Unternehmensfinanzierung
Kommentar: Es geht auch ohne die Börse

Es gibt in der Wirtschaftspolitik die volkstümliche, aber naive Lehrmeinung, dass nämlich die Unternehmen zur Finanzierung neuer Arbeitsplätze angewiesen seien auf steigende Gewinne und stabile Börsenkurse.

Deshalb seien sinkende Steuern und Löhne und die gesicherte Finanzierung der Sachinvestitionen über Aktien die Bedingungen einer Rückkehr zur Vollbeschäftigung. Die so behaupteten Zusammenhänge sind zwar logisch, werden jedoch von der statistischen Wirklichkeit leider nicht bestätigt.

Arbeitsplätze entstehen unmittelbar nur durch Bruttoanlageinvestitionen der Unternehmen, nicht aber durch deren Geldvermögensbildung, also die Kapitalanlage in Bankguthaben, Geldmarktpapiere, Rentenwerte, Investmentzertifikate, Beteiligungen und Kredite. Geldvermögen bilden die privaten Haushalte nämlich auch. Aus der Statistik der Deutschen Bundesbank ergibt sich nun, dass seit einem Jahrzehnt die deutschen Kapitalgesellschaften zunehmend in Geldvermögen und weniger in Sachanlagen, also in Arbeitsplätze, investieren.

Im Jahre 1991 betrug die gesamte Geldvermögensbildung der deutschen Kapitalgesellschaften nur rund 35 Prozent der Bruttoanlageinvestitionen (einschließlich Vorratsveränderungen), 1995 noch 22 Prozent, im Jahre 2000 waren es bereits 78 Prozent, im Jahr 2001 immer noch 68 Prozent. Es ist offensichtlich, dass die Unternehmen statt in Produktion und Dienstleistung in das Bankgeschäft und den Firmenhandel eingestiegen sind, der Shareholder-Value-Philosophie folgend.

Wenn ihnen von der Politik neue Mittel zugewiesen würden, so würde damit keinesfalls die Schaffung neuer Arbeitsplätze garantiert. Vielleicht würden damit nur - statt Sachinvestitionen - über den Erwerb von Beteiligungen fremde Arbeitsplätze aufgekauft oder - weil Konkurrenz - vernichtet, würden Schulden getilgt, oder es würde Eigenkapital entnommen.

Es ist auch nicht wahr, dass die Unternehmensgewinne eine relevante Größe seien für die Finanzierung der Bruttoanlageinvestitionen. Im Normaljahr 1991 und in den Folgejahren stammten nur bis zu zehn Prozent der für Anlageinvestitionen verwendeten Mittel aus nicht entnommenen Gewinnen, seit 1999 nehmen die Gewinne überhaupt nicht mehr teil an der Anlagefinanzierung, es wurden vielmehr von 1999 bis 2001 Gewinnrücklagen in Höhe von 33 Milliarden Euro aufgelöst und an die Aktionäre ausgeschüttet. Die Unternehmensteuerreform, deren erklärtes Ziel die Anschubfinanzierung von Investitionen durch Steuerentlastung und Stärkung der Gewinne war, war vielmehr eben die Ursache dieser investitionsfeindlichen Dividendenpolitik der Unternehmen.

Auch die Börse ist längst nicht mehr die Finanzierungsquelle der Unternehmen. 1991 wurden nur sechs Prozent der gesamten Investitionen in Sachanlagen und Geldvermögen über Aktien und sonstige Beteiligungen aufgebracht, im Jahr 2001 allerdings 17,9 Prozent beziehungsweise 65,7 Milliarden Euro, doch handelte es sich hier wie auch schon im Vorjahr um Sonderbewegungen: Ohne die Einzeltransaktion der Übernahme eines amerikanischen Unternehmens der Telekommunikation durch einen deutschen Konzern und die Bezahlung der ausländischen Aktionäre mittels heimischer Papiere wäre der Aktienabsatz nach Feststellung der Bundesbank wesentlich niedriger ausgefallen.

Die Aktie ist als Finanzierungsinstrument immer noch wichtig für neue und kleinere Unternehmen, nicht aber für die Großunternehmen - wenn man einmal von der Tatsache absieht, dass die Unternehmen ihre eigenen Aktien auch als Zweitwährung zur Akquisition von Beteiligungen verwenden und deshalb an hohen Börsenkursen interessiert sind, die andererseits wieder eine gewisse Sicherheit bieten gegen die Übernahme durch feindliche Unternehmen. Alles in allem wird also der Kursverfall an den Aktienmärkten Auswirkungen haben auf den Konsum der privaten Haushalte und auf die Konzentrationspolitik der Wirtschaft, doch halten sich die negativen Folgen für die Investitionsfinanzierung in Grenzen.

Denn immer noch finanzieren die deutschen Unternehmen ihre Investitionen im Wesentlichen über erwirtschaftete Abschreibungen und Bankkredite. Im Jahr 2001 beliefen sich die Abschreibungen auf 82,7 Prozent der Bruttoanlageinvestitionen, gegenüber 60,65 Prozent im Jahr 1991. Diese Art der Innenfinanzierung über Abschreibungen ist also für die Unternehmen sehr viel wichtiger geworden als die Außenfinanzierung über die Börse. Es war somit zweckwidrig, wenn mit der Unternehmensteuerreform zwar die Körperschaftsteuer gesenkt, gleichzeitig aber das Abschreibungspotenzial der Unternehmen gekürzt wurde. Hier wurde das Pferd mit der Kruppe in Fahrtrichtung vor den Investitionskarren gespannt. Auch die Bildung von Pensionsrückstellungen ist für die Unternehmensfinanzierung sehr viel weniger wichtig, als allgemein angenommen wird. Im Jahr 2001 nahmen sie mit 4,5 Milliarden Euro nur in einem Ausmaß von zwei Prozent an der Finanzierung der Bruttoanlageinvestitionen teil. 1991 waren es noch 3,52 Prozent.

Alles in allem leiden die deutschen Unternehmen sehr viel weniger unter Finanzierungs- als unter Rendite-Problemen. Deshalb dürfte auch die Job-Floater-Idee des sich immer exotischer gebärdenden Hartz-Ausschusses verfehlt sein. Wo Renditen in Aussicht stehen, wird es an der Finanzierung nicht fehlen.

Der Kursrutsch hat zwar Auswirkungen auf den privaten Konsum und die Konzentrationspolitik der Wirtschaft. Aber die negativen Folgen für die Investitionsfinanzierung halten sich in Grenzen.

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