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Unternehmen tragen kaum zu Aufschwung bei - 'Kupplung ist kaputt'

Die deutsche Wirtschaft kommt nicht recht vom Fleck - obwohl viele Unternehmen glänzend da stehen. Im dritten Quartal haben große Konzerne wie der Chemieriese Basf , der Autobauer BMW oder der Sportartikelhersteller adidas-Salomon ausgezeichnete Gewinne eingefahren.

dpa-afx FRANKFURT. Die deutsche Wirtschaft kommt nicht recht vom Fleck - obwohl viele Unternehmen glänzend da stehen. Im dritten Quartal haben große Konzerne wie der Chemieriese Basf , der Autobauer BMW oder der Sportartikelhersteller adidas-Salomon ausgezeichnete Gewinne eingefahren. Gleichzeitig stagnierte die Wirtschaft mit einem mageren Plus von 0,1 Prozent nahezu. Die klassische Regel, dass Firmen mit steigenden Gewinnen mehr investieren und neue Arbeitsplätze schaffen, funktioniert nicht mehr.

"Es ist, als ob beim Motor Konjunktur die Kupplung kaputt wäre", sagt der Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank, Thomas Mayer. "Man kriegt die Kraft des Motors einfach nicht auf die Räder übertragen." Ein großer Teil der Rekordgewinne verschwinde im Ausland. Viele Konzerne haben unter dem Druck der Globalisierung in den vergangenen Jahren Werke in Osteuropa oder Asien aufgebaut. "Dort fallen die Profite an und dort modernisieren sie ihre Anlagen", sagt Mayer - die deutsche Volkswirtschaft gucke in die Röhre. Nach einer Studie der Deutschen Bank machen die 30 größten börsennotierten Unternehmen inzwischen gut zwei Drittel ihres Geschäfts jenseits der Grenzen.

Zudem hätten viele deutsche Firmen die Gewinne bitter nötig gehabt, um ihre Bilanzen zu konsolidieren. "Nach der weltweiten Rezession 2001 sind vielen Unternehmen die Kosten aus dem Ruder gelaufen", sagt der Chefvolkswirt der Dresdner Bank/Allianz-Gruppe, Michael Heise. Mit den kräftigen Gewinnsteigerung seit gut einem Jahr zahlten sie Schulden zurück und verbesserten ihre Eigenkapitalquote. Die Deutsche Bank und Basf kauften im großen Stil Aktien zurück, um die Kurse zu steigern und sich gegen eine mögliche Übernahme abzusichern.

'DIE Phase DER Bilanz-Konsolidierung IST Vorbei.' - Allianz-Chefvolkswirt

Ob die Dax-Unternehmen nach guten Gewinnen nun im Inland investieren werden, ist bei den Ökonomen umstritten. Das ifo Institut und andere Experten rechnen mit einem schwächeren Anstieg der Investitionen in diesem Aufschwung als in früheren Jahren. Etwas optimistischer ist Allianz-Chefvolkswirt Heise: "Die Phase der Bilanz-Konsolidierung ist vorbei. Im nächsten Jahr werden die Firmen allmählich in Deutschland investieren." Allerdings würden die Unternehmen im ersten Schritt alte und abgeschriebene Maschinen ersetzen und nicht neue Produktionskapazitäten aufbauen.

Erste Hoffnungsschimmer sind bereits zu sehen: Im dritten Quartal haben die deutschen Firmen laut Statistischem Bundesamt 4,1 Prozent mehr in Maschinen, Ausrüstungen und Grundstücke gesteckt - das war der stärkste Zuwachs seit vier Jahren. Für 2005 erwartet die Commerzbank ein Plus von sechs Prozent. Investitionen gelten als Schlüssel für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Bislang hat die gute Ertragslage auf den Arbeitsmarkt noch nicht durchgeschlagen, weil Kostensenkung - vor allem bei Personalkosten - das Zauberwort ist. Lohnkürzungen und längere Arbeitszeiten sehen Ökonomen als Voraussetzung für mehr Investitionen in Deutschland. Vorreiter war in diesem Jahr Siemens . Dort wurde mit einer Verlängerung der Arbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich für zwei Handy-Werke in Kamp-Lintfort und Bocholt (beides NRW) die Verlagerung von rund 2000 Stellen nach Ungarn abgewendet.

Schere Zwischen Gewinnen und Löhnen Öffnet Sich Immer Weiter

"Zu Beginn eines Aufschwungs steigen die Gewinne immer sehr stark, erst danach folgen die Löhne", kommentiert die Commerzbank die Entwicklung. Extrem sei allerdings die Schere zwischen Gewinnen und Löhnen, die sich immer weiter öffne. Die Gewinne von Unternehmern und Vermögensbesitzern erreichten nach Angaben der Deutschen Bundesbank im dritten Quartal mit 30,5 Prozent einen neuen Rekordstand seit der Rezession 1991. Die Lohnquote fiel entsprechend auf ihren niedrigsten Stand (69,5 Prozent), die Arbeitnehmer verdienten 0,6 Prozent weniger als im Frühjahr.

Für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt 2005 sind die meisten Volkswirte skeptisch. Großunternehmen wie Karstadt-Quelle und Opel stecken in der Krise und wollen Stellen abbauen. "Der Arbeitsmarkt wird auch 2005 schwach bleiben", lautet die Prognose der Deutschen Bank. Sie rechnet mit einem Beschäftigungsaufbau von rund 150 000 neuen Stellen in Deutschland. Erst wenn mehr Menschen Geld in der Tasche haben, werde auch der Konsum anspringen - und den Aufschwung stärken./mt/

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