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Wie die KPMG bei Flowtex in der Bilanz bohrte

Die Ermittlungen im Fall Flowtex laufen noch, klar aber ist schon heute: Das Image der KPMG hat kräftig gelitten. Nun wollen Banken auch noch zwei Milliarden Mark Schadensersatz.

JENS KOENEN, Mannheim

HANDELSBLATT, 22.2.2001
Für einen Augenblick hält Hubert Jobski inne. Sein Blick schweift durch die Bürofenster hinüber auf die bröckelnden Fassaden der Häuser im Mannheimer Bahnhofsviertel. "Es stimmt", sagt der Leiter der Wirtschaftsabteilung bei der Staatsanwaltschaft Mannheim dann. "Noch vor einem Jahr gab es mit Blick auf das Ende von Ermittlungen keine Zeitvorgabe. Das hat sich durch den Spruch des Bundesverfassungsgerichts geändert", erklärt der 56-Jährige, fügt aber sofort hinzu: "Wir führen die Ermittlungen und müssen sie auch verantworten."
Vor gut einem Jahr kam der Skandal um die Ettlinger Firmengruppe Flowtex ans Tageslicht. Mit fingierten Mietverträgen für Bohrgeräte zum Verlegen von Versorgungsleitungen haben die Firmeneigner Manfred Schmider und Klaus Kleiser Banken und Leasinggesellschaften um gut 3 Milliarden Mark geprellt. Seit zwölf Monaten sitzen die beiden in Untersuchungshaft. Und seitdem wächst der Druck auf die Ermittlungsbehörden, Woche für Woche, Tag für Tag. Vor allem ein Spruch der Bundesverfassungsgerichts sitzt Jobskis Team im Nacken. Nur in besonders komplexen Fällen dürfe die U-Haft länger als üblich dauern, urteilten die Richter in einem anderen Fall. Üblich - das sind 15 Monate.
"Wir werden die Ermittlungen in absehbarer Zeit zu Ende bringen", sagt Jobski. Leichter gesagt als getan. Gut 8 000 Beweise haben er und seine Mitarbeiter bislang zusammengetragen. Doch ein komplettes Bild von dem, was da in Ettlingen tatsächlich passierte, liegt noch lange nicht vor. Das hindert andere indes nicht daran, mit dem Fingerzeigen zu beginnen. Gegenseitige Schuldzuweisungen haben unter den Betroffenen im Fall Flowtex derzeit Hochkonjunktur.
Am heftigsten unter Beschuss stehen die Wirtschaftsprüfer der KPMG . Sie sollen bei ihrer Arbeit geschlampt haben. Stolze 2 Milliarden Mark von der KPMG fordern deshalb 78 Banken und Leasinggesellschaften, die sich zu einem Pool zusammengeschlossen haben; darunter so prominente Namen wie Dresdner Bank oder Commerzbank . Rechtliche Schritte gegen die Wirtschaftsprüfer gibt es bislang indes noch nicht. "Wir befinden uns noch in der außergerichtlichen Phase", sagt der Freiburger Anwalt Christian Wolf , der die Interessen des Pools vertritt.
Es ist nicht der erste Skandal, in den die KPMG in den vergangenen Jahren verwickelt war. So sorgte etwa die Bewertung von Immobilien bei der Hypo-Vereinsbank für Unmut. Auch beim angeschlagenen Bauriesen Philipp Holzmann waren die Prüfer.
Noch gibt sich die KPMG im Fall Flowtex gelassen. "Wir fühlen uns selbst als Opfer, die getäuscht wurden", heißt es in der Berliner Deutschland-Zentrale. Intern schmieden die Wirtschaftsprüfer allerdings längst an einer Verteidigungsstrategie. So hatten die Abschlussprüfer nach Ansicht von KPMG zu keinem Zeitpunkt die Aufgabe, die Existenz der Bohrgeräte zu untersuchen, schließlich tauchten die Geräte in den Bilanzen von Flowtex auch nirgendwo auf. Rechtliche Besitzer, so KPMG, waren die Leasinggesellschaften. Flowtex habe die Bohrgeräte nur ge- und wieder vermietet. Zudem sollen die Gläubiger keine Ansprüche gegenüber den Abschlussprüfern haben, behaupten die KPMG-Experten und verweisen auf das Aktienrecht und das Handelsgesetzbuch. Nur das Unternehmen selbst könne Forderungen einklagen.
Eine Argumentation, die Pool-Anwalt Wolf mit Kopfschütteln quittiert: "Es gibt seit Jahren eine anerkannte Rechtsprechung, wonach auch Dritte Ansprüche geltend machen können, sofern sie geschädigt sind", kontert er und fügt hinzu: "Es geht ja nicht nur um die Testate für die Bilanzen 1997 und 1998. Es geht auch um einen Sonderauftrag, die Leasingverhältnisse zu prüfen", sagt Wolf.
Diese "Ergänzende Prüfung" hatte Schmider am 3. März 1999 bei der KPMG in Auftrag gegeben. Sie war Bestandteil der Flowtex-Verträge mit den Leasinggesellschaften, die auf diesem Weg Missbrauch mit den Bohrgeräten ausschließen wollten.
Nur 19 Tage später, am 22. März 1999, lag das Ergebnis vor: Es gibt "keine Anzeichen, dass die Rechte der Leasinggesellschaft nicht gewahrt sind". Besonders eine Passage des Prüfberichts, der dem Handelsblatt vorliegt, dürfte für die Banken und Leasinggesellschaften interessant sein. Darin schildert KPMG detailliert das eigene Vorgehen: "Nach Auswahl dieser Stichprobe hat die Gesellschaft die betreffenden Bohrsysteme zu Wartungs- und Servicearbeiten von den Untermietern in die Werkstätten zurückgerufen, wo sie von uns in Augenschein genommen worden sind."
Die Tatsache, dass es keine Vor- Ort-Kontrollen gab, sondern die Geräte von den Prüfern ausgewählt und dann von Schmider und Kleiser präpariert im Hof aufgestellt werden konnten, bringt die Gläubiger in Rage. Für Rechtsanwalt Wolf ist die Sache zumindest in diesem Punkt klar: "KPMG ist seinen Pflichten nicht nachgekommen." Das sehen die Prüfer anders. Auch in diesem Fall sei es nicht darum gegangen, die Existenz der Bohrgeräte zu prüfen. Im Gegenteil: Nach KPMG-Auffassung war die umstrittene Stichprobe handwerklich gar nicht erforderlich. Es habe sich lediglich um eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme gehandelt.
Ob KPMG am Ende rechtliche Konsequenzen drohen, ist noch offen. Zwar beschäftigt sich auch Oberstaatsanwalt Jobski mit der Rolle der KPMG. Das Thema steht bei ihm in der Prioritätenliste aber ganz weit hinten. "Es gehört eindeutig nicht zum Kernbereich unserer Arbeit", sagt Jobski. Im Gegenteil. Die Staatsanwaltschaft könnte den Prüfern sogar Schützenhilfe geben. Sie untersucht zurzeit, ob die Flowtex-Manager Stempel oder gar Dokumente der Wirtschaftsprüfer gefälscht haben.
Ohne Geldzahlungen wird KPMG dennoch kaum aus dem Skandal herauskommen. Das zeigt der Vergleich mit dem Pleitefall des Sportbodenherstellers Balsam/Procedo. Damals wurden die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften FMP und Price Waterhouse von Banken auf 250 Millionen Mark verklagt. Am Ende einigte man sich auf einen Vergleich und die Zahlung von weniger als 50 Millionen Mark - nach einem fünf Jahre dauernden Rechtsstreit.

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