Unternehmen
"Wichtigeres zu tun"

Dieter Rampl hat nicht lange gezögert. Der neue Hypo-Vereinsbank-Chef baut radikal um. Die Strategie von Vorgänger Albrecht Schmidt zählt nicht mehr viel.

Albrecht Schmidt ist noch nicht ganz angekommen in seiner neuen Rolle. Am vergangenen Mittwoch leitete der 64 Jahre alte Banker erstmals den Aufsichtsrat der Hypo-Vereinsbank (HVB). Aber er führte die Sitzung, als wäre er noch Vorstandssprecher. "Er war sehr bestimmend", berichten Teilnehmer. Der Ex-Chef hat zwar mehrfach gesagt, er wolle sich heraus halten. Aber am Mittwoch sei er mehr gewesen als ein Moderator, berichtet ein Aufsichtsrat. Dessen Fazit: "Scheidende Vorstandssprecher brauchen immer ein Weile."

Die Wirklichkeit nimmt darauf keine Rücksicht. Der Chef von Deutschlands zweitgrößter Bank heißt nicht mehr Albrecht Schmidt, sondern Dieter Rampl, 55. Der hat das Steuer bereits herumgerissen und den Führungsstil geändert - so schnell, dass Vorgänger Schmidt dabei nicht eben gut aussieht. "Wir haben keine Zeit zu verlieren", lautet Rampls Credo. Der gebürtige Münchener mit österreichischem Pass legt Tempo vor. Ganze Konzernteile, zum Beispiel die gewerbliche Immobilienfinanzierung, sollen schnell abgespalten, wichtige Beteiligungen verkauft werden.

Die Hypo-Vereinsbank steckt in ihrer bisher größten Krise. Die Erträge brechen angesichts der Börsen- und Konjunkturflaute weg, die Risiken im Kreditgeschäft steigen. Der Konzern wird für 2002 wohl tiefrote Zahlen ausweisen. Vier von fünf Analysten raten zum Verkauf der HVB-Aktie. Die Kapitaldecke wird langsam dünn. Besonders bitter: Die Rating-Agentur Moody?s stufte die Bank deutlich herab. Kredite an die Bank gelten damit als riskanter - und werden teurer.

Die Lage ist ernst, als Rampl am Mittwoch erstmals als neuer Konzernchef dem Aufsichtsrat berichtet. Die Sitzung beginnt nach dem traditionellen Mittagessen um halb drei in der Münchener Konzernzentrale - und dauert ungewöhnlich lange. Rampl schildert unverblümt die Krise. Gut sechs Stunden lang diskutieren die Aufseher mit dem Vorstand, fragen immer wieder nach. "Die Zeit ist nicht danach, so etwas nach zwei, drei Sätzen abzuhaken", sagt ein Aufsichtsrat. Schließlich nickt das Gremium den Kurs des neuen Chefs ab.

Künftig konzentriert sich die HVB auf Deutschland, Österreich und Osteuropa. Alle anderen Pläne werden begraben. Und Rampl räumt in der Vorstandsetage auf: Gewinner sind Österreich-Chef Gerhard Randa, 58, und Ex-Investmentbanker Stefan Jentzsch, 42, der 2002 noch Rampls Konkurrent um die Schmidt-Nachfolge war. Hoffnungsträger Stephan Bub, 44, der das HVB-Geschäft in New York aufbaut, muss seinen Bereich abwickeln. Er scheidet Ende des Jahres aus.

In München wird kolportiert, Schmidt habe den zögernden Rampl im Herbst überreden müssen, den Posten anzunehmen. "Die Aufgabe ist sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig", sagt Rampl - und lässt sich keine Zögerlichkeit anmerken. Er setzt auf Konsolidierung statt auf Expansion. So liebäugelt Aufsichtsratschef Schmidt angeblich mit einer Übernahme der schlingernden Commerzbank. Rampl aber erteilt dem Plan eine Abfuhr: "Wir haben im Moment Wichtigeres zu tun."

Überhaupt geht er demonstrativ auf Distanz zu seinem Vorgänger. So wird der Neue nicht das gediegene Chefbüro Schmidts in der HVB-Zentrale am Münchener Tucherpark beziehen. Rampl bleibt in seinen Räumen in einem schlichteren Gebäudeteil einige Hundert Meter weiter am Englischen Garten. Und er holt die fünf Vorstandskollegen in Büros auf seinem Flur, um die Abstimmung zu verbessern.

"Sie schätzen sich, aber sie lieben sich nicht", sagt ein Kenner der Bank über den alten und den neuen Chef. Schmidt stand im Mittelpunkt. Eloquent und charmant suchte der promovierte Jurist das Gespräch, geschickt agierte er in der Öffentlichkeit: etwa als er vor einem Jahr Leo Kirch mit einem Hilfsangebot einige Wochen Luft verschaffte. Aber Schmidts Führungsstil galt in der Bank als "autoritär".

Rampl hat einen andere Stil. Der neue Macher, der als Lehrling vor 35 Jahren bei der alten Vereinsbank anfing und sich ohne Studium bis an die Spitze arbeitete, mag das Rampenlicht nicht. Bei offiziellen Empfängen steht er am Rand, meist in Einzelgespräche vertieft. Innerhalb der Bank ist er beliebt und geachtet wie kaum ein anderer. Und das, obwohl er spart: Nachdem Mitte 2002 schon dort gestrichen wurde, wo es manchen besonders wehtut - bei Dienstwagen, bei Büromöbeln und Dienstreisen -, wird nun auch auf das feuchte Abledern von Telefonen und PC-Terminals verzichtet.

Der Druck, die Kosten zu reduzieren, ist immens. Über 9 000 Stellen werden derzeit konzernweit gestrichen, weitere Tausende dürften dazukommen. Doch Rampl hat die Betriebsräte geschickt eingebunden. "Es gibt intelligentere Lösungen als Arbeitsplatzabbau", hatte er bei seiner Berufung im vergangenen Oktober versprochen - und damit die Arbeitnehmervertreter an den Verhandlungstisch gelockt. "Wir unterstützen Rampl als neuen Personalchef", bestätigt Verdi-Funktionär Klaus Grünewald.

Bei öffentlichen Auftritten sorgt Rampl dagegen für Aufregung. Am Donnerstag etwa löste er ein kleines Erdbeben an der Börse aus. "Es gibt keine heiligen Kühe", sagte er zu Analysten und schloss damit auch einen Verkauf der milliardenschweren Beteiligung an der Münchener Rück nicht aus.

Die Überraschung war groß, hatten Ex-Bankchef Schmidt und Münchener-Rück-Boss Hans-Jürgen Schinzler doch erst 2001 eine Allfinanzehe geschlossen. Die gegenseitige Überkreuz-Beteiligung gilt seitdem als "strategisch". Ein Verkauf wäre ein Tabubruch.

Die Münchener Rück wurde durch Rampls Vorstoß am Donnerstag offenbar überrascht. "Das war bisher gar kein Thema", empört sich auch ein Aufsichtsrat. Kommentar eines anderen Bank-Managers: "Dass jetzt sogar das Tafelsilber verkauft werden soll, zeigt doch, wie tief die Krise ist."

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