Unternehmen
Mannheims gefallener Sonnenkönig

Für die Mitarbeiter war er V1, für die Konkurrenz ein Enfant terrible: Doch der Aufsichtsrat ließ Hans Schreiber, den Chef der Mannheimer Versicherung, gewähren

MANNHEIM. Das Ende kommt schneller als gedacht. Bis 17 Uhr hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft den Konferenzraum 1022 im Frankfurter Flughafenhotel Sheraton am vorigen Mittwoch reserviert; doch schon kurz nach halb vier stürmen die ersten Teilnehmer demonstrativ griesgrämig aus der entscheidenden Krisensitzung. Die Rettung der schwer angeschlagenen Mannheimer Versicherung ist gescheitert.

Die Versicherungsmanager sind Zeugen eines Dominoeffektes geworden. Schon vor der Sitzung war der erste große Spieler aus der Riege der 110 deutschen Lebensversicherer ausgeschert, jetzt gibt es auch für die anderen kein Halten mehr. Axa Deutschland, Swiss Life, Zürich Leben und weitere verweigern Solidarität und Geld. "Da sollte ein Unternehmen am Leben erhalten werden, das versagt hat", sagt ein Teilnehmer. Aber auch von schlampiger Vorbereitung der Sitzung und einer miserablen Präsentation von Zahlen und Fakten ist hinterher die Rede.

Schnell hat die Branche den Schuldigen für die Katastrophe gefunden: den langjährigen Vorstandschef der Mannheimer, Hans Schreiber. Schreiber gilt hier als streitbarer Bayer, mal als Genussmensch, gar als "Sonnenkönig von Mannheim". Tatsächlich hat Schreiber die Versicherung im Rekordtempo umgekrempelt; am Ende aber hat er sich am Aktienmarkt verspekuliert.

Jetzt droht das, was alle verhindern wollten: die erste Pleite eines deutschen Lebensversicherers nach dem Zweiten Weltkrieg. Rund 370 Millionen Euro hätte die Mannheimer zum Stopfen der Löcher in der Lebensversicherung gebraucht. Jetzt muss die von der Branche frisch gegründete Auffanggesellschaft Protektor für die Lebenspolicen der Mannheimer geradestehen. Das ist ein gewaltiger Imageschaden für eine Branche, der nichts so wichtig ist wie der Ruf, solide zu sein.

"Es ist nicht fair, Schreiber für alles verantwortlich zu machen", sagt ein Konkurrent. Der Fall Mannheimer sei auch ein Beispiel für das Versagen der Unternehmenskontrolle. "Man kann Schreiber alles Mögliche vorwerfen, aber eines auf keinen Fall: Er hat den Aufsichtsrat nie belogen oder betrogen, sondern ihn stets über alles informiert."

Vor allem einer hätte Schreiber auf die Finger schauen müssen, heißt es in der Branche: Herbert Schimetschek, stellvertretender Aufsichtsratschef, intimer Kenner der Assekuranzbranche und Vertreter des größten Aktionärs. Der Mann mit den dunklen Haaren und dem breiten Gesicht hat vieles mit Schreiber gemeinsam. Auch der Österreicher gilt als Genussmensch, der die Jagd und Konzerte liebt.

Schimetschek ist eine Macht in der Wiener Finanzwelt, lange Jahre war er Vorsitzender des Versicherers Uniqa, der 13 Prozent an der Mannheimer hält. Heute steht Schimetschek an der Spitze des Aufsichtsrats der Ersten Bank und ist als Präsident des Generalrats der Österreichischen Zentralbank im Gespräch. "Er hätte sich besser öfter in Mannheim sehen lassen", heißt es unter Konkurrenten des deutschen Versicherers. Der Rest des Aufsichtsrats habe zu Schreiber aufgeblickt. Noch 2002 soll das Gremium den Vertrag des Vorstandschefs um fünf Jahre verlängert haben.

Da war der Niedergang der Mannheimer schon vorgezeichnet, denn die Weichen hat Schreiber vor Jahren gestellt. Mitte der 90er-Jahre entschließt sich der Vorstandschef, den mittelständischen Industrie- und Transportversicherer zum Personenversicherer umzukrempeln, die höheren Margen im Privatkundengeschäft reizen. Zunächst scheint die Rechnung aufzugehen. Um sich gegen die etablierte Konkurrenz durchsetzen zu können, muss Schreiber aber hohe Renditen versprechen. Deshalb fährt er die Aktienquote von zwölf Prozent 1996 auf 20 Prozent im Jahr 2000 nach oben und läuft damit voll in den Aktiencrash. Was den gelernten Psychologen Schreiber zu diesem hoch riskanten Kurs motiviert hat? "Er war ein Antreiber, aber auch ein Getriebener", erzählt einer, der ihn seit vielen Jahren kennt.

Schreibers Aufstieg beginnt Mitte der 80er-Jahre in Köln. Dort hat er den Sprung in den Vorstand der Versicherungsgruppe Nordstern geschafft. Mit pfiffigen Ideen sorgt er für Innovationen, macht sich berechtigte Hoffnungen auf den Chefposten. Doch dann kommt die Fusion mit der Colonia, und plötzlich steht ein anderer an der Spitze. Die Niederlage lastet schwer auf Schreiber. "Er erzählt immer wieder davon, auch wenn er die Tiefe der Wunde nicht zugeben will", berichtet ein Vertrauter.

Als er 1989 an die Spitze der kleinen Mannheimer Versicherung rückt, sieht er seine große Chance gekommen. Der rasante Umbau beginnt, Schreiber verschafft sich Respekt: "Es waren kleine, aber klare Zielgruppen, die er mit großem Erfolg angesprochen hat", berichtet ein Top-Manager der Branche und fügt hinzu: "Die Mannheimer hatte ein durchaus positives Image."

Auch bei den rund 1 150 Beschäftigten steht Schreiber hoch im Kurs. "Die Rolle des fürsorglichen Patriarchen hat er glänzend gespielt", erinnert sich Hinrich Feddersen, Bundesvorstandsmitglied der Gewerkschaft Verdi. Als die Gewinne noch sprudeln, zahlt der Vorstandschef deutlich über Tarif. Die Mitarbeiter geben ihm den Spitznamen "V1", angelehnt an seine E-Mail-Adresse, die klar macht, wer die unangefochtene Nummer eins im Konzern ist.

Schreiber kultiviert seine Marotten und seinen Ruf als Enfant terrible. Seinen Dienstwagen, einen Audi A8, muss der Autotuner ABT für Tempo 300 fit machen. Ins Erdgeschoss der neuen Konzernzentrale, die der Stararchitekt Helmut Jahn entworfen hat (kleines Foto), lässt Schreiber eine Bar einbauen. Hier feiert er mit seinen Vorstandskollegen Erfolge. Immer wieder legt sich der bullige Bayer mit den Großen an. Mit dem Finanzchef der Allianz wettet er um mehrere Flaschen besten Champagners, wer den schönsten Geschäftsbericht hinbekommt - und gewinnt. Doch trotz aller frühen Erfolge treibt Schreiber auch die Angst um: "Er hat befürchtet, Opfer einer Übernahme zu werden. Auch deshalb musste der Konzern so schnell wie möglich wachsen", erzählt ein Insider. Jetzt könnte es zur Übernahme oder noch schlimmer kommen. Denn potenzielle Käufer haben abgewinkt: Zu marode sind die Bilanzen, zu stark hatte sich Schreiber auf Nischen wie Golfanlagenbetreiber, Augenoptiker oder gar die "Gliedertaxe für eine linkshändige Violinistin" konzentriert. Spezialpolicen, die für Konkurrenten uninteressant sind, machen mehr als die Hälfte des Bestandes aus.

Wie es bei der Mannheimer weitergeht, kann keiner sagen, am wenigsten die Mitarbeiter. "Man verhandelt nicht mehr mit der Mannheimer, sondern nur noch über sie", heißt es auf den Fluren der Konzernzentrale. Seit dem Rücktritt von Schreiber am 13. Juni steckt der Versicherer in einer Art Schockzustand. Denn der gesamten Holding mit den übrigen Sparten Sach- und Krankenversicherung drohen die Zerschlagung und die Insolvenz. Größtes Problem sind die stillen Lasten der Lebensversicherung von knapp 240 Mill. Euro. Die Holding ist durch einen Gewinnabführungsvertrag mit der Tochter verpflichtet, diese Löcher zu stopfen.

Auch für das strukturschwache Mannheim ist der Niedergang ein harter Schlag. Von V1 hatten sich hier bis zuletzt viele die Rettung erwartet. Doch Schreiber ist abgetaucht, hat sich im firmeneigenen Bungalow im feinen Mannheimer Stadtteil Lindenhof eingeigelt: "Ich gebe keine Interviews." Schreibers Spuren aber sind noch da, dazu gehören auch die Fensterbänke der vom entworfenen Firmenzentrale. Die Bänke sind schräg. Schreiber habe vergammelnde Usambaraveilchen nicht ertragen können, heißt es.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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