Unternehmen
Mitten aus dem zornigen Leben

Viele Mittelständler sehen sich als Verlierer des Jahres. Drei Unternehmer erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Und was sie sich erhofft hatten. Eine streng subjektive Chronik.

Vor der Eingangstür steht ein Bell-Hubschrauber im Glaskasten, die Ehefrau wird gerade vom Chauffeur im 600er Daimler abgeholt, drinnen hadert Wolfgang Grupp mit Politik und Wirtschaft. Der Trigema-Chef (der mit dem Affen im Fernsehen) ist der größte T-Shirt- und Tennisbekleidungshersteller im Lande, mit Sitz in Burladingen auf der Schwäbischen Alb. Der 60-Jährige fertigt mit 1 200 Beschäftigten nur in Deutschland und teilt das gerne dem Rest der Republik mit. Maßanzug, glitzernde Manschettenknöpfe, dauererregte Gestik - Wolfgang Grupp ist der erfolgreiche Exzentriker unter den Mittelständlern.

Am Unternehmerstammtisch plant er Aktionen gegen die Bundesregierung, die Gesundheitsbranche würde er gerne komplett privatisieren, für die Antiquitäten in seinem Pflegeheim ("Echt Delfter Kacheln") fährt er persönlich durch die Republik. Josef Nottelmann, 50, ist Geschäftsführer der Potthoff Baubetreuungs- und Treuhandgesellschaft in Hamm. An zwei Pflegeheimen in Rheine und Lünen ist er zu je 26 Prozent beteiligt. Hitzig in Diskussionen, Urlaub stets in Ostdeutschland, buschiger Schnäuzer - Nottelmann ist der teilselbstständige Firmenlenker.

Seine Maschinen fräsen Hüftgelenke aus Titan und Spezialteile für Ferrari-Motoren, sein Lieblingswort ist "mü" (ein tausendstel Millimeter), seine Mitarbeiter müssen rot tragen, dürfen aber in Kleinteams ansonsten fast alles selbst entscheiden. Dietmar Hermle, 50, produziert im schwäbischen Gosheim Werkzeugmaschinen. Er ist Chef und Großaktionär der hochprofitablen Maschinenfabrik Berthold Hermle AG. Anzug von der Stange, vor der Kamera etwas steif, eine Reval nach der anderen - Dietmar Hermle ist der solide, aber enorm innovative Mittelständler.

Sie sind drei Mittelständler, sie kennen sich nicht, aber alle drei haben ein paar gemeinsame Erfahrungen in diesem Jahr sammeln müssen. Ein Rückblick aus der Sicht von Unternehmern, nicht ohne Zorn.

11. Januar: Edmund Stoiber setzt sich gegen Angela Merkel durch. Er wird der Kanzlerkandidat der Union. Das Wahlkampfjahr ist eröffnet.

Die Unternehmer wollen Stoiber, nicht Schröder, das ist schnell klar. Wolfgang Grupp freut sich vor allem, als im Mai Lothar Späth als Superminister kandidiert. Am 22. Juni lässt sich der Jenoptik-Chef im parkähnlichen Garten an der Seite der Grupps fotografieren. Die Sonne scheint. Man feiert 120 Jahre Familie Grupp.

22. Februar: Nach dem Skandal um gefälschte Statistiken beruft Bundeskanzler Schröder Florian Gerster zum neuen Chef der Bundesanstalt für Arbeit. Eine Kommission wird einberufen; VW-Personalvorstand Peter Hartz soll den Arbeitsmarkt reformieren.

Josef Nottelmann glaubt nicht an eine erfolgreiche Reform. Auch, weil er nicht an die deutschen Arbeitslosen glaubt. Anfang 2001, das Pflegeheim in Lünen war fast fertig, suchte er Nachtwächter für den Bau. Das Arbeitsamt rief 30 Arbeitslose an, "fünf, sechs haben sich gemeldet, drei sind zum Vorstellungsgespräch gekommen, nur einer hat den Job genommen". Nottelmann versteht es nicht: "Ich brauchte doch nur Menschen, die hier nachts im Warmen sitzen, lesen und ab zu durchs Haus gehen". Wer Arbeit ablehne, dürfe auch kein Geld bekommen, findet Nottelmann.

1. März: Holzmann muss Insolvenz anmelden, eine beispiellose Pleitewelle schwappt über Deutschland.

Selbst Wolfgang Grupp, dessen Unternehmen auf die außergewöhnliche Wertschöpfung von 78 Prozent kommt, machen Insolvenzen indirekt zu schaffen. Einige Zulieferer fallen aus, viele Händler schließen, die Kunden kaufen weniger. "Wir werden zwar keinen Verlust machen, aber die Rendite wird sicher darunter leiden", sagt Grupp.

2. Mai: Die Telekom-Aktie fällt unter ihren Ausgabekurs von 1996 - Zeichen eines katastrophalen Börsenjahrs.

Der Aktienkurs der Maschinenfabrik Berthold Hermle AG entwickelt sich im Frühjahr prächtig. Als der Rest der Börse schwächelt, legt der kleine Maschinenbauer zu. Ende Mai präsentiert Hermle, notiert im geregelten Markt, ein Rekordergebnis für 2001: 162 Millionen Euro Umsatz, 26,5 Millionen Euro Jahresüberschuss. Dietmar Hermle warnt zwar, der Umsatz werde 2002 deutlich sinken, aber das interessiert zunächst niemanden. Dann beginnt Anfang Juli der Absturz. Die Aktie verliert bis Oktober mehr als 50 Prozent, erholt sich danach nur leicht. "Manche Analysten können die Branche nicht wirklich beurteilen", sucht Hermle nach einer Erklärung für den plötzlichen Absturz nach der Hauptversammlung. "Wie soll ich denen in Frankfurt erklären, was unser Unternehmen ausmacht?"

5. Juli: Babcock Borsig meldet Insolvenz an, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ex-Vorstandschef Klaus Lederer. Enron, Worldcom und die eine Frage bleiben präsent: Wie steht es mit der Ehrlichkeit der Topmanager?

Wer lügt und betrügt, muss dafür geradestehen, findet Josef Nottelmann. "Aber", setzt er dann an, "wieso wird eigentlich ein Vorstandsvorsitzender eines großen Konzerns bei fehlerhaften Prognosen und Täuschung der Aktionäre bestraft, während der Bundeskanzler vor den Wahlen wichtige Fakten verschweigen darf und anschließend kalt lächelnd so tut, als sei nichts gewesen?" Im Dezember wird der Bundestag den "Lügenausschuss" einsetzen.

18. Juli: Verteidigungsminister Rudolf Scharping muss zurücktreten wegen seiner Verbindungen zum PR-Berater Moritz Hunzinger. Eine Diskussion über Lobbying hebt an.

Um 11 Uhr an einem kalten, klaren Dezembermorgen klingelt das Telefon bei Wolfgang Grupp; der PR-Berater Moritz Hunzinger ist am Apparat. Er hat Grupp ein Dossier geschickt über einen Taschenhersteller, mit dem der Schwabe am kommenden Tag in einer Interviewrunde auf Phoenix zu sehen sein wird. Ja, man kenne sich seit ein paar Jahren, sagt Grupp. Aber nein, Hunzinger arbeite nicht für ihn, es handele sich nur um eine Gefälligkeit. Wolfgang Grupp ist häufig Gast in Talkshows. Lobbying ist überall.

7. August: Deutschland wird von einer Flutkatastrophe heimgesucht, Schröder verspricht schnelle Hilfe.

Bis zu diesem Tag war für Wolfgang Grupp die Wahl entschieden. Doch, so meint er: Die Flut brachte den Umschwung für den Kanzler. Besonders die Ostdeutschen seien anfällig gewesen. "Verständlicherweise", sagt Grupp resigniert, "klammern sich die Menschen gerne an Versprechen, wenn es ihnen schlecht geht."

5. September: "Ich habe Angst, dass die derzeitigen Probleme noch tiefer gehen und in eine echte Bankenkrise münden", sagt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann auf einem Kongress in Frankfurt. Sein Konzern steckt tief in den roten Zahlen. Auch die Konkurrenz hat Probleme. Mittelständler haben es schwer, Kredite zu bekommen.

Dietmar Hermles blaue Augen strahlen etwas Verachtendes aus, wenn er über Unternehmen wie die Deutsche Bank redet: "Ich werde den Teufel tun, uns nochmals in eine Situation wie vor zehn Jahren zu bringen", sagt er. Damals hätten die Experten einer großen deutschen Bank sich Gedanken über den idealen Maschinenbauer gemacht - "und jeder, der das Konzept nicht erfüllte, sollte vom Markt verschwinden". Die Folge: Hermle, zu der Zeit ziemlich angeschlagen, wurden die Kredite entzogen.

Heute verfügt die Hermle über 70 Prozent Eigenkapital, unter Bankverbindlichkeiten steht in der Bilanz eine Null, und Dietmar Hermle will "auch größere Projekte aus dem Cash-Flow finanzieren". Bankgeschäfte macht er nur noch mit den regionalen Instituten, "die auch damals zu uns gestanden haben. Warum sollte ich wegen 0,1 Prozent besserer Zinssätze zur Deutschen Bank gehen?"

22. September: Die rot-grüne Koalition gewinnt die Bundestagswahl.

Am Montag nach der Wahl erwartet Dietmar Hermle eine Überraschung. Zwei Kunden ziehen Aufträge zurück. Sie hatten ihre schon unterschriebenen Kaufverträge per Option vom Ausgang der Bundestagswahl abhängig gemacht. "Da habe ich noch schallend gelacht, als ich das gehört habe", erzählt Hermle. "Aber die haben die Option tatsächlich gezogen." Ihm gehen knapp 500 000 Euro Umsatz verloren. Bitter in einem Jahr, in dem die Einnahmen ohnehin um 25 bis 30 Prozent sinken.

17. Oktober: Die Koalitionsvereinbarung ist fertig, Haushaltslöcher werden offenkundig, die Regierung plant Steuer- und Beitragserhöhungen.

Josef Nottelmann will genau wissen, was auf ihn zukommt. Er lädt die komplette Vereinbarung samt Anlagen aus dem Internet herunter und liest sie, "vom ersten bis zum letzten Wort". Sein Fazit: "Ich war erschüttert." Nottelmanns Stimme bebt leicht vor Empörung, wenn er über das spricht, was ihm da begegnete: "Sozialabgaben, Dienstwagensteuer, Spekulationssteuer bei Immobilien, Kürzung der Eigenheimzulage", jedes Stichwort ein Thema, über das er sich minutenlang aufregen kann.

Auf der Mitgliederversammlung des Verbands Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken in Frankfurt trägt Vorstandsmitglied Diether Klingelnberg Details aus dem rot-grünen Programm vor. Einen Tag später greift Dietmar Hermle zum Telefon und ruft seinen Aufsichtsratschef an. "Der Standort Nehren ist erledigt", sagt er. "Wir geben das Grundstück zurück." Hermle wollte in Nehren, einer Gemeinde im Kreis Tübingen, eine neue Fabrik bauen. Das Grundstück war gekauft, die Baupläne fertig, Bau- und Umweltgenehmigung erteilt. "50 000 bis 60 000 Euro hatten wir uns das Projekt bis dahin kosten lassen", schätzt Hermle. Und dann die Absage: "Wir werden keinen zweiten Standort in Deutschland aufbauen. Hier wird sich so schnell nichts ändern." Wenn wieder mehr Aufträge kommen, will er in Gosheim in kleinerem Stil anbauen - oder nach Österreich oder in die Schweiz gehen.

4. November: Der Prozess gegen die EM.TV-Brüder Thomas und Florian Haffa beginnt; es ist auch eine Abrechnung mit dem Neuen Markt.

Ach, erinnert sich Wolfgang Grupp, vor ein paar Jahren sei Thomas Haffa bei ihm gewesen, damals habe der noch für Kirch gearbeitet. "Hier hat er gesessen", zeigt Grupp auf einen Stuhl in seinem Großraumbüro. Grupp erwarb damals für ein Jahr das Recht, die Sesamstraßen-Figuren auf T-Shirts zu drucken. Danach habe man den Vertrag gelöst. Haffa sei viel zu teuer gewesen. "Der war größenwahnsinnig." Dazu passt, dass die Deutsche Börse bereits am 26. September das Aus für den Neuen Markt beschlossen hat.

13. Dezember: Unter der Leitung des Ökonomen Bert Rürup nimmt eine Kommission zur Reform der Sozialsysteme im Auftrag des Bundeskanzlers ihre Arbeit auf.

Josef Nottelmann erwartet nichts Gutes: "Über Rürup kann man reden, wenn sich Hartz bewährt hat." Pflegeheimbetreiber Nottelmann fürchtet immer neue Gremien und Regelungen. Das Anfang 2002 eingeführte Qualitätssicherungsgesetz bereitet seinen Mitarbeitern genug Ärger. "Die müssen die Pflege bis ins kleinste Detail dokumentieren, zum Beispiel: ,9.46 Uhr Bewohner Y bei Toilettengang geholfen?. Sonst bekommen wir Ärger mit der Aufsicht." Bis zu 40 Prozent ihrer Arbeitszeit bräuchten einige Mitarbeiter dafür.

Die Aussichten fürs neue Jahr: düster wie ein Winterabend, mit der Hoffnung auf Sternschnuppen.

Wolfgang Grupp: "Das Geschäft wird im Jahr 2003 sicherlich schwierig." Aber eigentlich könne man das nicht vorhersagen. Das sei so, als würde man fragen, ob man nächstes Jahr krank werde.

Josef Nottelmann: "Wir werden erst einmal kein neues Heim mehr bauen." Die Bedingungen hätten sich zu sehr verschlechtert. Die Heimaufsicht und die Bewohner gewännen stetig an Einfluss, die Rendite sei ohnehin schmal.

Dietmar Hermle: "Es wird wohl kein Wachstum geben. Aber ich glaube nicht, dass wir weiter schrumpfen werden."

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