Unternehmen müssen sich an veränderte Fakten gewöhnen: Die jungen Alten

Unternehmen müssen sich an veränderte Fakten gewöhnen
Die jungen Alten

Golfplatz statt Schreibtisch. Für viele Arbeitnehmer endet das Berufsleben bereits mit 50 Jahren. Ein Luxus, den sich die Wirtschaft nicht mehr lange leisten kann.

Bei Yahoo hat jetzt ein Senior das Sagen: 58 Jahre zählt Jerry Semel - und er ist nicht der einzige betagte Manager im Team des Internet-Unternehmens: "Bevorzugtes Einstellungsalter 40 bis 50 Jahre", lautet die Botschaft, die am Hauptsitz des Unternehmens im kalifornischen Santa Clara zu hören ist. Der junge Yahoo-Mitbegründer Jerry Yang, heute 33, hat die operative Führung an erfahrene Manager abgegeben.

Auf die besonderen Stärken der Mitarbeiter im Alter 50plus setzt auch Werner Brandenbusch, Textilunternehmer in Willich. Sein jüngster Coup: Er holte einen 61-Jährigen aus dem Ruhestand zurück, der sich schon auf ein Leben als Golf spielender Rentner eingestellt hatte. "Der rödelt jetzt wieder, und hat eine Riesenfreude dabei", sagt Brandenbusch, der den Senior zum Leiter seines Fuhrparks gemacht hat.

Zwei Beispiele, ein Trend: Die Wirtschaft entdeckt erneut die Manager und Angestellten im Alter 50plus. "Der Jugendwahn der späten Achtziger und frühen Neunziger Jahre schwächt sich deutlich ab", sagt Lothar Heimeier, Mitinhaber der Stuttgarter Personalberatung Heimeier & Partner. "Manager im Alter 50plus haben bessere Perspektiven als vor fünf Jahren."

Firmen versüßen ihren Mitarbeitern den Ausstieg

Der Jugendwahn hat einen paradoxen Arbeitsmarkt geschaffen. Zum Beispiel werden seit 1993 Elektrotechniker unter 35 Jahren kaum noch arbeitslos. Gleichzeitig stieg seit 1993 die Zahl der über 45jährigen arbeitslosen E-Techniker um 800 Prozent. Die Konsequenz dieser einseitigen Verjüngung: "In 60 Prozent der deutschen Betriebe gibt es keine Mitarbeiter über 50 Jahren mehr", diagnostiziert die Bundesanstalt für Arbeit (BA). "Viele Arbeitnehmer wurden - staatlich gefördert - in den Vorruhestand geschickt", beschreibt die Frankfurter Beraterin Monika Birkner die verbreitete Praxis. Birkner hat sich auf die berufliche Neuorientierung älterer Mitarbeiter spezialisiert. Auch das Management blieb von der allgemeinen Verjüngung nicht verschont: Großunternehmen wie RWE oder die Telekom versüßten Mittfünfzigern den Ausstieg mit so viel Geld, dass sie das Angebot kaum ausschlagen konnten.

Doch nun müssen sich die Unternehmen an veränderte Fakten gewöhnen: "Die Zahl der Alten steigt - und die öffentliche Hand hat bald kein Geld mehr, um Frühpensionierung wie bisher zu subventionieren", sagt Birkner. Außerdem sinkt der Anteil der arbeitenden Bevölkerung. 500 000 Arbeitskräfte müssten jedes Jahr nach Deutschland einwandern, um den demografisch bedingten Verlust an heimischen Arbeitskräften auszugleichen, errechnete die Internationale Arbeitsorganisation der UN in einer Prognose. Der Anteil der 20- bis 60-Jährigen an der Bevölkerung wird von heute 46,5 Prozent auf 40 Prozent im Jahr 2020 sinken. Betriebe werden sich mit dem Thema "Altern im Beruf" beschäftigen müssen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) denkt bereits laut über Konsequenzen nach: Das Rentenalter müsse deutlich erhöht werden, wenn der Arbeitskräftebedarf auch nur annähernd gedeckt werden soll, so die "acht BDI-Thesen zur Zuwanderungspolitik". In die Rente erst jenseits der 65, mit dieser Denkrichtung steht der Industrieverband längst nicht mehr allein da: Auch Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) forderte die Unternehmen bereits im letzten Jahr auf, über die Verschiebung des Pensionsalters nach hinten nachzudenken. Auch die Deutsche Bank sieht das Problem. Personalvorstand Tessen von Heydebreck sagte bereits vor einem Jahr: "Ich halte es für falsch, wenn weiterhin oben an der Alterspyramide abgebaut wird. Dort sind ja die Mitarbeiter, die das Unternehmen am besten kennen."

"Elder Performer fördern"

Spätestens wenn die anziehende Konjuktur den Arbeitsmarkt erreicht, wird der Demographie-Faktor wirksam. Ältere fahren dann mit einem besseren Ticket durch die Jobwelt: Sie werden zu einer begehrten Zielgruppe des Personalmanagements: "Elder Performer fördern" heißt das neue Schlagwort.

Was Organisationen an ihren Senioren haben, verdeutlicht Unternehmer Brandenbusch: "Ich stelle lieber einen 60-Jährigen als einen 30-Jährigen ein." Er setzt auf das Plus an Erfahrung, Verlässlichkeit und Disziplin. Außerdem hätten Mitarbeiter im Alter 50plus auch höhere Sozialkompetenz: "Sie können besser auftreten."

Der Stellenmarkt schätzt diese Qualitäten bereits: Fahrion Engineering suchte lange Zeit Ingenieure. Aber das 100-Mitarbeiter-Unternehmen in Kornwestheim wurde erst fündig, als sich die Stellenangebote ausdrücklich auch an Kandidaten im Alter 50plus richteten. Aus der einsetzenden Flut von 300 Bewerbungen stellte Fahrion gleich mehrere erfahrene Mitarbeiter ein. Sie werden in Projekten in aller Welt eingesetzt - mit besten Ergebnissen.

Alte Hasen im Kundenauftrag

Alte Hasen unter den Diplom-Ingenieuren sucht auch die Plaut Unternehmensberatung - als Headhunter im Kundenauftrag. Und die Fundus-Immobiliengruppe sagt in ihren Stellenanzeigen: "Eine zweite Karriere finden Sie bei uns auch jenseits der 40 oder 50", das Unternehmen sucht spezialisierte Berater. Das Franchise-Unternehmen Pirtek geht wie folgt auf Partnersuche: "Neue Karriere gefällig? ... Sie kennen das Geschäftsleben, wissen Menschen einzuschätzen und zu motivieren. Wir schätzen Ihre langjährige Erfahrung."

Dass diese Expertise dem Markt wieder zur Verfügung stehen wird, zeigen Beispiele: Brandenbusch hat gerade sein "Bellheim-Netzwerk" (www.bellheim-netzwerk.de) gegründet, mit dem er Ruheständler reaktivieren will. Der Unternehmer stellt seine Datenbank interessierten Arbeitgebern zur Verfügung. 700 Einträge von Job-Kandidaten enthält sie bereits, Anfragen von Firmenseite gibt es ebenfalls.

Die Niederlande erlauben bereits einen Blick in die Zukunft: Arbeitskräfte sind dort deutlich knapper als in Deutschland - der Markt für Zeitarbeit stellt sich bereits darauf ein: Das Uitzendbureau 65+ vermittelt Arbeitnehmern im Rentenalter eine Stelle in der Zeitarbeit. Auf der Homepage des Unternehmens (www.65plus.nl) strahlen Besuchern glückliche 67- und 69-Jährige entgegen, die weiter im Jobleben sind. Deutschland dagegen leistet sich noch immer den Luxus, 62 Prozent der 55- bis 66-Jährigen nicht mehr arbeiten zu lassen.

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