Unternehmer warnen vor standardisierten Kreditentscheidungen
Basel II fordert auch den „Bauch“ der Banker

Neue Regeln für die Bankenbranche - Basel II und die Anforderungen an das Kreditgeschäft - werden zu einer "Mathematisierung" von Finanzentscheidungen führen. Bauch und Kopf der Banken seien nicht mehr gefragt, fürchten Unternehmer. Experten auf Bankenseite widersprechen heftig, andere teilen die Bedenken.

cd/nw DÜSSELDORF/FRANKFURT. Im Mittelstand geht die Angst um, dass unter Basel II - die neuen Eigenkapitalregeln für Banken - die Mathematik das Zepter übernimmt, Bauch und Kopf der Banker vor Ort aber kaum noch Bedeutung haben werden. Statistisch fundierte Ratingverfahren werden die Grundlage sein für die Bonitätsnote der Unternehmer, das Urteil eines erfahrenen Firmenkundenbetreuers spielt keine Rolle mehr - so die Befürchtung. Unter den Banken sind die Meinungen geteilt: Einige widersprechen heftig. Andere warnen davor, bacuhgefühl durch Formeln zu ersetzen, wie zum Beispiel der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Köln, Hans Peter Krämer.

"Noch so verfeinerte statische Verfahren können den persönlichen Kontakt zwischen Betriebsinhaber und zuständigem Bankmitarbeiter nicht ersetzen", sagt Thomas Köster, Geschäftsführer des nordrhein-westfälischen Handwerkstags. Mit Basel II sei die Gefahr verbunden, dass standardisierte Bonitätsbeurteilungen an die Stelle der Erfahrung und des Gespürs der Geschäftsstellenleiter und Kreditsachbearbeiter der Banken vor Ort treten würden. Basel II wird seiner Ansicht nach zu einem starken Konzentrationsschub im Bankgewerbe führen und damit zu zentralisierten Kreditentscheidungen. Die geplanten neuen Mindestanforderungen an das Betreiben von Kreditgeschäften (MaK), die die Allfinanzaufsicht derzeit ausarbeitet, würden diese Gefahr verschärfen. Der Hintergrund: Der aktuelle Entwurf der MaK fordert die klare funktionale Trennung der drei Bereiche Anbahnung der Kreditgeschäfte und Betreuung der Kreditnehmer; zweitens der Bereich "Marktfolge", in dem ein zweites Votum über Kredite getroffen wird, und drittens der Bereich Kreditrisikoüberwachung. Köster glaubt in der Trennung ein "Denken, das der persönlichen Kenntnis der Unternehmerpersönlichkeit, keinen großen Wert mehr beimißt", zu erkennen. Auch in anderen Branchen greift die Angst von Unternehmern vor einer "Mathematisierung" der Finanzierung um sich, wie etwa Anton F. Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels, bestätigt.

Die Einschätzungen von Bankern und Fachleuten gehen auseinander. Auch künftig werde das persönliche Urteil der Kundenbetreuer vor Ort Gewicht haben, sagt etwa Peter Konesny, Basel II-Experte des Deutsche Sparkassen- und Giroverbands (DSGV). "Wir werden doch künftig nicht kopflos Kredit vergeben", weist er die Ängste entschieden zurück. Die Verfahren zur Ermittlung der Bonität würden zwar stärker systematisiert und standardisiert als heute. Doch qualitative Faktoren - die von den Unternehmensbetreuern vor Ort bewertet werden - würden nach wie vor eine sehr große Bedeutung haben, sagt Konesny. Er nennt als Beispiele die Qualifikation des Managements, die Frage nach der Existenz einer tragfähigen Nachfolgeregelung oder die Zuverlässigkeit und Tiefe der Finanz- und Investitionsplanung. Zwar werde zur Auswertung eine Software-Lösung eingesetzt, doch der Firmenkundenberater könne von der per PC ermittelten Einstufung abweichen, sofern er dies schlüssig begründet.

Sehr viel skeptischer äußerte sich hingegen Sparkassen-Vorstandschef Krämer gegenüber dem Handelsblatt. "Wir ersetzen gesund gewachsenes Bauchgefühl durch angelsächsisch mathematisches Formeln", warnt er. Krämer fordert daher, "der Bauch darf nicht ganz ausgeschaltet werden". Er sieht durch die neuen MaK und Basel II vor allem auf kleinere Sparkasse "große Probleme zukommen". Die Regelungen der MaK führten nach heutigem Stand dazu, dass "kein Vertriebsmensch mehr Kredite bewilligen darf", bringt der Großsparkassen-Chef seine Bedenken auf den Punkt. Krämer warnt davor, die Unterschiede zwischen dem deutschen Universalbankengeschäft und dem angelsächsischen Trennbankensystem ganz aufzuheben.

Tobias Winkler vom Bundesverband deutscher Bank vertraut hingegen voll auf die Kraft des Wettbewerbs. "Qualitative Kriterien, wie etwa die Beurteilung der Managementqualität, werden eine wichtige Komponente der Risikoeinschätzung bleiben", sagt der Basel II-Fachmann. Er betont, das Basel II die Ratingkriterien weitgehend in das Ermessen der Banken stelle - statt einheitliche Vorgaben zu machen. Jede Bank sei also in der Lage, qualitative Kriterien zu verwenden. Wie dies in der Praxis umgesetzt werde, sei heute freilich noch nicht absehbar. Winkler: "Das wird der Wettbewerb entscheiden." Denn gerade das sei ja das Ziel von Basel II: im Wettbewerb der Banken um die besten Kriterien und die besten Risikomanagementsystem soll deren Qualität stetig verbessert werden. "Mit Vereinheitlichung wäre niemand geholfen."

Quelle: Handelsblatt

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