Unternehmenszahlen beeinflussen Kurse
Gewinn geschätzt

Anleger sollten in den kommenden Monaten auf die Unternehmensgewinne achten - allein auf einen breiten Anstieg des Dax zu setzen, ist riskant.

DÜSSELDORF. Alle reden vom Aufschwung. Aber wo ist er in den Zahlen wenigstens schon zu erahnen? Bei acht Aktien aus dem Dax haben die Analysten während des ersten Quartals ihre Gewinnschätzungen für das laufende Jahr im Durchschnitt erhöht. Das gibt Hoffnung auf steigende Kurse. In vielen Fällen sind die Aktien allerdings bereits angestiegen und gehörten zu den Quartalsgewinnern. Ist damit das Potenzial schon ausgeschöpft oder gar überreizt?

Beispiel Degussa: Der erwartete Gewinn für 2002 legte von Jahresbeginn bis Ende März rund zehn Prozent pro Aktie zu. Der Kurs des Spezialchemieherstellers stieg aber dreimal mehr - gleich um 32 Prozent. Die Mehrheit der Analysten erwartet jedoch weitere Kursgewinne und stuft Degussa als Kauf ein. Die West LB zum Beispiel rechnet mit einem zweistelligen Ertragswachstum in den nächsten Jahren, da die Grundstoffindustrie zu den ersten Profiteuren der wieder anziehenden Konjunktur gehörte. Im Vergleich zu anderen Spezialchemiewerten sei die Aktie bei einem Kurs von 36 Euro um zehn Prozent unterbewertet.

Auch bei SAP zogen Kurs und Gewinnaussicht in den ersten drei Monaten gemeinsam an. Die Konjunkturphantasie wirkte auch hier als Multiplikator. Auf 3,15 Euro und um rund 5 Prozent höher schätzen die Analysten heute den Gewinn pro Aktie in 2002 ein als Anfang des Jahres. Das Papier legte rund 19 Prozent zu. Wie die Mehrheit der Investmenthäuser empfiehlt auch Merrill Lynch den Wert zum Kauf. SAP habe sich in einem schwierigen Umfeld bereits bewährt. Der jüngste Kurseinbruch resultiere aus Problemen anderer Softwarehersteller in den USA. Deren Einbruch im Geschäft mit Lizenzen sei nicht für SAP und deren Hauptmarkt Europa zu befürchten. Doch nicht alle Analysten sind so optimistisch. "SAP ist fair bewertet", hält Berndt Fernow von der LBBW dagegen.

Vielen Experten gefällt die BMW-Aktie ausnehmend gut. Sie revidierten in den vergangenen drei Monaten ihre Gewinnprognosen durchschnittlich um rund neun Prozent auf 2,78 Euro pro Stück nach oben, und der Kurs kletterte fast 17 Prozent. Goldman Sachs erhöhte noch Mitte März seine Erwartung auf drei Euro pro Aktie für 2002. Der Automobilkonzern sei die sicherste Position seiner Branche. Ähnlich positiv sieht auch das Institut Lehman Brothers die Entwicklung. Grund seien unerwartet gute Geschäftsaussichten. Der neue Mini verkaufe sich gut. Die 7er-Serie gilt als künftiger Profitbringer. Zudem blieben die Ausgaben für Forschung und Entwicklung stabil. "Nach der Trennung von Rover liegt die eigentliche Ertragskraft offen", lobt auch Union-Investment-Manager Hans-Joachim König. Er ist für den Wert optimistisch und zählt BMW zu seinen Favoriten.

Auch für VW wurden die Gewinnschätzungen angehoben. Allerdings gibt es hier eine Besonderheit: Zugleich sind viele Analysten der Ansicht, dass der Konzerngewinn 2002 niedriger liegen wird als im Vorjahr, nachdem für 2001 ein Rekord von 4,4 Mrd. Euro ausgewiesen wurde. Rund 16 Prozent weniger Gewinn erwartet beispielsweise die WestLB und rät den Investoren nach dem starken Kursanstieg, jetzt " Gewinne mitnehmen". Die Aktienstrategen setzen ein Kursziel von 52 Euro. Die Mehrheit der Analysten stuft den Wert auf "Halten". Die LBBW setzte die Aktie aber hoch und empfiehlt sie zu kaufen. "VW ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von neun im Vergleich zur Branche sehr günstig bewertet", meint Fernow.

Kräftig gestiegen ist trotz einer nur kleinen Anhebung der Gewinnschätzung die Aktie von Schering. Grund: Der Pharmakonzern ist bereits besonders ertragsstark. Der Konzern erhöhte im vergangenen Jahr den Nettogewinn um 24 Prozent auf 0,4 Mrd. Euro. Die Aussicht für 2002 ist auch nicht schlecht. Die Deutsche Bank etwa rechnet damit, dass allein der Umsatz in den USA um 15 bis 20 Prozent wachsen kann.

Noch Potenzial im Kurs

Doch nicht alle Aktien haben von höheren Gewinnschätzungen schon im Kurs profitiert. Bei MLP und Fresenius Medical Care (FMC) blieben die Kurse in etwa auf demselben Niveau. Dass FMC nicht gestiegen ist, überrascht besonders: Die Gewinnschätzungen für den Medizintechnik-Konzern wurden um satte 13 Prozent angehoben. Benedikt von Braunmühl vom Bankhaus Metzler erklärt diese Abweichung aus der Geschichte des Konzerns - FMC hat verschiedene Rechtsstreitigkeiten in den USA. Der Vorstand habe die möglichen Kosten daraus nach eigener Aussage vollständig im Jahresabschluss 2001 verbucht, was den erwarteten Gewinn für 2002 tendenziell entlaste, sagt von Braunmühl. Bis die Anleger wieder volles Vertrauen gefasst hätten, könne es aber noch einige Monate dauern. Michael King von der WestLB hat Vertrauen: Er stuft den Wert auf "outperformen" mit Kursziel 75 Euro, weil die Aussichten für das Nierendialysegeschäft für 2002 gut seien.

MLP gehört zu den wenigen Unternehmen, die ihre Gewinnprognose 2001 nicht revidieren mussten. Der Finanzdienstleister werde ein Gewinner der Rentenreform sein, meint die WestLB. MLP hat sich auf Akademiker spezialisiert. Diese würden nicht nur die Notwendigkeit zur privaten Altersvorsorge sehen, sondern auch bei anderen Produkten zugreifen. Kursziel sei 100 Euro. Die Mehrheit der Analysten empfiehlt den Wert zum Kauf. Zu ihnen gehört auch Rabea Bastges von HSBC. Das Unternehmen sei mit einem KGV von 70 zwar im Branchvergleich hoch bewertet, räumt sie ein. Doch wo andere Institute ein rückgängiges Fondsgeschäft haben, verkaufe MLP ständig neue Fondsanteile.

Die Münchener Rückversicherung ist eine Aktie, die trotz wieder positiverer Ergebnisschätzungen sogar stark im Kurs gefallen ist. Der Grund hier: Die Marktteilnehmer hatten noch höhere Margen für die Rückversicherungsbranche erwartet. "Die Prämien sind nach den Terroranschlägen letztlich im Schnitt nur um 20 Prozent gestiegen", erklärt Fernow. Er stuft den Wert auf "marketperformer". Merrill Lynch setzt das Kursziel für dieses Jahr immerhin auf 300 Euro.

Wer die Kursgewinner des ersten Quartals anschaut, findet auch Titel, bei denen sich die Gewinnschätzungen nicht oder sogar unten bewegt haben. Hier spielen oft Besonderheiten eine Rolle. Die starken Zugewinne von Preussag und Lufthansa resultieren hauptsächlich aus einer Korrektur des übertriebenen Kurssturzes auf Grund der Terroranschläge vom 11. September. Andere Aktien, die auf Grund vorheriger Übertreibungen nach unten zu den Kursgewinnern des laufenden Jahres gehören, sind Commerzbank und Hypo-Vereinsbank (HVB). Diese Aktien haben zwar Chancen, bleiben aber Wackelkandidaten. Ruhiger schlafen werden Anleger, die auf Aktien setzen, bei denen höhere Erträge bereits absehbar sind.

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