Unterstützung aus dem US-Kongress
Selbstjustiz wird in der Musikbranche legal

Im Kampf gegen Musik- und Filmtauschbörsen legt die Unterhaltungsindustrie eine härtere Gangart ein. Ganz legal sollen die Inhaber von Urheberrechten künftig zu brachialen Mitteln greifen dürfen.

SAN FRANCISCO. Wer in fremde Computer einbricht und Datennetze lahmlegt, ist kriminell - oder ein Angehöriger der Musikindustrie. So könnte die rechtliche Zukunft des Internets aussehen, wenn der US-Kongress einem Gesetzesvorschlag zustimmt, der vor wenigen Tagen dem US-Repräsentantenhaus vorgelegt wurde. Der Gesetzesvorschlag soll den Einbruch in Computer - das Hacken - für Inhaber von Urheberrechten legalisieren. Frei nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Bevor über den Gesetzesvorschlag abgestimmt wird, bekam die Musikindustrie bereits eine Dosis ihrer eigenen Medizin zu kosten. Die Web-Seite des Branchenverbands Recording Industry Association of America (RIAA) wurde in den vergangenen Tagen von Hackern mehrfach lahmgelegt. Branchenkenner gehen davon aus, dass die Hacker mit dieser Aktion gegen den Gesetzesvorschlag protestieren wollen.

Die Gesetzesinitiative ist der jüngste in einer Reihe von Versuchen, Musik- und Filmtauschbörsen im Internet mit rechtlichen Mitteln zu stoppen. Die Musikindustrie fürchtet, dass ihre Gewinne durch kostenloses Herunterladen von Songs im Internet zunichte gemacht werden, weil Musik-Fans weniger Compact Disks (CDs) kaufen. Tatsächlich sind die weltweiten Verkäufe von Musik-CDs im vergangenen Jahr um 5 % zurückgegangen, dagegen lagen die Verkaufszahlen von unbespielten CDs erstmals über denen von Musik-CDs. Die Unterhaltungsindustrie sieht deshalb Angriff als beste Verteidigungsstrategie an: "Wir haben keine Wahl", sagt Cary Sherman, Anwalt der RIAA. "Wenn wir nicht klagen, entstehen tausende dieser Netzwerke."

Bisher blieben Klagen gegen die beliebtesten Tauschbörsen Kazaa, Grokster und Morpheus, die gemeinsam mehr als 70 Mill. Nutzer haben, erfolglos. Anders als Napster, die durch einen Gerichtsprozess gestoppt wurde, betreiben diese Börsen keinen zentralen Rechner, sondern stellen lediglich die Software bereit, die das Musik-Tauschen von Computer zu Computer ermöglicht. Im vergangenen Dezember hatte die RIAA, die 19 Plattenfirmen vertritt, bereits eingeräumt, dass die Klagen gegen die Netzwerke der neuen Generation nicht so erfolgversprechend sind wie der Prozess gegen Napster, der in einem Abschalten der Börse endete. "Für die RIAA sind Krisenzeiten angebrochen und der Verband kämpft an vielen Fronten", kommentiert Susan Kevorkian, Analystin beim Marktforscher IDC.

Eine dieser Fronten ist jetzt die Legislative. Nach Bemühungen von Lobbyisten der Musikindustrie haben die Kongressabgeordneten Howard Berman, ein Demokrat aus Kalifornien, und Howard Coble, Republikaner aus North Carolina, den Gesetzesvorschlag eingereicht, der den Inhabern von Urheberrechten Straffreiheit einräumen soll, wenn sie die Tauschbörsen, sogenannte P2P-Netzwerke, "verändern, blockieren oder anderweitig behindern". Da die Tauschbörsen nur als Netzwerk von Computern bestehen, bedeutet das, dass sich Vertreter der Musikindustrie direkt in Privatcomputer einhacken können und beispielsweise eine Denial-of-Service-Attacke starten können, bei der Computer durch eine Datenüberflutung lahmgelegt werden. Dateien von Festplatten zu löschen ist dagegen nicht gestattet.

Wenn die Musikindustrie einen solchen Angriff plant, muss sie den Generalbundesanwalt laut Gesetzesvorschlag eine Woche im Voraus informieren, die Öffentlichkeit erfährt dagegen nichts. Bei Angriffen auf Privatcomputer, bei denen ein Schaden von weniger als 50 $ entsteht, soll der Nutzer keine Schadensersatzforderungen stellen können, bei mehr als 250 $ muss der Generalbundesanwalt innerhalb von 120 Tagen über eine Kompensation entscheiden.

Der Gesetzesvorschlag hat unter Musik- und Internet-Fans eine breite Diskussion über Urheberschutzrechte in Gang gesetzt. Kritiker beklagen, dass die Musikindustrie ihre Energie auf juristischen Schauplätzen verpulvert, statt eine wirkliche Alternative zu den umstrittenden Tauschbörsen zu bieten. Der Kongressabgeordnete Berman argumentierte dagegen, dass die Gesetzesinitiative den Inhabern von Urheberschutzrechten die Möglichkeit zur Selbstverteidigung gebe.

Kritiker fürchten, dass nicht nur die Musik- und Filmindustrie sondern auch dubiose Organisationen wie die Scientology Church unter den Schutz des Gesetzes fallen könnten. Und selbst Hacker-Attacken könnten mit Sicherheitssoftware schnell wirkungslos werden.

Die Anhörungen zu dem Gesetzesvorschlag werden voraussichtlich im September nach der Sommerpause des Kongresses beginnen.

Quelle: Handelsblatt

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