Unternehmen sponsern nur selten Einzelsportler – Das Risiko ist ihnen oft zu hoch
Zu wenig Helden

Mit Nils Schumann, Ingo Schultz und Martin Buß greifen drei der erfolgreichsten Athleten der vergangenen beiden Jahre nach Medaillen. Doch während der 800-m-Läufer Schumann seinen Titel schon versilberte, wollten beziehungsweise konnten Schultz und Buß dies nicht.

MÜNCHEN. Paula Radcliffe geht ihren Weg, nein, sie geht nicht, sie rennt - in ihrem unnachahmlichen Laufstil, die Beine hämmern wie eine Nähmaschine auf die Bahn ein, der Kopf bewegt sich im Rhythmus der Schritte vor und zurück. Eine Welle der Begeisterung trägt die Britin über die letzte Runde und in dem aufbrandenden Applaus geht die Bronzemedaille für den deutschen Kugelstoßer Ralf Bartels fast unter. Athletenmanager Jos Hermens sitzt auf der Tribüne und starrt ungläubig auf die letzten Schritte der zweifachen Cross- und Halbmarathon-Weltmeisterin aus Großbritannien, die sich jetzt in der Europarekordzeit von 30:01,09 Minuten auch über 10 000 Meter in die Geschichtsbücher einträgt. "Die europäische Leichtathletik braucht mehr Sportler wie Radcliff", sagt Hermens, aus dessen Kader 30 Teilnehmer in München dabei sind. "Wir haben zu wenige Helden im Moment."

Ein Held des vergangenen Jahres, Hochspringer Martin Buß, startete am Dienstag sein Comeback bei denkbar ungünstigen Bedingungen. Pünktlich zur Eröffnungszeremonie hatte es sich eingeregnet in München und viele Wettbewerbe zu einer gefährlichen Rutschpartie gemacht. "Nur Glatteis wäre noch schlimmer gewesen", erklärte Buß, der sich mit 2,20 Meter für das heutige Finale qualifizierte. Der 1,95 m große Springer vom TSV Bayer Leverkusen hätte das Zeug zum Helden gehabt, als er im vergangenen Jahr in Edmonton als erster Deutscher Hochsprung-Weltmeister wurde. Doch in diesem Jahr durchlebte Buß ein Formtief, seit einem Dreivierteljahr hat er keinen internationalen Wettbewerb mehr bestritten. "Als ich ins Stadion kam, dachte ich, die springen alle höher, da habe ich keine Chance", erklärte er. Doch da keiner der Wettbewerber im Qualifying höher als 2,20 Meter sprang, hofft er jetzt wieder auf einen Platz auf dem Treppchen.

Die Unterschiede sind groß

Und er weiß, dass er den Erfolg braucht: "Meine Goldmedaille hat sich in Luft und Rauch aufgelöst", sagte Buß, als er triefnass in die Kabine ging, wirtschaftlich habe ihm der Edmonton-Erfolg wenig gebracht. Aber die Unterstützung durch seinen Verein sei großartig und überhaupt sei es das Wichtigste, dass es seiner Familie und den beiden Söhnen gut gehe. Doch dann fügt er hinzu: "Es ist schon schade, dass andere Sportler mehr Kapital aus ihrem Erfolg schlagen können."

Zu denen gehört 400-m-Läufer Ingo Schultz, der sich in Edmonton überraschend die Silbermedaille ersprintete und seitdem als Shooting-Star gilt. "Es läuft im Augenblick wie im Bilderbuch", sagt seine Managerin Carine Knapp-Messerschmidt. Schultz? Qualifikation in 45,79 Sekunden musste sich die Niederländerin wegen eines Bandscheibenvorfalls vom heimischen Fernseher aus ansehen, doch sie ist überzeugt, dass beim heutigen Finale eine Medaille für den 27-Jährigen drin ist. Mit der Suche nach neuen Sponsoren hat die Frau des deutschen Weitsprung Kadertrainers Ulrich Knapp deshalb bewusst gewartet: "Nach der EM wird Ingos Marktwert noch einmal ganz neu definiert." Finanziell müsse sich Schultz aber schon jetzt keine Sorgen machen. Der Hamburger habe einen sehr gut dotierten Vertrag mit der LG Olympia Dortmund sowie zwei wichtige Sponsoren mit Ausrüster Adidas und der Ulmer Software-Firma Wilken. Außerdem erhält er sein Gehalt von der Bundeswehr, an deren Hochschule der Offizier im Fach Elektrotechnik promoviert. Unter den von ihr betreuten Athleten sei der 400-m-Star der absolute Großverdiener, sagt Knapp-Messerschmidt, allerdings kümmere sie sich auch fast vier Stunden pro Tag alleine um seine Vermarktung. Wenn Schultz in München brilliert, kann sie sich weitere Engagements in der Mode-, Auto- oder Uhrenbranche vorstellen.

Sponsoring von Einzelsportlern geht zurück

Doch viele Unternehmen halten sich mit der Förderung von Einzelsportlern zurück. "Das Risiko ist zu groß", sagt beispielsweise Gabriele Tacke vom EM-Sponsor Energie Baden-Württemberg. Christian Schwolow von Vodafone Deutschland haut mit Blick auf Jan Ullrichs Dopinggeschichte in die gleiche Kerbe: "Was es bedeutet, auf einen Einzelsportler zu setzen, haben wir bei unserem größten Konkurrenten gesehen", erklärt er.

Selbst bei Olympiasieger Nils Schumann könnte die Vermarktung "besser laufen", räumt sein Manager Hermens ein. Frauen hätten es da einfach leichter. 800-m-Läuferin Stefanie Graf habe acht Sponsoren, und die seien von sich aus auf die Österreicherin zugegangen. Schumann, der einen lukrativen Vertrag mit Nike hat, lasse bisher noch ein wenig die Kontinuität in seinen Leistungen vermissen, doch er sei noch jung und habe deshalb noch eine große Zukunft vor sich, so Hermens. Und im Vergleich zu vielen seiner Kollegen stehe Schumann schon jetzt gut da. So könne er bei wichtigen Meetings inzwischen schon rund 20 000 Euro für einen Start verlangen. Internationale Superstars wie Marion Jones oder Haile Gebrselassie kassieren hier allerdings das Vierfache.

Dass es bei der EM weder Antritts- noch Preisgelder gibt, hält der Manager für einen Fehler. Die Zahl der Veranstaltungen, bei denen Athleten Kasse machen könnten, werde immer kleiner, klagt er. Und während ein Radfahrer Sportler des Jahres werden könne, wenn er nur bei der Tour de France einigermaßen erfolgreich sei, müssten Leichtathleten die ganze Saison über gute Leistungen bringen. "Wichtig für die Vermarktung ist, dass ein Athlet mehrere Jahre an der Spitze bleibt", sagt Hermens.

Buß und Schultz können heute zeigen, dass sie dazu in der Lage sind.

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