Unternehmen sollen Betriebsrenten allein finanzieren
DGB ist für gewerkschaftseigene Fonds zur Altersvorsorge

Für den Vorsitzenden des DGB öffnet die zusätzliche Altersvorsorge den Weg zur langersehnten Vermögensbeteiligung der Arbeitnehmer. Schulte spricht sich für gewerkschaftseigene Fonds aus. Sie sollen von Profis verwaltet werden, doch die Gewerkschaften werden bei der Anlagestrategie mitentscheiden.

BERLIN. Der Vorsitzende des DGB, Dieter Schulte, sieht die Gewerkschaften in einem Wettlauf mit der Finanzbranche um die Milliardeninvestitionen der Arbeitnehmer in die zusätzliche Altersvorsorge. "Mit der Verabschiedung der Rentenreform geht jetzt die Post ab und wir müssen schauen, dass wir vorne auf dem Zug sind", sagte Schulte im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er habe seinen Kollegen in den Einzelgewerkschaften vorgeschlagen, noch vor der nächsten Tarifrunde 2002 mit den Arbeitgebern über den Ausbau der betrieblichen Altersversorgung zu verhandeln. Ziel müsse dabei sein, dass die Betriebsrenten allein von den Unternehmen finanziert werden.

Die neuen Pensionsfonds sind laut Schulte eine Chance für die Gewerkschaften, endlich massiv in die Vermögensbeteiligung der Arbeitnehmer einzusteigen. Dies gelte besonders für kleine und mittlere Unternehmen, in denen es keine Belegschaftsaktien gebe. "Wir können uns keine ellenlange Diskussion über das Für und Wider einer Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen leisten", warnte der DGB-Chef mit Blick auf die eigene Organisation. Er räumte ein, das Thema werde wegen vorhandener Meinungsunterschiede nicht wie geplant bei der nächsten Runde des Bündnisses für Arbeit am 4. März beraten. Vor allem in der IG Metall ist bisher ungeklärt, wie die kapitalgedeckte Altersvorsorge tarifvertraglich umgesetzt werden soll. Die Mitarbeiter großer Unternehmen, die bereits eine Betriebsrente haben, lehnen eine tarifvertragliche Regelung ab, die Beschäftigten kleiner Firmen sind dafür.

Schulte forderte, trotzdem schon jetzt konkrete Verhandlungen zum Aufbau der betrieblichen Altersversorgung zu beginnen. "Die Unternehmen haben glänzend verdient. Innerhalb der Gesellschaft ist etwas zu verteilen, da muss man nicht warten bis zur nächsten Lohn- und Gehaltsrunde", sagte er.

Zudem hätten sich DGB und Arbeitgeber darauf verständigt, dass die derzeit praktizierte längerfristige Tarifpolitik ein Instrument erforderlich mache, das zwischen den Tarifrunden als Stellschraube diene - zum Beispiel die neuen Pensionsfonds. "Wenn die Arbeitgeber ihre Zusage ernst meinen, dann müssen sie auch bereit sein, außerhalb der klassischen Tarifrunden mit den Gewerkschaften über die Altersvorsorge zu reden", sagte Schulte.

Er wies den Gedanken zurück, die Arbeitgeber könnten dies als Nachschlag auf das moderate Ergebnis der letzten Tarifrunde verstehen. "Schon im Januar 2000 haben wir uns im Bündnis für Arbeit darauf verständigt, dass wir ein neues Instrument der Beteiligung am Produktivvermögen finden wollen." Unter Hinweis auf Banken und Versicherungen sagte der DGB-Chef: "Wir sollten das Feld nicht anderen überlassen, die nur eine schnelle Mark machen wollen".

Schulte unterstützt den Vorschlag von DAG-Chef Roland Issen, die Gewerkschaften sollten eine eigene Fondsgesellschaft gründen. "Die Möglichkeit, über diesen Weg Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen zu nehmen im Sinne der Menschen und der Nachhaltigkeit, ist vernünftig". Allerdings sollten sich die Gewerkschaften keine Illusionen über das Ausmaß machen. Die Menge des angesammelten Kapitals werde lange Zeit zu klein sein, um die Unternehmenspolitik deutlich zu beeinflussen.

Schulte warnte vor einem zu starken Engagement der Gewerkschaften in einem von ihnen kontrollierten Pensionsfonds. Er verwies in diesem Zusammenhang auf schlechten Erfahrungen mit der Gemeinwirtschaft in den siebziger Jahren. "Das Geld sollen professionelle Fondsmanager verwalten", sagte er. Die Gewerkschaften würden aber auf eine Mitsprache bei den Anlagekriterien pochen. Dass damit eventuell Renditeeinbußen verbunden seien, würden die Arbeitnehmer als Preis für eine sichere und soziale Geldanlage in Kauf nehmen, gab sich der DGB-Chef überzeugt.

Bezüglich der Wahl des Vorsorgeprodukts befürwortete Schulte "ganz konkrete Empfehlungen" der Gewerkschaften. Denn es gelte die alte Regel, dass Kollektivverträge für die Beschäftigten günstiger seien. "Wenn wir Tarifverträge zur Altersvorsorge abschließen, wofür alles spricht, dann entscheidet sich der Einzelne für die Anlageform, die dort empfohlen wird". Dafür werde allein die finanzielle Beteiligung der Arbeitgeber sorgen, auf die nach Schultes Ansicht kaum ein Arbeitnehmer verzichten werde.

Der DGB-Chef ließ offen, ob die Zusatzvorsorge als freiwillige Option angeboten werden soll. Die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) zum Beispiel sieht in ihrem Tarifvertrag eine freiwillige Regelung vor. "Ich frage mich, wer denn zusätzlich zur Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung freiwillig noch höher vorsorgen wird", sagte Schulte. Besonders bei jungen Menschen und Familien mit Kindern sei die Bereitschaft zu einer zusätzlichen Versicherung oft gering. "Hier muss Hilfestellung über eine Kollektivregelung im Tarifvertrag geleistet werden, damit der Schutz im Alter auch gegeben ist".

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