Unternehmen
"Vermögensverhältnisse:gut"

Aktienkurs am Boden, Mitarbeiter auf der Straße - die Wirklichkeit kümmert Thomas Haffa nicht, wenn er über EM.TV spricht. Vor Gericht zeigt der frühere Chef der Medienfirma das alte Selbstbewusstsein. Eine Verurteilung wegen Kursbetrugs gilt als schwierig.

Er ist wieder da. Und Thomas Haffa hat sein Handwerk nicht verlernt. Kein Zucken, kein Zaudern, die alte Begeisterung liegt in der Stimme, als er seinen Aufstieg und den seiner Firma EM.TV schildert. Er spricht von "hochattraktiven Investments", von der "Expansion zum Medienkonzern", von den vielen, strategisch so wichtigen Zukäufen.

Würde man die Augen schließen, man könnte meinen, sich im Jahr 2000 zu befinden - auf dem Höhepunkt der EM.TV-Euphorie. Da ist er wieder, der blendende Verkäufer Haffa, in ungewöhnlicher Umgebung. Im Sitzungssaal 101 des Landgerichts München gibt der 50-Jährige nach einer über einjährigen Abstinenz eine Kostprobe seines Könnens. Thomas Haffa und sein 13 Jahre jüngerer Bruder Florian sitzen an diesem regnerischen und kalten Novembertag auf der Anklagebank.

Der Prozessbeginn wurde wegen des großen Andrangs in den Schwurgerichtssaal verlegt, ein trister Raum ohne Fenster und mit giftgrün gestrichener Decke, einem Bunker ähnlich. Staatsanwalt Peter Noll wirft den beiden einstigen Stars des Neuen Markts vor, sie hätten im Herbst 2000 mit falschen Prognosen und Versprechungen den Kurs der EM.TV-Aktie noch in die Höhe getrieben, obwohl sich die Krise bereits abzeichnete. "Sie wussten, dass die Angaben unrichtig waren, und handelten in der Absicht, den Börsenkurs der EM.TV-Aktie positiv zu beeinflussen", ruft Noll, der ein Jahr lang akribisch ermittelt hat.

Um 9.55 Uhr kommen die Haffa-Brüder zusammen mit ihren Anwälten die Treppe hinauf. Ihre Gesichter sind angespannt. Als das Quartett den Saal betritt, ruft ein empörter Kleinanleger von der Besuchertribüne: "Haffa pfui". Dutzende Kamera-Teams und Fotografen umringen die vier, die in einem kleinen Kreis in der Mitte des Raums stehen. Jede Bewegung der Haffas, beide in eleganten dunkelblauen Anzügen, löst ein neues Blitzlichtgewitter aus. Thomas Haffa, tiefe Falten auf der Stirn, flüstert seinem Bruder leise etwas ins Ohr: ein letzter Rest Intimität.

Die Richterin Huberta Knöringer, 54, eröffnet das Verfahren, blickt den ehemaligen EM.TV-Chef an und sagt trocken: "Thomas Haffa, das dürften dann Sie sein." Die resolute Expertin für Wirtschaftsrecht hat Erfahrung mit Prominenten. Vor zwei Wochen hat sie hier Boris Becker wegen Steuerhinterziehung verurteilt - unter noch größerem Medienrummel.

Doch ihr neuer Fall ist schwieriger, er gilt als Musterprozess. Es geht um den Vorwurf des Kursbetrugs, um Bilanz-Manipulation, kniffelige Fragen zur Rechnungslegung, um das komplizierte Mediengeschäft mit Filmlizenzen und deren Verbuchung. Der Prozess soll bis Januar dauern.

Mit den beiden Brüdern sitzt gleichsam der Neue Markt auf der Anklagebank. Die Anleger haben Milliarden verloren und sind sauer. "Das war schlichtweg eine Unverfrorenheit", regt sich der Werbefachmann Robert Kaufmann, der noch im Sommer 2000 150 000 Euro in EM.TV investierte, vor dem Prozess-Saal auf. "Man sollte denen nicht ermöglichen, in die Karibik zu verschwinden", hofft der Rentner Helmut Wolf.

Doch eine Verurteilung dürfte schwierig werden - auch weil sich inzwischen die Rechtslage geändert hat. Mit dem Vierten Finanzmarktförderungsgesetz vom Juli 2002 muss die Täuschungshandlung nun auch wirklich auf den Börsenkurs gewirkt haben, um eine Verurteilung nach sich zu ziehen. Ansonsten wäre es eine Ordnungswidrigkeit. "Da kann alles herauskommen", sagt die Aktionärsschützerin Dagmar Bergdolt mit einem Anflug von Resignation.

Genüsslich weist Haffas Anwalt Rainer Hamm zu Beginn auf die vielen Rechtsprobleme hin. Im Tatzeitraum habe es auch "keine nennenswerte Richtungsänderung der Aktie" gegeben, meint der Frankfurter Top-Jurist, der schon IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch beraten hat. Und: "Hier sitzen keine Engel, aber auch keine Teufel, sondern zeitweise sehr erfolgreiche, zeitweise weniger erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeiten."

Als Staatsanwalt Noll die 18 Seiten lange Anklageschrift verliest, kann Thomas Haffa seine Unruhe nur schwer verbergen. Seine Augen schweifen nervös hin und her, er wirkt gehetzt. Die Hände hat er fest vor dem Mund gefaltet. Manchmal trommelt er mit den Fingern. Wie versteinert sitzt er da, die Rückenlehne seines Stuhls berührt er nicht. Zuhören ist seine Sache nicht. Sein Bruder, der direkt neben ihm sitzt, blättert derweil unruhig in Unterlagen.

Der alte Thomas Haffa erwacht erst, als die Richterin ihn auffordert, seinen Lebenslauf zu schildern. Schnell gewinnt er Sicherheit. Er berichtet stolz von seinen Erfolgen und wie er Leo Kirch kennen lernte ("Ich war fasziniert"). Bescheidenheit ist nicht sein Stil: "Ich habe seit dem 21. Lebensjahr gut verdient und damit die Grundlage für meinen privaten Lebensstandard gelegt." Den Börsengang von EM.TV habe die WestLB angeregt. Sonst wäre er gar nicht auf die Idee gekommen. "Vor dem EM.TV-Börsengang besaß ich nie eine Aktie." Er habe die Lage der Firma immer nach bestem Wissen und Gewissen dargestellt.

Nur zu den "wirtschaftlichen Verhältnissen" wollen die Brüder zunächst nichts sagen. "Die Vermögens- und Einkommensverhältnisse sind geordnet und gut", heißt es lediglich.

Thomas Haffas Vermögen wird auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt. Immer wieder versilberte er EM.TV-Aktien, im vergangenen Jahr verkaufte er knapp 25 Prozent an den jetzigen EM.TV-Chef Werner Klatten für angeblich über 100 Millionen Euro. Thomas Haffa wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in einer 1 000 Quadratmeter-Villa im noblen Münchener Stadtteil Herzogpark und betreibt die Privatfluglinie Air Independence. Ex-Finanzvorstand Florian Haffa hat eine Firma names Red Books, die sich im Beratungs- und Beteiligungsgeschäft engagiert.

Zum Vermögen von Thomas Haffa gehören angeblich auch ein Grundstück in Kitzbühel und die Hauptverwaltung von EM.TV in Unterföhring, ein protziger Glaspalast, der aus der Luft wie ein "H" aussieht.

Vor Gericht brüstet sich Haffa, er habe im November 2000 Angebote von Banken gehabt, die ihm Aktien für 250 Millionen Euro abkaufen wollten. Doch er habe nur an die Zukunft seiner Firma geglaubt. Haffa: "Es ist mir bis heute absolut unverständlich, warum die Aktie so stark an Wert verlor."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%