Unternehmen können bis zu 50 Prozent sparen
Deutsche Firmen lagern ganze Prozesse aus

Bislang verlagerten viele Unternehmen vor allem einfache Produktionsarbeiten in Drittländer. Doch mittlerweile entdecken auch immer mehr deutsche Unternehmen, dass sie Arbeiten, die bisher in München oder Berlin erledigt wurden, preiswerter in Bangalore oder St. Petersburg bekommen.

FRANKFURT/M. Das so genannte Offshoring - also die Verlagerung von bestimmten Aufgaben und vor allem Dienstleistungen in ein Niedriglohnland - hat Hochkonjunktur in deutschen Konzernzentralen.

Ob klein oder groß - kaum ein IT-Spezialist kann sich dem Trend entziehen. Zuletzt kündigte die Darmstädter Software AG zusammen mit dem indischen Softwareunternehmen iGate Global Solutions, einer Tochter des US IGate Corp., -Konzerns die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens an. In erster Linie sind es die enormen Kostenvorteile, die die IT-Firmen ins Land der Maharadschas treiben. "Wenn es richtig gemacht wird, können die Firmen bei geeigneten Dienstleistungen zwischen 30 und 50 Prozent an Kosten sparen", bestätigt Wolfgang Thiel, Geschäftsführer der Boston Consulting Group (BCG) in Köln. Allein die Lohnkosten für gut ausgebildete Ingenieure und IT-Spezialisten lägen in Indien um rund 75 bis 80 Prozent unter denen der USA.

Das weiß auch seit längerem der Softwareriese SAP aus Walldorf zu schätzen. "Wir weichen auf billigere Entwicklungsstandorte wie Indien oder Bulgarien aus", kündigte Vorstandschef Henning Kagermann kürzlich in einem Interview an. SAPs Finanzchef Werner Brandt wird noch deutlicher. "Wenn wir zusätzliche Mitarbeiter einstellen, werden wir das an den Standorten mit niedrigen Kosten tun. Das sind Indien, Bulgarien und China." Die Zahlen sprechen für sich: Zurzeit beschäftigt der Konzern aus dem nordbadischen Walldorf 500 Mitarbeiter in Bangalore. Mittelfristig soll sich diese Zahl auf rund 1 000 verdoppeln.

Doch längst ist es weit mehr als die niedrigen Löhne, die die Unternehmen nach Indien locken. "Neben den Kosten können sie über Offshore-Projekte in Indien ihre Produktivität bis zu 30 Prozent steigern", rechnet Thiel von BCG vor. Die in der Vergangenheit immer wieder vorgebrachten Argumente, die Qualität der Arbeit sei in Indien niedriger als in Deutschland, führt mittlerweile kein Manager mehr an. Das wäre nach Ansicht von BCG-Experte Thiel auch falsch. Es habe sich gezeigt, dass die Fehlerquote in Indien im Vergleich etwa zu Deutschland "signifikant niedriger" sei. Der Chef der Software AG, Karl Heinz Achinger, kann das nur bestätigen: "Hinsichtlich der Qualität sind die indischen Mitarbeiter mittlerweile mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar besser."

Hinzu käme ein attraktiver Nebeneffekt. Um die Zusammenarbeit zwischen deutschen und indischen Fachkräften wirklich effizient bewerkstelligen zu können, müssten die Firmen ihre gesamten Strukturen durchleuchten. "Diese notwendige Reorganisation der Prozesse bringt zusätzliches Einsparpotenzial", sagt Thiel.

Zusätzlichen Schwung bekommt das Offshoring durch die wachsenden Anforderungen der Kunden, also der IT-Anwender in den Unternehmen. Sie verlangen einen Service "rund um die Uhr". Dieser kann aber nur gewährleistet werden, wenn Service-Mitarbeiter in verschiedenen Ländern mit versetzten Zeitzonen arbeiten. "Das asynchrone Arbeiten ist für viele Unternehmen ein weiterer Anreiz, nach Indien zu gehen", sagt Thiel. Beispielsweise könnten über Nacht Standardaufgaben ausgeführt und Abläufe so insgesamt beschleunigt werden.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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