Unternehmensaufsicht
Verfilzt, erstarrt, unredlich

Der belgische Unternehmer André Leysen äußert sich im Karriere-Interview zur Unternehmensaufsicht in Deutschland.

In Deutschland wird derzeit diskutiert, wie sich die Unternehmensaufsicht verbessern lässt. Was halten Sie vom "Deutschen Corporate Governance Kodex", den eine Regierungskommission im Februar vorgelegt hat?

Ein solcher Kodex ist ein Appell an die Integrität des Managements. Nicht das juristisch gerade noch Tragbare, sondern ethische Prinzipien sollen die Basis unseres Handelns sein.

Gilt das auch für Managergehälter?

Jede Aktiengesellschaft hat das Recht, ihren Vorständen so viel zu bezahlen, wie sie meint, dass diese wert sind, wobei Redlichkeit bei der Beschlussfassung herrschen soll. In einigen Fällen scheint mir dies nicht mehr der Fall zu sein.

Was meinen Sie mit "redlich"?

Unredlich ist es in jedem Fall, sich aus zwei verschiedenen Welten jeweils das beste auszusuchen. Die Kombination von angelsächsischen Gehältern mit deutschen Vorstellungen von Sicherheit, wie der Abschluss von Fünfjahresverträgen, scheint für manchen das Ideal darzustellen. Das eine sollte aber das andere ausschließen.

Was halten Sie von Aktienoptionen als Vorstandsentgelt?

Hier gilt dasselbe wie bei den Gehältern. Überdies kann ich den betreffenden Unternehmen nur raten, bei Abschluss eines solchen Vertrags alle möglichen Szenarien durchzurechnen, sonst kann es böse Überraschungen geben. Ich hoffe, dass die Exzesse, die hier in letzter Zeit zu beobachten waren, bald ein Ende finden und dass es nur zeitweilige Entgleisungen waren. Sonst schlägt das Ansehen der Manager denselben Kurs ein wie die Börsen derzeit, nämlich abwärts.

Könnte die im Kodex vorgesehene Veröffentlichung der Gehälter solche Exzesse verhindern?

Vermutlich; aber es kann auch zu einem Wettrennen kommen um die Frage: Wer liegt vorn?

Hier sind ja eigentlich die Aufsichtsräte gefordert.

Das jetzige deutsche System der Unternehmenskontrolle ist demokratisch angelegt worden. Dies setzt aber einen gleichen Kenntnisstand bei den Aufsichtsratsmitgliedern voraus, die ja schließlich auch die volle Verantwortung tragen, wenn etwas schief geht. In der Praxis ist dieser aber häufig nicht gegeben, denn die Aufsichtsratsvorsitzenden werden durch die Strukturen gezwungen, eine Information "à la carte" praktizieren. Das schadet dem demokratischen Grundgedanken.

Sie spielen auf die Mitbestimmung an?

Die Existenz von zwei Fraktionen im Aufsichtsrat führt nicht zur konstruktiven Diskussion, sondern zu Absprachen im Vorfeld der Sitzung. Häufig einigen sich der Aufsichtsrats- und der Vorstandsvorsitzende auf eine Linie. Dann binden sie den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden, der die Arbeitnehmervertreter führt, ein und damit steht das Ergebnis so gut wie unumstößlich fest.

Und wenn ein Aufsichtsratsmitglied nicht mitzieht?

Auf beiden Seiten - also bei Arbeitnehmern und Kapitalvertretern - ist es Usus, dass man mitstimmt, auch wenn man anderer Meinung ist, um der Gegenseite keine Blöße zu bieten.

Das lässt den Schluss zu, dass viele Aufsichtsräte ihre Aufgabe nicht erfüllen.

Oder besser gesagt, nicht optimal erfüllen können, weil ihnen Informationen vorenthalten werden.

Wie könnte die Arbeit der Aufsichtsräte verbessert werden?

Die potentiellen Interessenkonflikte der Banker erfordern mehr Aufmerksamkeit. Einerseits sind sie dem Unternehmen verpflichtet, in dessen Aufsichtsrat sie sitzen. Andererseits treten sie häufig als dessen Kreditgeber und Anteilseigner auf. Und dann sollen sie noch ihre Interessen als Investmentbanker verfolgen?

Die Haftung der Banken entspricht dabei nicht immer ihrer Verantwortung. Und auch die viel beschworenen internen "Chinesischen Mauern" halten nicht immer das, was die Banken sich und der Öffentlichkeit von ihnen versprechen.

Ein anderes Problem sind Verfilzungserscheinungen zwischen den Vertretern von Arbeitnehmern und Anteilseignern im Aufsichtsrat.

Zum Beispiel?

Denken Sie an den Fall Mannesmann, wo der Gewerkschaftler eine Abfindung von 60 Millionen Mark für den Manager gutgeheißen hat.

In einem anderen großen Unternehmen hat der Personalausschuss, der sich zur Hälfte aus Arbeitnehmervertretern zusammensetzt, den Vorstandsmitgliedern, die zudem noch mit Fünfjahresverträgen gesichert sind, Gehälter von fast zehn Millionen Euro genehmigt. In solchen Fällen stellt sich die Frage, wie dann der Vorstand bei Lohnverhandlungen die nötige Widerstandskraft gegen die Forderungen der Arbeitnehmer entwickeln will.

Das Hauptziel des Kodex ist es, das deutsche Corporate-Governance-System im Ausland zu erklären, um Investoren nach Deutschland zu locken. Wurde dieses Ziel aus Ihrer Sicht erreicht?

Der Kodex ist im Ausland kaum bekannt. Wir sollten ihm aber noch etwas Zeit geben, eine Wirkung zu entfalten. Andererseits aber hat sich Deutschland mit seinem Übernahmegesetz ein zusätzliches Problem geschaffen: Die letzte Entscheidung über ein "feindliches" Übernahmeangebot liegt jetzt beim mitbestimmten Aufsichtsrat. Letzten Endes entscheiden damit die Arbeitnehmer über die mögliche Übernahme ihres Unternehmens durch Ausländer. Die aber werden es nur ausnahmsweise auf sich nehmen, sich dieser Abstimmungsprozedur zu unterziehen - angesichts der ohnehin bestehenden Vorbehalte gegen die Mitbestimmung. Das reduziert die Nachfrage, während die Steuerreform das Angebot erhöht. Für den deutschen Aktienmarkt wird sich das negativ auswirken.

Die Frage der Mitbestimmung wurde im Corporate-Governance-Kodex ausgeklammert.

Mit Ausklammern erreicht man nichts. Außer Luxemburg und Deutschland ist die ganze Welt gegen die Form der Mitbestimmung, wie sie in Deutschland praktiziert wird. Außerdem sind nach 30 Jahren Anpassungen notwendig, um in der globalisierten Welt zu bestehen. Jedes System hat die Neigung, mit der Zeit zu erstarren und an seinen Widersprüchen zu Grunde zu gehen, wenn man nichts dagegen unternimmt.

Sie sind sehr kritisch.

Man könnte mir vorwerfen, zu scharf zu kritisieren. Ich glaube aber, als Beobachter der deutschen Wirtschaft auf gewisse Fehlentwicklungen hinweisen zu dürfen. Ich betrachte Ihr Land als meine zweite Heimat und wenn es Ihnen gut geht, dann geht es dem kleinen Belgien auch gut. Deshalb hoffe ich, dass es wieder die wirtschaftliche Lokomotive Europas wird; dafür sind aber Reformen notwendig.

Die Fragen stellte Hans Eschbach

Quelle: Handelsblatt

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