an der Leistung und dem Alter. Diejenigen Kandidaten, für die die PSA kein Platz hatte, die verblieben im Unternehmen.

Warum das Konstrukt nicht funktionierte, dafür nennt ein führender Manager ein einleuchtendes Beispiel: So wurden vielfach die Bewertungen von Mitarbeitern manipuliert. Vorgesetzte hätten Angestellte, die sie abschieben wollten, besser bewertet, wenn diese damit eher die PSA-Kritierien erfüllten und umgekehrt. "Das ist ein ganz natürliches Verhalten, schließlich will kein Chef seine Leistungsträger abgeben", heißt es in Führungskreisen. "Bisher seien deshalb zu häufig die Lahmen und Schwachen in der PSA gelandet." Der Manager fügt an: "So verbessert man womöglich das eigene Spartenergebnis, aber an den Personalkosten des Konzerns ändert sich gar nichts." Hinzu kam: Viele Stellen blieben vor allem deshalb unbesetzt, da Konzerntöchter sich häufig einer internen Besetzung verweigern, berichten Betriebsratskreise.

Jetzt erhält die neue PSA-Führung ein Jahr Zeit, um endlich eine funktionierende Einheit aufzubauen. Von kurzfristigen Erfolgen aber hat sich der Konzern verabschiedet. "Der Erfolg der PSA wird nicht an Quartalszahlen zu beurteilen sein, aber in einem Jahr werden wir uns das wieder genauer angucken", heißt es aus der Führungsetage.

Künftig sollen die einzelnen Telekom-Divisionen stärker als bisher in die Arbeit der PSA eingebunden werden, "um den Handlungsspielraum zu erweitern", wie es PSA-Leiter Welslau nennt. In der Praxis soll das wohl so aussehen: Die einzelnen Telekom-Säulen legen der PSA jeweils Listen mit den Angestellten vor, deren Arbeitsplätze wegfallen. Die Agentur-Leitung kann dann entscheiden, bei wem sie eine Chance zur Vermittlung sieht und wessen Betreuung sie übernimmt. Beamte, die als nahezu unvermittelbar gelten und auch wenig Mobilität signalisieren, würden so gleich außen vor bleiben.

Dazu aber braucht es neue Regeln. Und das heißt: "Neue heiße Diskussionen mit Verdi", ist aus dem Aufsichtsrat zu hören.

Da die PSA künftig auch unter einem anderen Label vermarktet und möglichst weit weg von der Telekom positioniert werden soll, sprechen Unternehmenskreise schon über eine Konkurrenzveranstaltung zu Randstad oder Adecco, also jenen Zeitarbeiterfirmen, die längst ähnliche Modelle verfolgen - allerdings mit einem besseren Image. Weil die PSA-Beschäftigten weiter Geld bekommen, dafür aber nichts tun müssen, spotten Telekom-Angestellte gerne: Das Agenturkürzel stehe wohl für Palmen, Sonne und StrAnd.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%