Unternehmensführung in den USA steht vor gravierenden Veränderungen
US-Skandale lösen Regulierungswelle aus

Mit neuen Gesetzen, Ermittlungen und Anklagen hat die US-Regierung auf die Wirtschaftsskandale reagiert. Die weitreichendsten Reformanstöße kommen aus dem Unternehmerlager selbst.

NEW YORK. Das Wort des Jahres in der amerikanischen Wirtschaft ist zweifellos "ansteckende Gier". Nichts beschreibt die Ursache für die tiefe Identitätskrise Corporate Americas treffender als jene Formulierung von Alan Greenspan. Der Chef der US-Notenbank hat die zahlreichen Wirtschaftsskandale auf eine zutiefst menschliche Eigenschaft zurückgeführt, die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre zügellos das Verhalten in Unternehmen und an Börsenplätzen bestimmte. Nachdem 2001 mit der Enron-Pleite die Blase geplatzt war, musste im zu Ende gehenden Jahr kräftig aufgeräumt werden.

"Veränderungen finden in Amerika meist nur nach einer Krise statt", sagt Arthur Levitt. Der ehemalige Chef der US-Börsenaufsicht SEC ist einer der stärksten Befürworter einer grundlegenden Reform der Spielregeln in der US-Wirtschaft. "Wir haben damit gerade erst angefangen", sagt er nach einem Jahr, das die Führung der Unternehmen stärker verändert hat als die Regulierungswelle nach der Weltwirtschaftskrise 1929.

Wie sehr Levitt Recht damit hat, zeigt das Beispiel Coca-Cola. Fast beiläufig teilte der Getränkekonzern kürzlich mit, dass er künftig keine Prognosen mehr für Quartalsergebnisse abgeben werde. Dahinter steckt der Wunsch vieler Unternehmen, nicht mehr den irrationalen Ansprüchen einer kurzsichtigen Börsenkultur hinterherzulaufen, sondern sich auf das langfristige Wachstum des Unternehmenswertes zu konzentrieren. Sollten andere US-Firmen diesem Beispiel folgen, werden die angelsächsischen Management- Regeln des vergangenen Jahrzehnts auf den Kopf gestellt.

Bislang noch nicht absehbar sind auch die Folgen des so genannten Sarbanes-Oxley-Gesetzes, mit dem der US-Kongress Mitte 2001 den in den USA notierten Unternehmen Daumenschrauben angelegt hat. "Das Gesetz ist so vage, dass es vermutlich komplett überarbeitet werden muss", sagt James Glassman vom American Enterprise Institute in Washington.

In verständlicher Wut über die Auswüchse eines zügellosen Kapitalismus hat der Gesetzgeber eine Regulierungswelle ausgelöst, die auch viele Errungenschaften mit sich reißt. So wächst die Zahl kleinerer Unternehmen, die sich auf Grund der hohen Regulierungsanforderungen von der Börse zurückziehen wollen oder gleich ganz auf einen Börsengang verzichten. Das mag Scharlatane abschrecken, erschwert aber auch die Finanzierung vieler innovativer Vorhaben und behindert so den gesunden Prozess der kreativen Zerstörung.

Ähnlich zwiespältig ist das Vorgehen von Staatsanwälten und SEC gegen die großen Banken an der Wall Street. Die Investmentbanken haben alles getan, um von der zügellosen Gier in der Wirtschaft zu profitieren: dubiose Kreditgeschäft zur Verschleierung von Schulden, Bestechungen mit heißen Aktienemissionen, gefällige Firmenanalysen - nichts war den Komplizen in Nadelstreifen heilig. Die jetzt diskutierte staatliche Aufsicht des Banken-Research wird jedoch kaum bessere Unternehmensanalysen erbringen. Dazu fehlt den staatlichen Aufsehern das Marktwissen.

Neu belebt haben die Wirtschaftsskandale die Diskussion über die Managergehälter in den USA. Insbesondere die Vergabe von Aktienoptionen hat zu Exzessen geführt. Verdiente der Chef von börsennotierten Konzernen vor zwanzig Jahren noch 42-mal so viel wie der Durchschnittsmitarbeiter, stieg dieser Wert nach einer Studie der Business Week im Jahr 2000 auf das 531-fache. Für den New Yorker Notenbank-Chef Bill McDonough ist die wachsende Ungleichheit "sozial und moralisch" verfehlt. Bislang zieren sich viele Firmen noch, die Kosten dieser Gehaltsexplosion offen zu legen und die Aktienoptionen in der Bilanz auszuweisen. Coca-Cola und andere haben auch hier eine Trendwende eingeleitet. Die selbstständigen Reformbemühungen der Unternehmen zeigen: Vielleicht war die harsche Reaktion des Staates nötig, um die Firmen auf Trab zu bringen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%