Unternehmen
Schulte-Noelles Mann fürs Grobe

Die Dresdner Bank steckt in der Krise - und reißt die Mutter Allianz mit. Deren Controlling-Chef Helmut Perlet soll die Situation retten.

Es ist eine zweifelhafte Ehre, die Bernd Fahrholz seit Juli zuteil wird. Wenn sich die elf Vorstandsmitglieder der Allianz zu ihrer monatlichen Sitzung treffen, steht die Tochter Dresdner Bank auf Punkt eins der Tagesordnung. Bankchef Fahrholz darf beginnen - und muss den Kollegen erklären, wie er mit der Sanierung vorankommt.

Aber bei dem erfolgsverwöhnten Münchener Versicherungskonzern steht nicht nur Bernd Fahrholz unter Druck. Besonders seit die Dresdner Bank für das erste Halbjahr einen Verlust von 1,3 Milliarden Euro ausgewiesen hat, wächst die Nervosität. Die Allianz-Aktie stürzt immer tiefer. Schon wird spekuliert, der Versicherer könnte ein lohnendes Übernahmeziel werden.er Druck ist gewaltig. Sollte die Dresdner nicht schnell zurück in die schwarzen Zahlen geführt werden, wären sogar die Architekten der Übernahme in Gefahr, also der mächtige Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle und Finanzvorstand Paul Achleitner.

Der Mann, der die Situation retten soll, ist ein 55-jähriger Bayer aus Planegg bei München: Helmut Perlet, im Konzern bekannt als Schulte-Noelles Mann fürs Grobe. Wenn es irgendwo brennt, ist der Controlling-Vorstand nicht weit: "Dann landet ein Flugzeug aus München, und da sitzt auch der Perlet drin", heißt es in der Zentrale ehrfürchtig.

Perlet hat viel am Hals: Teure Asbestschäden und Managementfehler haben die US-Tochter Fireman?s Fundn die Krise gestürzt, das Industrieversicherungsgeschäft ächzt unter einem ruinösen Preiskampf, und auch bei der französischen Tochter AGF läuft nicht alles rund. Doch Perlets mit Abstand schwierigster Fall ist die Dresdner Bank. "Wenn ich diesen Job einem zutraue, dann Perlet", sagt zwar ein Allianz-Mann anerkennend. Aber schnelle Besserung ist bei der Dresdner nicht in Sicht. Die Risikovorsorge für faule Kredite bleibt hoch, bis Jahresende werden zudem Sanierungskosten von wenigstens 400 Millionen Euro für Abfindungen und Sozialplänenfallen. Auch für das zweite Halbjahrrwartet die Dresdner einen Milliardenverlust.

Der gesamte Allianz-Vorstand muss ran, um die Märkte zu beruhigen. Dienstag vorletzter Woche tritt Konzernchef Henning Schulte-Noelle, 60, in Budapest vor die Journalisten sein erster öffentlicher Auftritt, seit sich die Situation bei der Dresdner Bank Ende Juli dramatisch zuspitzte: "Wir glauben immer noch, dass es die richtige Entscheidung war, die Dresdner Bank zu übernehmen", verteidigt sich der Chef nach einer Vorstandssitzung. Von "Notfallplänen" für die Dresdner will er nichts wissen.

Mittwoch, ein Tag später: Joachim Faber stellt sich einer Investorenkonferenz in London. Eigentlich ist Faber zuständig für die Sparte Vermögensverwaltung, aber die Investoren, Portfoliomanager und Analysten interessiert nur die Dresdner Bank. Fabers Botschaft: "Wir kriegen das hin."

Paul Achleitner tourt die ganze Woche durch die USA. San Francisco, Denver, Boston, New York - überall muss der ehemalige Investment-Banker Investoren und Analysten beruhigen. Drängende Frage auch hier: "War der Kauf der Dresdner ein Fehler?"

Dass die Antwort ein "Nein" wird, dafür muss jetzt Perlet sorgen. Leicht gebräunt, das blonde Haar tadellos gescheitelt und guter Laune empfängt er Gäste. So entspannt Perlet seine kleinen Zigarillos anzündet, so zupackend ist er bei der Arbeit. "Das ist jemand, den man leicht unterschätzt", heißt es bei seinen Mitarbeitern. Vor drei Jahren sanierte er praktisch unbemerkt das schwer angeschlagene Australien- Geschäft des Konzerns.

Perlet gilt im Unternehmenls Allianzler der alten Schule - zurückhaltend undacher im Hintergrund. Er begann als Sachbearbeiter im Finanzamt und prüfte Steuerbescheide. Dann wechselte er vor fast 30 Jahren zur Allianz, studierte nebenbei im Abendstudium Betriebswirtschaft, promovierte und stieg im Konzern immer weiter auf. 1997 übernahm er den Posten des Controlling-Vorstands - und achtet seither peinlich genau darauf, dass die Renditevorgaben aus München eingehalten werden.

Perlet - und nicht Schulte-Noelle - war es auch, der Mitte August die Gewinnwarnung in der Öffentlichkeit erklären musste. Von Schön-Wetter-Reden hält er nichts. Bereits im April konnte er seine Enttäuschung über die Dresdner nur schwer verbergen: "Unsere ursprünglichen Erwartungen an das Bankgeschäft wurden deutlich verfehlt", stellte er kühl fest - zu einem Zeitpunkt, als sich das Desaster erst grob abzeichnete.

Jetzt macht er Druck, damit die Dresdner Bank ab 2003 wieder schwarze Zahlen schreibt. Er hält die Zügel kurz. Mindestens einmal in der Woche treffen sich - meistens in Frankfurt - die Mitglieder des Lenkungsausschusses, der die Sanierung überwacht. Neben Perlet sitzen dann Achleitner, Dresdner-Chef Fahrholz und Dresdner-Vorstand Horst Müller am Tisch. Minutiös wird über den Stand der Dinge beraten. Wie weit ist der geplante Abbau von 11 000 Stellen? Wie viel Geld haben Fahrholz und Müller eingespart, wie weit sind sie noch von den angestrebten zwei Milliarden Euro entfernt? Ausreden lässt Perlet nicht gelten. Zu Hause in München lässt sich Konzern-Chef Schulte-Noelle von ihm "sehr intensiv" berichten. Die Münchener meinen es ernst.

Die Lage bei der Dresdner ist schließlich düster, die internen Widerstände in der Bank sind groß. Leonhard Fischer, Vorstand für das Investment Banking, musste bereits gehen. Und hochrangige Allianz-Manager prophezeien, es werde wohl weitere prominente Opfer geben, falls nicht alle den neuen Kurs unterstützen: "Das ist wie in der Fußball-Bundesliga. Wenn es nicht läuft, müssen die Trainer gehen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%