Unternehmen verärgert über Reformstau
Kündigungsschutz bremst spanische Wirtschaft

In keinem anderen EU-Land haben so viele Arbeitnehmer eine befristete Stelle wie in Spanien. Wegen des überaus starren Arbeitsrechts tun die Unternehmen alles, um Festanstellungen zu vermeiden. Reformpläne der Regierung sind jüngst am Widerstand der Gewerkschaften gescheitert.

MADRID. Kaiserschnitt für einen Job: Eine Spanierin ließ die Geburt ihres Kindes zwei Wochen vorziehen, um sich die Chance auf einen festen Arbeitsplatz zu erhalten. Sonst wäre die Entbindung womöglich auf einen Vorstellungstermin für eine unbefristete Stelle gefallen. "Das konnte ich nicht riskieren", sagt die 38-Jährige. Und der Gynäkologe zeigte volles Verständnis - schließlich hatte auch er, wie die Schwangere, nur einen befristeten Job.

Fast jeder dritte Beschäftigte in Spaniens Privatwirtschaft teilt dieses Schicksal. Der Anteil der Arbeitnehmer mit Zeitvertrag ist damit rund dreimal höher als im EU-Durchschnitt. Zudem ist die Arbeitslosigkeit in Spanien mit mehr als 11 % so groß wie nirgendwo sonst in der EU. Ökonomen machen für beides das rigide Arbeitsrecht mitverantwortlich. Unternehmer zögerten mit unbefristeten Einstellungen, weil sie die hohen Abfindungen beim Personalabbau fürchten. Wer einen Dauerarbeitsvertrag hat, bekommt bei der Entlassung pro Arbeitsjahr 45 Tageslöhne als Abfindung. Und fechtet er die Kündigung juristisch an, muss der Unternehmer den Lohn so lange weiterbezahlen, bis die Richter ihr Urteil gefällt haben. "Die Kündigungsvorschriften sind ganz klar ein Hemmnis für Neueinstellungen", sagt Frank Ziegengeist, kaufmännischer Geschäftsführer von Arvato Services Ibéria S.A. in Barcelona. Natürlich arbeitet die Bertelsmann-Tochter mit Festangestellten. Doch Ziegengeist gibt zu: Bei Neueinstellungen werde er "wahrscheinlich zunehmend die Möglichkeiten befristeter Verträge prüfen".

Spaniens konservative Regierung kennt das Problem - und hatte eigentlich vor, das Arbeitsrecht zu reformieren. Doch die Pläne sind fast vollständig am Widerstand der Gewerkschaften gescheitert. Nach einem halben Jahr Konfrontationskurs gaben die Regierenden klein bei. "Die Arbeitgeber", erzählt ein Diplomat, "haben sich grün und blau geärgert."

Für deutsche Investoren bleibt Spanien allerdings dennoch attraktiv, wie eine jüngst veröffentlichte Umfrage der Deutschen Handelskammer für Spanien unter knapp 280 Unternehmen belegt: Knapp die Hälfte der befragten deutschen Firmen in Spanien sehen für 2003 zusätzliche Investitionen vor, 43 % wollen im kommenden Jahr weitere Mitarbeiter einstellen. Zwischen 2004 und 2006 planen 57 % neue Investitionen und 60 % Neueinstellungen. "Die Gründerzeiten sind allerdings vorbei", sagt Karl Böhle, Geschäftsführer der IBC GmbH, die Zulieferunternehmen der Automobilindustrie vor allem in Spanien berät. Natürlich hätten die Unternehmen auch "mit Widrigkeiten" zu kämpfen. Das Arbeitsrecht allerdings sei kein Grund, nicht in Spanien zu investieren. Ähnlich sieht es Jürgen Hotz, Chef von Tengelmann España: Das Arbeitsrecht ist für ihn ein "kalkulierbarer Faktor". Andere Argumente sprechen aus Sicht der deutschen Unternehmen für Spanien - allen voran die vergleichsweise niedrigen Löhne. Statistiken zufolge liegt das Gehaltsniveau 25% unter dem europäischen Durchschnitt. Und alles in allem stiegen die Löhne vergleichsweise moderat, meint Böhle. Obwohl die Preissteigerung zwischenzeitlich 4 % erreicht hatte, haben die meisten Arbeitnehmer nur einen Ausgleich von gut 2 % bekommen.

Größere Streiks sind kaum ein Thema - abgesehen vom Generalstreik im Juni, der aber mehr eine Kritik an der Regierung war. "Vereinzelt kommt es zu wilden Streiks: Da geht das Temperament mit den Spaniern durch", berichtet Böhle. Ansonsten lasse sich mit den Arbeitnehmervertretern aber meist reden, betont José Antonio Bueno von Roland Berger: "Die Gewerkschaften zeigen in der Regel viel Flexibilität."

Auf dem Baskenland lastet ein weiteres Problem für ausländische Unternehmer: der Eta-Terror. Ein Deutscher in der Region sagt: "Ich würde keine neuen Leute einstellen." Ihn treibt die Angst vor Repressalien bei späteren Entlassungen. "Wenn meine Firma Rollen hätte", sagt der Unternehmer, "stünde sie nicht mehr hier."

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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