Unterstützung von Kahn
Ballack redet Tacheles

Nach der schwachen Vorstellung der deutschen Nationalelf gegen Schottland hat Michael Ballack deutliche Worte gefunden. Die deutsche Mannschaft habe nur "mitgebolzt".

dpa GLASGOW. Die EM-Qualifikation in Gefahr, der Betriebsfrieden gestört, und die Färöer als letzte Rettungsinsel für einen halbwegs gelungenen Saisonabschluss: Nach dem Pfingstausflug der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zum "Spiel des Jahres" fällt die Bilanz ernüchternd aus. Und Rudi Völler musste sich nach dem schwachen Auftritt beim 1:1 gegen die nur kämpferisch erstklassigen Schotten plötzlich um Schadensbegrenzung bemühen. Mit Engelszungen predigte der Teamchef vor der vermeintlichen Pflichtübung am Mittwoch (20.45 Uhr/ARD) gegen die Färöer, wohin der DFB-Tross am Dienstag aufbricht, Zusammenhalt und Selbstbewusstsein in den eigenen Reihen.

Doch das Feuer, das ausgerechnet Michael Ballack unterm eigenen Dach im Trainingscamp bei Glasgow entfacht hatte, ließ sich so schnell nicht löschen. "Die Schotten waren eine der schwächsten Mannschaften, gegen die wir in letzter Zeit gespielt haben. Das zeigt, wie schwach wir waren", urteilte der 26-Jährige. Schonungslos attestierte die Leitfigur, die angeschlagen ins Spiel gegangen war, der eigenen Elf "fehlende Klasse und Selbstvertrauen". Anstatt Fußball zu spielen und so die eigenen Stärken zu demonstrieren habe man im Hampden Park nur "mitgebolzt", meinte der Münchner und brachte seine Kritik auf den Nenner: "Als Vize-Weltmeister müssen wir selbstbewusster auftreten."

Ballack, der selbst seine wegen einer hartnäckigen Wadenverletzung eingeschränkte Leistungsfähigkeit einräumte, war vor allem verärgert darüber, dass dennoch alle Last auf ihm lag und keiner der Teamkollegen Führungsqualitäten demonstriert hatte. Kapitän Oliver Kahn schlug am Montag zwar moderatere Töne an, gab Ballack aber im Grundsatz recht. "Wenn die Verantwortung nur auf ein oder zwei Spielern liegt, ist es nicht einfach. Es müssen auch mal andere Spieler in die Bresche springen", sagte der Torhüter.

Als bedenkliche Erkenntnis aus dem Prestigeduell mit Ex-Bundestrainer Berti Vogts blieb der Fakt, dass die DFB-Auswahl mit einem gesunden Ballack zu allem fähig ist, ohne den Führungsspieler in Bestform aber auch von nahezu Jedermann in Verlegenheit gebracht werden kann. Deshalb war Ballack schon vor dem Abflug auf die Inselgruppe im Atlantik mulmig. "Das Spiel wird noch schwerer, weil die äußeren Umstände schwierig sind. Aber ich hoffe, dass sich die Mannschaft in diesem letzten Spiel zusammenreißt."

Das fordert auch DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Nachdem seine Zielsetzung, sechs Punkte aus den beiden Spielen zu holen, bereits verfehlt wurde, verlangt der Verbandschef umgehend eine Wiedergutmachung. "Jetzt haben sie die Gelegenheit, die Saison einigermaßen zu Ende zu bringen", sagte Mayer-Vorfelder, der die Kreativspieler Bernd Schneider und Miroslav Klose, aber auch Ballack als Hauptschuldige für die enttäuschende Darbietung in Glasgow ausgemacht hatte: "Sie haben gewaltig unter ihren Möglichkeiten gespielt."

Völler wirkte ob der Reaktionen, die das verkorkste "Spiel des Jahres" ausgelöst hatte, irritiert. "Wir sind Tabellenführer und können uns am Mittwoch mit drei Punkten absetzen. Es gibt viele Nationen, die gerne mit uns tauschen würden", richtete der 43-Jährige den Blick auf die nackten Tatsachen. Dabei verschwieg er allerdings, dass die DFB-Auswahl nach der verpassten Vorentscheidung vor einer ähnlichen Zitterpartie steht wie vor zwei Jahren. Damals verspielte das Team in den letzten beiden Gruppenspielen gegen England (1:5) und Finnland (0:0) die Tabellenführung und löste erst in der denkwürdigen Relegation gegen die Ukraine das WM-Ticket.

Ein ähnlich nervenaufreibendes Horrorerlebnis will sich Völler diesmal ersparen, wenngleich die Konstellation vergleichbar ist. Auch diesmal stehen zum Qualifikationsende gegen Schottland und Island zwei Heimspiele auf dem Programm, zudem muss die DFB-Auswahl noch nach Reykjavik. Da die Schotten das vermeintlich leichtere Restprogramm (gegen Färöer und Litauen) haben, frohlockte Rivale Vogts bereits: "Wir schauen positiv nach vorn."

Völler suchte derweil nach der richtigen Elf für den Saisonabschluss. Den gesperrten Torsten Frings schickte der Teamchef bereits in den Urlaub, auch weil die locker-lustige Art des Dortmunders nicht gerade in die augenblicklich angespannte Situation passt. Dafür aber besserte sich der Zustand bei Ballack. Und auch der Einsatz von Tobias Rau, der sich nach einem rot-würdigen Foul von Maurice Ross eine Prellung und eine Risswunde am rechten Knie zugezogen hatte, ist nach Angaben von Bundestrainer Michael Skibbe vermutlich möglich.

Voraussichtliche Aufstellung: Kahn - Friedrich, Ramelow, Wörns - Freier, Jeremies, Rau - Schneider, Ballack - Bobic, Klose

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