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Report: T-Sparen

Knapp drei Wochen ist Telekom-Chef Helmut Sihler im Amt. Noch rätseln die Mitarbeiter verunsichert über den Kurs des Neuen. Nur eins ist klar: Es wird gespart.

DÜSSELDORF/BONN. Sparen". Genervt verzieht die Mitarbeiterin in einem der Telekom-Telefonläden namens T-Punkt Mund und Augen zu einer Grimasse und schiebt ihr massiges Doppelkinn vor. Tief holt sie Luft und legt los: "Hören Sie mal, ich kann das nicht mehr hören. Immer die mitleidigen Blicke der Menschen, jeden Tag kommen sie rein und bedauern uns, weil uns ja so ein harter Sparkurs droht. Klar, wir wissen nicht genau, wie es weiter geht, aber wenn die hier noch Leute entlassen, schneiden die sich doch ins eigene Fleisch."

T-Sparen. Seit Ron Sommers Abgang ist das Wort Programm bei der Deutschen Telekom. Unmittelbar nachdem Übergangschef Helmut Sihler seine Führungskräfte aus dem Kreis der Top 100 zu einem ersten Treffen einbestellte, erreichte die Botschaft alle 257 000 Beschäftigten. Die Telekom müsse Investitionen und Zinsen derzeit aus dem Cash-Flow bezahlen und bekomme keine zusätzlichen Mittel vom Markt, informiert etwa der Chef einer Konzerntochter seine Mitarbeiter per E-Mail. "Die Liquiditätsreserve reicht bis Oktober 2003. Daher ist einsichtig, dass ein rigides Sparprogramm notwendig ist."

Bei der Telekom wird viel spekuliert dieser Tage. Alle wissen zwar, dass gespart werden muss. "Projekt 50" heißt der Plan und sieht vor, dass die Nettoschulden bis Ende 2003 von derzeit 66,6 auf 50 Milliarden Euro gesenkt werden sollen. Ungewiss aber ist, wer wie stark bluten muss.

Helmut Sihler, lange Henkel-Chef und Telekom-Aufsichtsrat, fiel der Wechsel vom Ruhestand in den Chefsessel eines der größten Konzerne Europas offenbar nicht allzu schwer. Gleich in seinen ersten Amtstagen bat er alle Bereichsvorstände des Konzerns zu halbtägigen Einzelgesprächen. Und in dem Büro, in dem bis vor drei Wochen Ron Sommer residierte, blieb es nicht bei bloßem Kennenlerngeplauder.

Alles steht auf dem Prüfstand

Sihler hatte eine schmerzhafte Botschaft für die Manager: Es wird deutlich strikter gespart als die meisten in Bonn erwartet hatten. Bis zu einer Milliarde Euro sollen die Kosten jährlich gesenkt werden. "Wir stehen vor ernsthaften Herausforderungen", bekräftigte Sihler vor einigen Tagen noch einmal in einer E-Mail an die Top-Leute. Bereits Sommer hatte angekündigt, 30 000 Stellen bis Ende 2004 zu streichen. Sihler hat diese Zahl noch nicht nach oben geschraubt. Aber "alle künftigen und laufenden Projekte stehen auf dem Prüfstand", sagt ein Manager der dritten Führungsebene. "Viele sind vorerst gestoppt - und die, die noch laufen, werden neu verhandelt."

"Sihler ist erfahren, er kennt den Konzern", sagt zwar ein anderer Mitarbeiter und lobt seine "ausgewogene, pragmatische Art". Aber die Unsicherheit bleibt. "Auch die Budgetplanung für das kommende Jahr wird nach hinten verschoben", berichtet ein Top-Manager. "Alles wird neu geplant."

Selbst die überarbeitete Planung wird unter Umständen vorläufig bleiben. Fast im gesamten Konzern brüten derzeit Unternehmensberater über den Sinn und Unsinn von Projekten und Strukturen. "Die hat es hier auch unter Sommer ständig gegeben", sagt ein Mitarbeiter aus der Konzernzentrale. "Aber seit Sihler da ist, kann man sie nicht mehr zählen." Die Folge für das Management: Alle schreiben fleißig Positionspapiere, auch über Projekte, die längst abgesegnet waren: "Das nervt und kostet unglaublich viel Zeit."

Dazu kommt, dass niemand weiß, wie Sihlers Nachfolger mit den Entscheidungen des Kurzzeitherrschers umgehen wird. Ein halbes Jahr hat sich der langjährige Henkel-Chef Zeit gegeben. Dann will er den eigentlichen Sommer-Nachfolger präsentieren. Viel länger darf das Sihlersche Interregnum auch nicht dauern. Er ist schließlich vom Aufsichtsrat entsandt, sein Mandat als Kontrolleur ruht nur. Längstens ein Jahr darf er deshalb die Konzernspitze übernehmen.

"Allzu viel kann Sihler doch gar nicht machen", überlegt daher ein Mitarbeiter. "Sonst bleibt dem neuen Chef kein Handlungsspielraum mehr, um der Sache seinen eigenen Stempel aufzudrücken." Einige Projekte, die Sihler jetzt offenbar forcieren will, hat denn auch bereits Vorgänger Sommer geplant - beispielsweise eine Preiserhöhung bei der Festnetzsparte T-Com.

Klarheit gibt es erst nach dem 21. August

Danach könnte die monatliche Grundgebühr für die 50 Millionen Telekom-Anschlüsse von Anfang 2003 um bis zu zwei Euro angehoben werden. Das brächte mehr als eine Milliarde Euro zusätzlich in die Telekomkasse. Um zu verhindern, dass massenweise Kunden abspringen, sollen Ortsgespräche abends und am Wochenende nichts mehr kosten.

Was der Konzern tatsächlich in Angriff nimmt, wird wohl erst am 21. August bekannt gegeben, wenn die Telekom ihre Halbjahreszahlen veröffentlicht. Aber auch danach werde es wohl ein halbes Jahr dauern, bis sich die Unruhe unter den Mitarbeitern gelegt habe, "und die Menschen sich wieder mehr mit ihrem Job als mit sich selbst beschäftigen", prognostiziert einer, der eine solche Phase schon einmal erlebte - bei der Telekom-Tochter T-Mobile, als vor fünf Jahren Kai-Uwe Ricke den damaligen Mobilfunkchef Lothar Hunsel ablöste.

So lange möchte Ingrid Goerner, 38, nicht warten. Am 16. Juli, Ron Sommers letztem Telekom-Tag, hatte die Call-Center-Mitarbeiterin ihre schwarze Lederjacke angezogen und war mit Kollegen nach Bonn gefahren. "Der Neue müsste doch innerhalb von drei Monaten Ergebnisse präsentieren", befürchtete sie da unter einem großen Pro-Sommer-Transparent. "Und wie macht man das? Indem man Leute entlässt."

So weit sei es noch nicht, sagt sie heute, eine der wenigen, die keine Angst davor hat, ihren Namen in der Zeitung zu lesen. Aber Kollegen, die sich auf offene Stellen beworben hätten, würden plötzlich informiert, dass die Stellen gestrichen seien. Ingrid Goerner möchte jetzt vor allem Klarheit: "Ich wünsche mir, dass jemand gefunden wird, der vielleicht ein paar unpopuläre Entscheidungen trifft, aber das ganze Schiff schlagkräftig macht."

Mitarbeit: Peter Brors

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