Unternehmen verlagern lohnintensive Fertigung von Standardteilen
Autoindustrie zieht es ostwärts

Mit 3,40 Euro pro Arbeitsstunde in Polen können Standorte wie Stuttgart oder Mannheim nicht mithalten. Daher stammt schon viel vom Innenleben deutscher Autos aus Mittel- und Osteuropa. Die Flaute verstärkt den Trend.

FRANKFURT/STUTTGART. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein deutscher Autozulieferer Arbeitsplätze nach Osteuropa verlagert. Die schwache Autokonjunktur lässt die Erträge der deutschen Hersteller und Zulieferer in diesem Jahr kräftig schrumpfen. Der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) beobachtet die Abwanderung mit Sorge. "Das beschränkt sich nicht auf einzelne Firmen", sagt VDA-Sprecher Eckehart Rotter.

Schon in den vergangenen fünf Jahren war Osteuropa das bevorzugte Ziel der Zulieferer. In einer Studie stellt Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen fest: Jeder vierte neue Produktionsstandort deutscher Zulieferer entstand in Osteuropa. Deutschland hätten nur 17 % gewählt. Dudenhöffer begründet den den Zug nach Osten vor allem mit den niedrigen Löhnen. Der durchschnittliche Stundenlohn betrage in Polen gerade mal 3,40 Euro gegenüber knapp 26 Euro in West- und und gut 16 Euro in Ostdeutschland.

Insofern triffte es in der Branche vor allem die arbeitsintensiven Produktionen. Vor kurzem hat Daimler-Chrysler entschieden, die Kabelsatzfertigung für Lastwagen im Werk Mannheim zu schließen und nach Tschechien, Ungarn oder die Ukraine zu verlegen. Daimler ist eines der letzten Unternehmen, die bislang noch in Deutschland Kabelsätze fertigen ließen. Seit der Nutzfahrzeugmarkt jedoch weltweit auf Talfahrt ist und den Unternehmen Verluste beschert, kann sich auch Daimler diese Fertigung nicht mehr leisten. Betroffen sind 800 Mitarbeiter. Der Mannheimer Betriebsrat kann angesichts der enormen Lohnkostenvorteile die Verlagerung nicht vermeiden.

Bei den Autozulieferern ist der Anpassungsdruck noch größer. Nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung A. T. Kearney ging ihre Ertragskraft schon 2001 um 32 % zurück, während die Autohersteller nur 18% einbüßten. Der Grund: Die Hersteller erhöhen den Preisdruck auf die Lieferanten kontinuierlich. Dünnere Gewinnmargen zwingen die Zulieferer, ihre Kosten zu senken. So plant die Mahle GmbH, die Kapazitäten im Kolben-Werk in Markgröningen bei Stuttgart stark zu verringern. Insgesamt könnten im Konzern bis zu 700 Jobs verloren gehen. "Wir haben ein Ergebnisproblem in Deutschland", sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Heinz Junker.

Bosch will am Standort Hildesheim in den nächsten drei Jahren 830 seiner 2000 Stellen in der Produktion von Startern abbauen und an den neuen ungarischen Standort Miskolc verlagern. Die arbeitsintensive Fertigung von elektrischen Anlassern steht unter einem besonders scharfen Preisdruck. Europas größter Teilehersteller beschäftigt in der Kfz-Sparte bereits 10 000 Mitarbeiter in Osteuropa. Auch der Konkurrent Siemens VDO hat in diesem Sommer beschlossen, die Fertigung von einfachen Radios von Wetzlar nach Tschechien zu verlagern - und wieder sind 500 Stellen abgebaut.

Auch der Stuttgarter Zulieferer Behr, Spezialist für Kühlung und Klimatisierung, sucht sein Heil in Tschechien. In Mnichovo Hradiste will er die Belegschaft von 150 auf 350 Mitarbeiter aufstocken. Dafür gehen 300 Jobs in Pforzheim und Spanien verloren. Noch will der Automobilexperte der IG Metall, Nikolaus Schmidt, nicht von einem Trend sprechen. Aber es gebe Anzeichen dafür, dass die Zulieferer auf den verstärkten Preisdruck mit neuen Verlagerungen reagieren.

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