Unternehmer bringt Farbe in den Wahlkampf
Michael Bloomberg: Viel Show, viel Geld

Im November wählen die New Yorker einen neuen Bürgermeister. Auch Michael Bloomberg bewirbt sich um das Amt - ein Milliardär will Beamter werden.

Das Wahlkampfteam hat ganze Arbeit geleistet. Die vielen Pendler, die nach einem langen Arbeitstag müde auf die Fähre von Manhattan nach Staten Island drängen, sind bestens auf Michael Bloomberg vorbereitet. Als er braun gebrannt, im tadellosen dunkelblauen Anzug, aus einer grauen Limousine steigt, halten die Passagiere bereits sein Konterfei im DIN-A4-Format in Händen: Starkult um einen 59-jährigen Milliardär, der New Yorks nächster Bürgermeister werden will. "Was wird Ihr nächstes Album sein?", scherzt einer der Umstehenden. Der Wahlkämpfer frozzelt zurück: "Volksmusik, da kenne ich mich aus."

Gewöhnlich lässt sich Michael Bloomberg im Cadillac durch die Stadt chauffieren. Um bei den Wählern anzukommen, fährt er aber auch mal Fähre. Schließlich will er nicht länger einen weltweit bedeutenden Konzern regieren, sondern die heimliche Hauptstadt der Welt. Bloomberg, einer der reichsten Männer Amerikas und Eigentümer des gleichnamigen Finanzdaten-Imperiums, müsste plötzlich unterprivilegierte Schulkinder und an der Armutsgrenze lebende Rentnerinnen vertreten.

Eins gelingt ihm schon jetzt: das Volk zu unterhalten. Er strahlt, als ihm ein Passagier ein kleines, breit mit "Bloomberg-Radio" beschriftetes Taschenradio zeigt: "Ich sehe, Sie hören mir zu." Auch das Lieblingsteam eines jungen Schwarzen im knallroten Baseball-Hemd kennt er: "Ich habe immer gehofft, die Texas-Rangers kommen wieder, aber die schaffen das nie." Als der jetzige Bürgermeister Rudi Giuliani auf einer Wohltätigkeitsparty in Frauenkleidern auftrat, soll Bloomberg gesagt haben: "Ich kann gut in Giulianis Fußstapfen treten. Ich habe sehr hübsche Beine."

Bei den Republikanern ist die Konkurrenz kleiner

"Dieser Mann bringt auf jeden Fall Farbe in den Wahlkampf", schreibt die ihm ansonsten nicht allzu wohl gesonnene "New York Times". Gegen bisher vier Demokraten und einen weiteren Republikaner steigt Bloomberg in den Ring. Kurz vor Beginn der Kampagne hat er noch schnell die Seiten gewechselt: Er trat zu den Republikanern über. Dort hat er weniger Konkurrenten.

Inhaltliches bietet Bloomberg in den ersten Tagen seiner Kampagne selten. Der Außenseiter glaubt, sein erfolgreiches Geschäft sei Qualifikation genug. Immer wieder kommt er auf die Firma zu sprechen. Auch als ihn auf der Fähre jemand provoziert, "was haben Sie einem jungen Schwarzen wie mir zu bieten? Jeder verspricht uns was, und später hält sich keiner dran." "Schauen Sie sich an, was ich bisher geleistet habe", antwortet Bloomberg, "in meiner Firma habe ich um den ganzen Globus herum Menschen zusammengebracht."

Rund 7 000 Beschäftigte arbeiten weltweit für den Konzern, 156 000 Bloomberg-Bildschirme stehen an Händlertischen. Für Banker und Finanzberater gehören die Terminals und die über das Computersystem abrufbaren Finanzdaten seit Jahren zur Standardausstattung. Allein die Monitore bringen dem Konzern Mieteinnahmen von etwa 2,1 Milliarden Dollar im Jahr. Zusätzlich betreibt Bloomberg einen Finanznachrichten-Dienst, Radio- und Fernsehstationen.

Abfindung war Bloombergs Startkapital

Der klein gewachsene Sohn eines Buchhalters hat sein Imperium mit einem Startkapital von 10 Millionen Dollar begründet. Das Geld spendierte ihm vor 20 Jahren die Investmentbank Salomon Smith Barney als Abfindung für seinen Rausschmiss. Bloomberg hatte sich zuvor aus eher einfachen Verhältnissen über die Harvard-Business-School in eine Partner-Position bei der Investmentbank hochgearbeitet. Heute besitzt er ein Stadthaus in der vornehmen Upper East Side Manhattans, ein Haus in London, ein Wochenend-Refugium nördlich von New York und ein privates Flugzeug.

Amerikaner lieben solche Vom- Tellerwäscher-zum-Millionär-Karrieren. "Er wird es schaffen, unser Geschäftsleben in Schwung zu halten", glaubt die dunkelhäutige Ramona Harell, die mit Bloomberg auf dem Schiff gesprochen hat. In einer Stadt, deren Schicksal immer auch an das Wohlergehen der Kapitalmärkte geknüpft ist, ist Bloombergs Geschäftstüchtigkeit ein Plus. Doch Harell schränkt ein: "Wir New Yorker sind sehr nach Rasse gespalten. Ich weiß nicht, wie er das überbrücken will. Ich weiß auch nicht, was er für das Schulsystem oder das Gesundheitswesen tun kann."

Wahl-Kampagne für bis zu 30 Millionen Dollar

Bloomberg hat sich derweil zu Kapitän Jeff White auf die Brücke vorgearbeitet. Der Firmenchef und der Mann hinterm Steuer verstehen sich sofort. Sie reden über Boote und darüber, wie Bloomberg damit ein kleines Geschäft in Boston betrieben hat. "Das ist ein prima Typ", sagt der Kapitän hinterher, "der räumt die Stadt auf, so wie Bürgermeister Giuliani". Republikaner Rudi Giuliani hat es geschafft, die Kriminalitätsrate der Stadt drastisch zu senken. Doch seine radikalen Polizei-Methoden kommen nicht überall gut an. So ganz will sich Bloomberg nicht in dieselbe Ecke stellen lassen: "In den Schwarzen- und Latino-Vierteln haben die Menschen den Eindruck, die Polizei habe über die Stränge geschlagen. Da ist ein Körnchen Wahrheit dran", sagt er.

Bis zu 30 Millionen Dollar könnte die Kampagne Bloomberg kosten - viel mehr, als die Gegenkandidaten aufbringen können. Aber auch seinen Reichtum nutzt er als Wahlkampfargument: "Mich kann keiner kaufen, ich zahle alles selbst." Und geizig ist er nicht. Der geschiedene Vater zweier Töchter hat mehrere hundert Millionen Dollar in Wohltätigkeitsvereine - von der Aids-Hilfe über Essen auf Rädern bis zu seinen früheren Universitäten - gesteckt. "Die Kandidatur Bloombergs ist nicht bloß Selbstgefälligkeit. Dahinter steckt auch ein Stück Wille zum Dienst", meint NBC-Fernsehmoderator Tom Brokaw.

Viel Show, viel Geld und ein öffentliches Amt. Wo Menschen aus aller Welt anlanden, um es nach oben zu schaffen, ist so eine Mischung kein Widerspruch.

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