Untersuchung
Britische BSE-Politik kritisiert

Reuters LONDON. In Großbritannien hat die frühere konservative Regierung die Öffentlichkeit Jahre lang über die Gefahren der Rinderseuche BSE im Unklaren gelassen. Das geht aus einem offiziellen Bericht hervor, der am Donnerstag veröffentlicht wurde. Aus Sorge vor Panikreaktionen der Verbraucher und Verlusten beim lukrativen Fleischexport hätten Minister und Beamte wiederholt versichert, dass "es nicht nur ungefährlich sei, Rindfleisch zu verzehren, sondern auch, dass BSE nicht übertragbar sei", heißt es in dem Bericht, der von einer unabhängigen Kommission im Auftrag der jetzigen Regierung erarbeitet worden war.

Die Regierung stellte Entschädigungen für jene Menschen in Aussicht, die infolge von BSE an der tödlichen Creutzfeldt- Jakob-Krankheit erkrankten. Landwirtschaftsminister Nick Brown sagte, dafür sollte ein Treuhand-Fonds von mehreren Mill. Pfund eingerichtet werden.

In dem Bericht heißt es, die damalige Regierung habe die Öffentlichkeit wohl nicht mit Absicht über die BSE-Risiken im Unklaren gelassen. "Die Regierung hat die Öffentlichkeit nicht über BSE belogen", heißt es. Ziel sei aber gewesen, die Bevölkerung zu beruhigen. Die mehrjährigen Untersuchungen hätten ergeben, dass es bei den zuständigen Behörden Unwissenheit, mangelhafte Kommunikation und inakzeptable bürokratische Verzögerungen gegeben habe. Erst 1996 hatte die damalige Regierung eine Gefahr für den Menschen durch die Rinderseuche BSE eingeräumt. In dem Bericht heißt es, die Öffentlichkeit habe sich verraten gefühlt. Brown zufolge wird eine Kommission ermitteln, ob Disziplinarmaßnahmen gegen einzelne Personen angestrengt werden sollen.

Weiter heißt es in dem Bericht, BSE habe eine qualvolle tödliche Krankheit beim Menschen verursacht. Die Opfer und ihre Familien hätten furchtbar gelitten. In ganz Großbritannien müssten sich Menschen heute fragen, ob ihnen nicht dasselbe Schicksal bevorstehe. Der Bericht fordert von der Regierung größere Offenheit beim Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Öffentlichkeit dürfe zugetraut werden, auf derartige Offenheit vernünftig zu reagieren, heißt es weiter.

Brown sagte, der Treuhand-Fonds sei die von der Regierung bevorzugte Option, es gebe aber auch noch andere Möglichkeiten. Er wolle mit den betroffenen Familien darüber beraten. Bisher sind in Großbritannien mehr als 70 Menschen an einer neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) erkrankt, die nach Einschätzung von Wissenschaftlern durch den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch beim Menschen ausgelöst wird. Aus Regierungskreisen hieß es, niemand könne vorhersehen, wie viele Menschen sich infiziert hätten, die offenbar eine mehrjährige Inkubationszeit hat. Die endgültige Entschädigungssumme könne deshalb weit höher ausfallen als bisher geschätzt.

Nach der Veröffentlichung des Berichts sagte der frühere konservative Premierminister John Major: "Wenn wir ihn (den Bericht) lesen, muss jeder von uns seine Verantwortung für die Versäumnisse akzeptieren, die begangen wurden." Der Sprecher für Landwirtschaft der Konservativen, Tim Yeo, äußerte im Namen der Partei sein Bedauern über die damaligen Vorgänge. Was geschehen sei, tue ihm leid. Er wolle sich bei den trauernden Familien entschuldigen, sagte Yeo vor Parlamentsabgeordneten. Die Regierungspläne für eine Entschädigung der Opfer und ihrer Angehörigen begrüßte er. Bauernverbandschef Ben Gill forderte, die Regierung müsse in Zukunft die Erforschung der auf Menschen übertragbaren Tierkrankheiten stärker fördern.

BSE hat der britischen Viehindustrie schweren Schaden zugefügt. Tausende Rinder wurden nach Auftreten von BSE-Fällen getötet. Entschädigungszahlungen der Regierung an Viehzüchter und andere Betroffene kosteten bereits mehrere Mrd. Pfund. Die ersten BSE-Fälle waren in Großbritannien in Jahr 1986 registriert worden. Die Ausbreitung der Krankheit hatte 1992 einen Höhepunkt erreicht. Die Europäische Union (EU) hatte wegen der Rinderseuche ein mehr als drei Jahre andauerndes Exportverbot für britisches Rindfleisch verhängt. Der Ausfuhrstopp war im vergangenen Jahr aufgehoben worden.

Die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit führt bei den Erkrankten zu Demenz, Lähmungen und Erblindung und einem monatelangen qualvollen Sterben. Rund ein bis anderthalb Jahre nach Auftreten der ersten Symptome sterben die Infizierten.

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