Unternehmen
Kein schöner Land – Ansichten eines Weltkonzerns

Eine Gruppe kommunaler Aktionäre blockiert den Umbau bei RWE. Die Interessen vieler Städte an Rhein und Ruhr gefährden die Position des neuen Chefs Harry Roels.

Essen, 26. Juni. Die Sonne brennt vom fast wolkenlosen Himmel, dem die versammelten Aufsichtsräte des Energiekonzerns RWE an diesem Morgen ziemlich nahe sind. Im 26. Stock des Hauptquartiers, 120 Meter über dem Stadtzentrum, ist das 20-köpfige Kontrollgremium zu einer Sitzung zusammengekommen, nach der bei RWE nichts mehr so sein soll wie früher.

Harry Roels, seit März neuer Vorstandschef, will RWE eine neue Struktur verpassen. Ausgerechnet der Niederländer, der als erster Ausländer an der Spitze des so tief im Ruhrgebiet verwurzelten Konzerns steht, strebt einen radikalen Wandel an. Er will die Zahl der Führungsgesellschaften von 13 auf sieben reduzieren, er will den Vertrieb und die Produktion von Strom und Gas bündeln und den Auftritt aller Konzerntöchter unter der Dachmarke RWE vereinheitlichen.

Es läuft gut für Roels an diesem Sommertag. Unter der Leitung von Oberaufseher Friedel Neuber arbeitet das Gremium die Tagesordnung ab. "Es hat nicht mehr Nachfragen gegeben als sonst", berichten mehrere Teilnehmer übereinstimmend. Kurz nach 14 Uhr geht die Runde auseinander, der auch Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner und Bayer-Aufsichtsratschef Manfred Schneider angehören. Einstimmig hat das Gremium Roels? Pläne abgesegnet. Schon Anfang Oktober soll die neue Struktur stehen.

Doch in dem Tempo, das Roels vorgibt, geht ein Detail unter: "Die vorgesehenen Änderungen (. . .) bedürfen allerdings noch weiterer Verhandlungen und der Zustimmung der kommunalen Aktionäre von RWE Gas", so steht es in einer nach der Aufsichtsratssitzung eilig verteilten Presseerklärung.

Der Satz liest sich wie eine unbedeutende Randnotiz, wie eine Kleinigkeit für einen Konzern, der globale Ansprüche hegt und der in den vergangenen Jahren immer nur eins wollte: Expansion um jeden Preis.

Die kommunalen Aktionäre von RWE Gas, das sind 46 westfälische Kreise, Städte und Gemeinden, Ortschaften wie Arnsberg, Vlotho oder Warendorf, kündigen noch am gleichen Tag "energischen Widerstand" an. Der Konzernvorstand erwecke "den falschen Eindruck, dass die vorgesehene Strukturveränderung fast zu Ende verhandelt" sei. Wolfgang Schäfer, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und Sprecher der Gas-Opposition, redet von "einem ernsten Konflikt. Ich sehe keinen Ansatz für eine einvernehmliche Lösung." Zwei Wochen später werden die Gas-Aktionäre den Konzernumbau mit 45 zu einer Stimme ablehnen.

Schäfer weiß genau: Roels wird den Kommunen weitere Zugeständnisse machen müssen (siehe: "Geld gegen Gas"). Mit ihrer Sperrminorität bei RWE Gas können sie einen der wichtigsten Punkte der neuen Konzernstruktur blockieren - das Konzept, Strom und Gas aus einer Hand anzubieten. "Wenn er das Problem nicht rechtzeitig lösen kann, wäre das eine schwere Niederlage für ihn", sagt ein Aufseher, der Roels eigentlich wohlgesinnt ist. Ein führender Manager einer RWE-Tochter brüstet sich bereits mit einer Revoluzzerrolle: "Wir haben Roels bewusst in die kommunale Falle laufen lassen", sagt er, freut sich über die "Roels-Demontage" und darüber, dass auf den Fluren bereits spekuliert werde, der Niederländer wolle ja sowieso nur eine Periode im Amt bleiben.

Ein einmaliger Aufstand der zu kurz Gekommenen? Roels mag sich dazu nicht äußern. Für ihn steht viel auf dem Spiel. Doch der Streit um das Gas wirft noch eine bedeutendere Frage auf: Wie sehr wird RWE durch seine ungewöhnliche Eigentümerstruktur blockiert?

Bisweilen sieht es so aus, als sei die Zeit in der RWE-Heimat an Rhein und Ruhr stehen geblieben. Während Harry Roels um einen neuen Konzernaufbau ringt, wird die Aktionärsstruktur noch immer bestimmt durch Entscheidungen aus der Gründerzeit des Unternehmens. Die 1898 gegründete Rheinisch Elektrizitätswerk AG-Westfälische hatte früh begonnen, Kommunen am Unternehmen zu beteiligen - vor allem, um sich diese als Kunden zu sichern.

Heute sind 51 Prozent der Aktien in Streubesitz. Allianz und Münchener Rück als größte Einzelaktionäre halten zusammen etwa 13 Prozent, die mehr als 100 Kommunen, Kommunalverbände und Sparkassen kommen auf rund 36 Prozent, teilweise zusammengefasst in komplexen Schachtelbeteiligungen. Damit haben die Kommunen genug, um an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt zu sein und sie im Zweifel auch blockieren zu können.

Harry Roels, 55, war geholt worden, als es um die Nachfolge Dietmar Kuhnts ging. Aufsichtsratschef Neuber wollte einen, der nicht in das für RWE typische Gestrüpp kommunalpolitischer, unternehmerischer und gewerkschaftlicher Interessen verheddert war. Einen, der die Probleme des Konzerns unvoreingenommen angehen konnte. Kuhnt hatte RWE kräftig erweitert: Wasser, Strom, Gas, Entsorgung - überall sollten die 132 000 Mitarbeiter in der Weltliga mitspielen. Aber auch der Schuldenstand wuchs.

Deshalb muss Roels jetzt sparen. Er kam als Chef ohne Hausmacht, ungewöhnlich für einen Ruhrkonzern wie RWE. Und er brachte auch kein Team ihm ergebener Manager aus der Royal-Dutch-Zentrale in Den Haag mit. Aufsichtsräte beschreiben ihn als "offen" - auch neu für RWE. "Der geht unvoreingenommen auf die Leute zu, hört sich alles an", erzählt ein Kontrolleur. "Das ist manchmal vielleicht schon ein bisschen unbedarft. Ich würde an seiner Stelle nicht jedem trauen." Ein anderer Aufsichtsrat legt nach: "Roels ist bei der Gas-Geschichte nicht rechtzeitig gewarnt worden. Es stellt sich die Frage, ob er die richtige Mannschaft um sich versammelt hat."

Die Kritik zielt auf Gerd Maichel, im Konzernvorstand für die Verhandlungen mit den kommunalen Aktionären zuständig. "Roels als Niederländer kann nicht jedes kleine Vertragsdetail der Vergangenheit kennen", sagt ein dritter Kontrolleur. "Aber Maichel war früher VEW-Chef. Der musste wissen, dass es schwierig wird - und gibt eine äußerst schwache Figur ab."

Ein kommunaler Aufsichtsrat erzählt, der Vorstand habe Anfang Juni 19 Vertretern der kommunalen Gas-Aktionäre die Pläne vorgestellt. Spätestens da hätten Maichel und Roels die Probleme erkennen müssen. Denn alle 19 sagten Nein.

All das zeigt: Einflussreiche Kreise arbeiten im Konzern gegen den neuen Chef. Den Grund dafür spricht Aufsichtsrat Ralf Hiltenkamp, Betriebsratsvorsitzender der RWE Umwelt Westfalen, offen aus: "Roels? Position würde durch die neue Struktur gestärkt. Alte Seilschaften verlören an Einfluss oder würden zerrissen." Der Niederländer hat schon jeden einzelnen Kopf der Konzernspitze durch die Personalberatung Egon Zehnder bewerten lassen. Und will sich nun von 1 000 Managern trennen.

Am Dienstag stellt Roels in London die Halbjahresbilanz vor. Auf halbem Weg zwischen Frankfurter Hauptbahnhof und Mainufer wird dann auch Thomas Deser im elften Stock des Union-Investment-Hochhauses via Bloomberg Roels? Auftritt verfolgen. Deser managt für Deutschlands größte Fondsgesellschaft vier Aktienfonds, die allesamt RWE-Anteile halten. Wo die Großaktionäre Allianz und Münchener Rück zum Thema RWE schweigen oder sich auf Floskeln wie "Wir hoffen, dass der Konzern sich weiter gut entwickelt" beschränken, wird der Fondsmanager deutlich. Die Gesamtstrategie des neuen Konzernchefs halte er für richtig, sagt er zwar. "Aber Roels hat beim Umbau des Konzerns keine Zeit zu verlieren." Als "vordringlich" beurteilt Deser die Eingliederung der Gas-Sparte. "Dieses Geschäft wird eine steigende Bedeutung haben. Es wäre schön, wenn das auch die Blockierer unter den Kommunen begreifen und sich wie echte Aktionäre verhalten würden."

Einmal in Fahrt, findet Deser schnell einen neuen Aufreger: RWE Umwelt, jener Zweig, der in der Vergangenheit vor allem durch rote Zahlen und die Skandale um Müllverbrennungsanlagen und die Tochter Trienekens auffiel. Für "unprofitabel bis skandalträchtig" hält er das Müllgeschäft. "Und dann bietet der Bereich ja noch eine Menge Posten für so manchen Beamten."

Tatsächlich gibt es viele solcher Karrieren bei RWE wie die von Manfred Scholle, früher Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und heute Chef von RWE Gas. Oder wie die von Richard Klein, dem ehemaligen Oberstadtdirektor von Duisburg. Klein stieg im Konzern auf, wurde erst Chef von RWE Umwelt und war dann im Vorstand zuständig für Fusionen und Übernahmen. Seit er im März gehen musste, gibt es im RWE-Konzernvorstand niemanden mehr mit kommunaler Vergangenheit. Doch die Kommunen sind weiter mächtig. Sie sitzen stets mit am Tisch, wenn bei RWE wichtige Entscheidungen fallen. Der Gesamtkonzern ist ihnen zwar wichtig, letztlich aber zählen vor allem die eigenen kleinen Interessen.

Einer der gewieftesten Spieler im Energie-Monopoly sitzt in Dortmund, im Rathaus am Friedensplatz: Gerhard Langemeyer, 59, gehört als einer von vier kommunalen Vertretern dem Aufsichtsrat an, er ist Vorsitzender des Verbands der kommunalen VEW-Aktionäre, er gilt als einer der Anführer der SPD-regierten Städte und Gemeinden. 3,4 Prozent hält seine Stadt an dem Energiekonzern, und zwar gerne. All die Fondsmanager und Analysten, die darauf warten, dass die Kommunen aussteigen, damit sich der Konzern endlich frei bewegen kann, sie können ihn nicht irre machen: "Die wissen zu wenig über das Versorgergeschäft. Wir sind schließlich nicht nur Aktionäre, sondern auch Kunden. Und die kommunale Nähe bedeutet Stärke."

Tatsächlich sagt ein anderes Aufsichtsratsmitglied, sichere Gewinne brächten dem Konzern vor allem die Strom- und Gaslieferungen an die Stadtwerke: "Das sind die Geschäfte, die Finanzvorstand Klaus Sturany beruhigen." Dann schiebt der Aufseher Daumen und Zeigefinger der linken Hand bis auf einen winzigen Spalt zusammen: "Bei Bayer ist unsere Marge so klein."

Im Klartext heißt das: Viele Kommunen zahlen mehr als nötig, auch weil RWE oft an den Stadtwerken beteiligt ist. Einer profitiert vom anderen, und der Wettbewerb bleibt außen vor. Aber Langemeyer ist Sozialdemokrat, er hält den Staat hoch und seine Pflicht, den Bürger vor den Unbilden der Privatwirtschaft zu schützen. "Die RWE-Dividende hilft uns, den öffentlichen Nahverkehr und Infrastrukturprojekte in Dortmund zu finanzieren", räumt er offen ein. Und gerade erst hat er gemeinsam mit der Stadt Bochum für 835 Millionen Euro den Versorger Gelsenwasser gekauft. "Wir haben damals VEW mitgegründet, weil wir eine gute Versorgungsqualität zu vernünftigen Konditionen sichern wollten", stellt er klar. "Das gilt noch immer."

Langemeyer, sanft gelbes, fein kariertes Jackett, Nickelbrille, buschiges braunes Haar, ist kein Lautsprecher. Er redet ruhig und überlegt. Ihm geht es in Sachen RWE noch um etwas anderes als Daseinsvorsorge: um 1 600 Arbeitsplätze. Als RWE die in Dortmund ansässige VEW übernahm, erhielt die Stadt als mächtigster Aktionär die Zentralen von RWE Gas, RWE Net und RWE Systems. Langemeyer ließ das vertraglich festschreiben. Als erste Details eines Umbauplans bekannt wurden, signalisierte der Bürgermeister Widerstand - und hatte Erfolg. Dortmund behält den Hauptsitz der Vertriebsgesellschaft für Gas und Strom, die RWE Energy heißen soll. "Natürlich ist die Frage von Arbeitsplätzen bedeutend", sagt er.

67 Kilometer weiter südwestlich, am Rhein, trifft man einen Mann, der mit Langemeyer wenig gemein hat. Düsseldorf, historisches Rathaus: Joachim Erwin, 53, schaut auf ein Blatt Papier. Darauf sackt eine dünne schwarze Kurve auf ihrem Weg vom Juli 2001 bis zum Juli 2003 langsam in die Tiefe. Immer wieder schlägt sie kurze Haken nach oben, um dann doch wieder an Höhe zu verlieren, erst im letzten Fünftel kämpft sie sich etwas hoch.

"Das tut weh", sagt Erwin. Der Mann ist groß gewachsen, trägt einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug. Ein gutes Dutzend Urkunden im Vorraum seines Büros weist ihn als Freund des Krautrockers Udo Lindenberg und als hoch dekorierten Karnevalisten aus. Sein eigentliches Amt aber ist das des Oberbürgermeisters in Düsseldorf, und deshalb gefällt ihm die schwarze Kurve nicht; sie zeichnet den Kursverlauf der RWE-Aktie nach, und seine Stadt besitzt rund 15,7 Millionen Anteilsscheine. Knapp 50 Euro kosteten die Aktien im Juli 2001, als Erwin das Aktienpaket verkaufen wollte. Etwa 785 Millionen Euro hätte er kassieren können. Heute ist die Kurve bei 25 Euro, also genau der Hälfte, angekommen.

Der Plan scheiterte damals. Und Freunde in der großen RWE-Familie hat sich Erwin durch seine öffentlich geäußerten Verkaufspläne auch nicht gemacht. Heinz-Eberhard Holl, Geschäftsführer des Verbands der kommunalen RWE-Aktionäre (VKA), polterte: Erwins Vorstoß sei "unabgestimmt und unvernünftig. Herr Erwin hat keinerlei Mandat, mit amerikanischen Fondsmanagern und Investmentbanken über den Verkauf von Anteilen der kommunalen Aktionäre beim RWE-Konzern zu verhandeln."

Der Bürgermeister hatte unsolidarisch gehandelt, das kam nicht gut an. Vor einem Verkauf hätte er die Düsseldorfer Anteile ohnehin zuerst den anderen kommunalen Aktionären anbieten müssen. Mit einem Abschlag von zehn Prozent - eine der bizarren RWE-Regeln, inzwischen allerdings abgeschafft.

Auch RWE selbst reagierte: "Die haben mir gleich eine Ansiedlung versprochen. 50 Mitarbeiter oder so", sagt Erwin verächtlich. "Powerline. Die gibt es längst nicht mehr." Standortpolitik à la RWE, das ist für Erwin die Sache der anderen. Für ihn, den CDU-Mann, der seine Stadt führt "wie ein Unternehmen", zählt auch bei der Beteiligung an RWE "nur eins: die Rendite".

Ihm wäre es am liebsten, "wir würden die kommunalen Anteile zu einem Paket bündeln und als Ganzes an einen strategischen Investor verkaufen". Allerdings nur zu einem höheren Kurs. Denn momentan sei die Dividendenrendite bei RWE höher als die Kreditzinsen bei einer Neuverschuldung.

Auch andere Kommunen würden gerne verkaufen, wenn der Preis stimmt. Oberhausens Oberbürgermeister Burkhard Drescher, der bei RWE wie Langemeyer im Aufsichtsrat sitzt, nennt 43 Euro als geeigneten Kurs. "Gemeinsam mit der WestLB oder der Deutschen Bank sondieren einige bereits Möglichkeiten für einen geordneten Ausstieg."

Doch seit die Blockade der Gas-Aktionäre bekannt wurde, geht der Kurs nach unten. Derzeit sind es gut 24 Euro, während der Dax in den vergangenen Wochen zulegte. Das Vertrauen der Börse in den neuen Mann an der Spitze scheint zu schwinden.

RWE übt sich derweil in Pendeldiplomatie: Vorstand Gerd Maichel verhandelt mit den Kommunen, Oberbürgermeister Langemeyer, sowohl RWE - als auch Gas-Aktionär, versucht sich als Vermittler. Er war der Einzige, der in einer Gesellschafterversammlung für das Konzept stimmte - nachdem er für Dortmund die Energy-Zentrale gesichert hatte. Roels selbst wirbt bei Stadtwerken um Unterstützung.

Im Gas-Streit wird am Ende alles wohl eine Frage des Preises sein. Carsten Schlufter, Analyst für Energiewerte bei der Fondsgesellschaft Deka, warnt bereits: "Wirtschaftlich macht die Eingliederung der GasSparte nur dann Sinn, wenn der Preis nicht zu hoch ist." Ein Vertreter der Kommunen gibt sich unterdessen weiter uneinsichtig - und selbstbewusst: "Wir werden immer noch unterschätzt."

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%