Unterschiede bei Ratingsystemen
Was Analysten meinen, wenn sie „Kaufen“ sagen

"Kaufen" ist nicht gleich "kaufen" - diese Erkenntnis ergibt sich, wenn Anleger die Ratingsysteme der Banken im Detail unter die Lupe nehmen. Wer die Feinheiten versteht, kann Analysen besser nutzen.

HB DÜSSELDORF. Die Zeiten ändern sich: Vor einigen Jahren war es für Privatanleger fast unmöglich, an Research-Material von Banken heran zu kommen. Dann kamen das Internet und der Börsenboom - und plötzlich drohten Privatanleger, in der Flut von Studien und Bank-Empfehlungen unterzugehen. Doch viele Informationen garantieren noch keinen Anlageerfolg: Einige Investoren setzten im Boom blind auf Kauf-Empfehlungen. Nach dem Platzen der Spekulationsblase sind sie dann zu spät ausgestiegen, weil kaum ein Analyst rechtzeitig zum Verkauf riet.

Tabelle: Die Sprache der Analysten

"Analystenreports halte ich nach wie vor für eine wertvolle Informationsquelle - wenn man mit ihnen umzugehen weiß", meint Heiko Bienek, Experte der auf Nebenwerte spezialisierten Fondsgesellschaft Lupus alpha. Anleger sollten aber nicht nur auf das "Kaufen-halten-verkaufen"-Urteil einer Studie achten. "Die Begründung für eine Empfehlung ist das A und O", erklärt Bienek.

Daneben raten Experten, sich auch die technischen Einzelheiten der Empfehlungssysteme genau anzuschauen. Denn die Empfehlung "Kaufen" ist bei einzelnen Banken ganz unterschiedlich definiert. "Anleger mögen, klare, transparente Rating-Systeme", sagt Michael Drepper, Leiter Aktienresearch bei der neuen Consors Capital Bank AG, einer Tochter des Direktbrokers Consors. Drepper stand mit seinem 15köpfigen Analystenteam vor der Aufgabe, bei der neuen Investmentbank ein Ratingsystem für Aktienanalysen zu konzipieren.

Grundsätzlich haben Banken dabei zwei Alternativen: ein absolutes oder ein relatives Bewertungssystem. Ein absolutes Ratingsystem basiert auf einer Prognose der Bank über das absolute Kurspotenzial einer Aktie, unabhängig von der Entwicklung eines Vergleichsindex.

Bei relativen Bewertungssystemen beruht die Empfehlung immer auf einer Prognose darüber, wie sich die Aktie im Verhältnis zum Markt entwickeln wird. Also zum Beispiel: Entwickelt sich die Siemens-Aktie besser oder schlechter als der Deutsche Aktienindex (Dax)?

Die meisten Banken verwenden relative Systeme

Die meisten Banken verwenden relative Systeme. Denn sie schreiben ihre Studien vor allem für so genannte institutionelle Kunden, also für Profi-Anleger wie Fondsmanager. Und deren Leistung wird daran gemessen, ob ihr Portfolio eine größere Wertsteigerung aufweist als der gewählte Vergleichsmaßstab - in der Regel ein Aktienindex.

Das hat aber zur Folge, dass ein Fondsmanager auch dann eine gute Leistung erbracht hat, wenn zum Beispiel sein Fonds für Deutsche Standardwerte in einem bestimmten Zeitraum weniger stark gesunken ist als der Dax. Spricht eine Bank eine "Übergewichten"-Empfehlung aus, bedeutet dies nur: Sie rät Portfoliomanagern, den Anteil dieser Aktie in ihrem Depot höher zu wählen, als es dem Gewicht im entsprechenden Vergleichsindex entspricht.

Für den privaten Anleger wenig Transparenz

"Für den privaten Anleger ist das natürlich wenig transparent: Wenn er übergewichten hört, interpretiert er das häufig so, dass die Aktie steigen wird", sagt Lupus-alpha-Experte Bienek. "Um solche Verwirrungen zu vermeiden, haben wir uns für ein absolutes System im Hinblick auf die Benchmark entschieden mit den Kategorien, Outperformer, Marketperformer, Underperformer", erklärt Michael Drepper von der Consors Capital Bank. Da sich das Research der Consors-Experten hauptsächlich auf Wachstumswerte konzentriert, unterliegt allen Empfehlungen die Erwartung, dass eine Wachstumsaktie im Jahr durchschnittlich um 20 % im Kurs zulegt - das ist die Benchmark (Vergleichsmaßstab). Um als "Outperformer" eingestuft zu werden, muss der Analyst von einer Aktie glauben, dass sie in den nächsten zwölf Monaten um mindestens 30 % zulegt.

Die unterschiedlichen Schwankungsbreiten von Aktien stellen die Banken vor eine weitere Herausforderung. Denn der Kurs der RWE-Aktie verläuft in gemäßigteren Bahnen als etwa das Papier von Mobilcom. Daher haben einige Banken ihr System differenziert nach Risiko-Kategorien. Sal. Oppenheim etwa gibt einer Aktie vom Neuen Markt erst dann ein "Outperfomer"-Rating, wenn dem Papier eine Kurssteigerung um mindestens 21nbsp;% zugetraut wird. Bei Standardwerten reicht eine Steigerungserwartung von 11 % zum Urteil "Outperformer".

Doch trotz aller Feinheiten können Analysten eine Aufgabe nicht übernehmen: Auch die Lektüre mehrerer Bankstudien entbindet den Anleger letztlich nicht davon, sich vor der Kaufentscheidung eine eigene Meinung zu bilden.

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