Unternehmer-WG geplatzt
Berlincubate AG: Das "Dreamteam" ist am Ende

Sie liebten und sie hassten sich: Vor sechs Monaten lockte die Berlincubate AG fünf junge Leute in die Hauptstadt, um ein Startup zu gründen. Nun ist dieses Gründerteam gescheitert - am Streit der Mitglieder untereinander.

BERLIN. Es hätte alles so schön sein können: fünf Topleute, Büro und Wohnung mietfrei, technisches Equipment umsonst, 100 000 Mark als Budget, ein halbes Jahr lang Zeit, eine Geschäftsidee zu entwickeln und Investoren zu finden. Das Ganze in den angestaubten Räumen der Ex-Sozialversicherung des Ostberliner Bezirks Friedrichshain. Doch am Ende der Projektzeit - am 30. Juni - ist alles anders.

Die Berlincubate AG, ein Zusammenschluss von Berliner Startups wie Idealo.com, Beratern und Sponsoren wie Fujitsu-Siemens oder Oracle, hatte im Herbst 2000 einen ziemlichen Werbewirbel in der Presse entfacht. Dadurch lockte sie über 300 gründungswillige Bewerber nach Berlin.

Den Platz in der Unternehmer-WG ergatterten schließlich: Thomas Geiger, 26, bereits Gründer zweier Unternehmen, Mathias Köhler, 34, Experte einer Monheimer Internet-Erotikfirma, Dirk Steiger, 28, Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen, Barbara Rausch, 34, freiberufliche PR-Beraterin, und Frank Steuer, 28, Student aus den USA.

Mit viel Schmackes' legte das Dreamteam los

Alle fünf lernten sich erst in Berlin kennen, "ein richtiges Dreamteam" - wie sie anfangs glaubten. Mit viel Schmackes ging?s dann Anfang 2001 auf der Frankfurter Allee 23a los. Dort, wo sich einst DDR-Beamte ihren Hintern blank saßen und nach der Wende Berliner Szenezappler und Hupfdohlen bei organisierten Techno-Nächten ihren Tanzrausch abfeierten, saßen nun die fünf zwischen flimmernden Monitoren, leeren Pizzakartons und piepsenden Mobiltelefonen - das ganze Gründerglück. Wenige Wochen später der erste Zwist. Der Inkubator verlangte, die fünf sollten erst die AG gründen - dann gebe es das erste Geld. Für Mathias Köhler war das zu umständlich. Zudem gefiel ihm die Arbeitsatmosphäre nicht mehr. Sie mussten sich die Etage mit anderen Startups teilen. Diese hatten allerdings den "Luxus von Türen". Köhler zog aus und schloss sich einem anderen Startup an. Da waren?s nur noch vier.

Diese aber gründeten endlich ein Unternehmen, die Somesay AG. Nur eines störte noch: der Businessplan. "Der ist nötig", schrieben sie in ihr Tagebuch. Doch sei es "dennoch ätzend, immer wieder am selben Dokument herumzuschrauben". Auch war das Geld knapp. Die Auszahlungen kamen spät, zudem hat der Inkubator von den versprochenen 100 000 Mark nur 60 000 Mark gezahlt - wegen ausbleibender Erfolge. Zum Essen ging?s daher meist zum Italiener auf der Warschauer Straße, der mittags Pizza zum Sondertarif anbot.

Vor lauter Geldsorgen überlegte einer der vier Somesays sogar, den Krügerrand seiner Großmutter auf der Bank gegen Bares einzutauschen.

Jede Menge Presseberichte - aber keine Geschäftsidee

Und dann verging die "Zeit auch noch so schnell", offenbaren sie im Tagebuch. Kein Wunder bei dem ständigen Reporterandrang und den Fotoshootings im Büro oder auf dem Dach des Hauses, "wo der Wind so kalt pfeift". So gab?s zwar in den ersten vier Monaten weder Businessplan noch Geschäftsidee, dafür aber über 60 Presseberichte in Magazinen und Zeitungen.

Schließlich blitzte es aber doch noch in den Gehirnen. Die Geschäftsidee: Eine Technologie sollte entwickelt werde, die bestehende Inhalte aus dem Internet ins mobile Internet lädt. Doch der Riss im Team war schon zu tief. Auf der einen Seite Geiger und Steiger, auf der anderen Seite Rausch und Steuer. "Die morgendlichen Fahrten mit dem Motorrad neutralisieren den Ärger, den wir seit Wochen intern haben, auf wunderbare Weise", schreibt Rausch ins Tagebuch. So ging?s zur Frustausgleichsfahrt nach Köpenick und Eberswalde und "im großen Bogen zurück nach Berlin". Anfang Juni warf Steiger das Handtuch, und auch Geiger zog sich weitgehend zurück. Tja. Da waren?s nur noch zwei. "Wir dachten, das sind alles Profis, die für die Idee zusammenarbeiten, auch wenn sie nicht jeden Abend ein gemeinsames Bier trinken gehen," meint Ivailo Ziegenhagen, Vorstand von Berlincubate.

Anfang Juni wurden Rausch und Steuer "müde". Rausch musste deswegen noch während der Projektzeit erst einmal eine "Auszeit nehmen" und düste für ein paar Tage zum Gardasee. Auf dem Motorrad. Steuer blieb in Berlin, schrieb weiter Tagebuch, bis auch er sich urlaubsreif fühlte und nach Finnland fuhr. Klar. Das hatte er sich verdient. Seine Magisterarbeit hatte ihn in letzter Zeit sehr beansprucht: im März abgeschlossen und im Mai mit dem Resultat "sehr gut" bestanden.

Das Projekt Somesay ist gescheitert

Und was ist mit Somesay? Die Homepage des Unternehmens ist heute nicht mehr als eine Visitenkarte im Netz. "Die Geschäftsidee ist gut. Doch das Projekt ist so gut wie gescheitert. Die Leute haben sich nicht vertragen", meint Martin Sinner, Aufsichtsrat von Berlincubate. Das investierte Geld sei futsch und der PR-Effekt helfe ohne funktionierendes Startup nichts. "Risiken gibt es halt immer", sagt Barbara Schädler von Sponsor Fujitsu-Siemens. "Nächstes Mal schauen wir uns aber vorher an, wer da mitmacht."

Bis zum 1. Juli müssen Rausch und Steuer die Frankfurter Allee verlassen haben. Somesay wird aufgelöst. "Wir sind total pleite", sagt Rausch. "Jetzt müssen wir erst mal jobben gehen." Die Geschäftsidee aber nehmen sie mit. "Die nimmt uns jetzt keiner mehr weg", sagt sie fast schadenfroh.

Der Einzige, der bei dem Ganzen vermutlich wirklich etwas verdient hat, ist "Due Mila" - Somesays Stammitaliener auf der Warschauerstraße.

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