Unternehmer nehmen den Mittelstandsbeauftragten in Schutz
Schlauch sitzt wieder auf dem Sünderbänkchen

Als Rezzo Schlauch im vergangenen Sommer während der "Bonusmeilen-Affäre" seinen Job als Fraktionsvorsitzender der Grünen verlor, sagte er, er habe daraus gelernt. "Ich habe gesündigt, und ich habe gebeichtet", meinte der Sohn eines evangelischen Pfarrers zerknirscht vor Parteifreunden und zahlte die 7 000 Euro, die ein Flug erster Klasse nach Bangkok kostet, an die Bundeskasse. Die Lufthansa-Rechnung hatte er mit dienstlich erworbenen Bonusmeilen beglichen.

BERLIN. Am Freitag kehrt der 55-Jährige von einer dreiwöchigen USA-Reise zurück. Eine "Traum-Dienstreise" zum Bruder auf Staatskosten war das, mutmaßt die "Bild"-Zeitung, und verweist den jetzigen parlamentarischen Wirtschaftsstaatssekretär der Grünen wieder auf das Sünderbänkchen. Das Wirtschaftsministerium, in dem er für Mittelstand zuständig ist, weist die Vorwürfe eher pflichtschuldig zurück. Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer sagt, Schlauch werde schon erklären, was er privat und was er dienstlich bezahlt habe.

Engagiert in die Bresche für den barocken Schwaben springen sie allerdings nicht, die politischen Freunde. Denn ist "der Rezzo" nicht einer, der das Leben immer schon ein wenig zu sehr genießt? Geht er nicht in Berlin auf jede Party mit gutem Essen und gepflegtem Wein?

"Nach Bangkok passiert dem das nicht nochmal, dazu ist er gar nicht der Typ", meint achselzuckend Max Schön von der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer. Michael Ohoven vom Bundesverband Mittelständische Wirtschaft ist nach dem Lesen der Terminliste Schlauchs überzeugt, dass die Gespräche mit interessierten Unternehmern und Handelskammern in den USA gerade nach dem Irak-Krieg für die deutsche Wirtschaft wichtig sind. Wenn er - wie angekündigt - den privaten Teil der Reise bezahle, sehen die Unternehmer keine Probleme damit.

Die erstaunliche Rückendeckung für Schlauch war bei den Mittelständlern nicht immer so groß. Als der 55- Jährige nach Bonusmeilen-Affäre und Bundestagswahl mit dem Staatssekretärsposten für den Verlust des Fraktionsvorsitzes entschädigt wurde, zählte Schön zu denen, die das nicht gerade für eine glückliche Entscheidung hielten - wieder einer, der keine Ahnung hat, dachten sie fast alle in der Verbandslandschaft der Kleinunternehmer.

Doch in den wenigen Monaten, seit Schlauch den Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) auf Handwerkskongressen, Handelskammertagungen und Mittelstandsforen vertritt, hat er sich Respekt bei seiner neuen Klientel erworben. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, schätzt es, dass Schlauch "uns nicht nach dem Mund redet". Er habe klare ordnungspolitische Vorstellungen und bringe die Diskussion über die Entbürokratisierung voran.

Nicht jedem gefällt das. Beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sehen sie ihn als Clements Vollstrecker der verhassten Handwerksreform. Auf dem Handwerkertag in München wurde er ausgepfiffen. Schlauch selbst erzählt allerdings auch von Veranstaltungen in der Provinz, wo sie ihn vor seiner Rede ausbuhten und anschließend mit Applaus bedachten.

Als Typ kommt er an bei seinen Auftritten vor Mittelständlern. Dann steht er im schwarzen Rolli, schwarzer Hose und Blazer auf der Bühne und redet sich erst einmal warm: Von den Versäumnissen der Politik aller Parteien in den vergangenen 20 Jahren spricht er. Und von der Bürokratie. Seine rechte Hand fährt in die Höhe, er wippt auf den Füßen, fasst sich ans Herz, tänzelt schließlich hinter dem Mikrofon. Auf die "großen dinosaurierartigen Systeme, in denen immer noch viel Geld und Bürokratie ist", schimpft er, und die Stimme kommt laut ganz tief aus dem Bauch. Gepackt hat er sein Publikum meist, wenn er fordert, dass jetzt alle handeln müssten. Auf vielen Versammlungen merken dann nur noch Funktionäre, dass der Anwalt längst auch die Handwerkskammern zu den Dinosauriern hinzugezählt hat.

Im rot-grünen Lager schaudert?s so manchen, "wenn der Rezzo wieder den Volkstribun gibt", und seine Widersacher erzählen gerne, wie faul er doch sei. Die Mittelständler teilen allerdings auch diese Sicht nicht. Für Schön zählt Schlauch zu den Menschen, die sich alles in persönlichen Gesprächen erarbeiten und wenig mit schriftlichen Vorlagen anfangen können. Vielleicht, vermutet Schön, verwechseln manche diesen Stil der Arbeit mit Faulheit.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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