Untersuchungsausschuss prüft Interessenkonflikte der Investmentbanken
Rosige Analysten-Reports beschäftigen US-Kongress

Deutliche Kritik wurde im Ausschuss für Kapitalmärkte des US-Repräsentantenhauses an der Arbeit von Wertpapieranalysten laut. Bei einer Anhörung gaben gestern Zeugen aus der Finanzwirtschaft ihre Einschätzung zur Rolle der Analysten während der Spekulationsblase im High-Tech-Bereich ab. Die Anhörung sollte klären, welche Rolle die Analysten während der jüngsten Spekulations-Blase an den Aktien- Märkten gespielt haben und wie weit ihre Kaufempfehlungen von Eigeninteresse gelenkt waren.

zz/hus/ WASHINGTON/NEW YORK. Der Ausschuss- Vorsitzende Richard Baker fand klare Worte: "Im Jahr 1992 hatten wir noch etwa 50 % Verkaufsempfehlungen, heute sind es nur 2 %. Die Beweise, dass die Analysten-Empfehlungen beinflusst sind, sind überwältigend."

Gregg Hymowitz von der Vermögensverwaltung Entrust Capital bezeichnete die Bewertungskriterien der Analysten für Technologie-Aktien als "albern"; er hielt es für offensichtlich, dass ihre Noten vom Eigeninteresse der Banken beeinflusst waren. Auch Portfoliomanager Daivd Tice vom Prudent Bear Fund kritisierte das Verhalten der Analysten scharf. Dagegen nahm James Glassman vom Forschungsinstiut American Enterprise Institute die Analysten zum Teil in Schutz: "Wir sollten sicher überwachen, wie Analysten ihre Arbeit machen. Doch obwohl sie in den letzten Jahren schlechte Empfehlungen abgegeben haben, waren ihre Analysen über einen längeren Zeitraum gesehen nicht schlecht."

Interessenkonflikte durch die Betreuung von Börsengängen

Nach der Anhörung wird der Ausschuss jetzt nach Wegen suchen, wie die Investmentbanken zu mehr Neutralität bei ihren Empfehlungen verpflichtet werden können. Entsprechende Vorschläge könnte der Kongress auch an die Wertpapier- und Börsenaufsicht SEC weiterleiten.

Der Interessenkonflikt der Investmentbanken entsteht aus ihrer doppelten Rolle. Zum einen veröffentlichen sie routinemäßig Analysen zu den wichtigsten gehandelten Aktien. Zum anderen stehen sie in intensivem Wettbewerb untereinander, wenn es um die Betreuung von Börsengängen geht. Wer ein Unternehmen an die Börse gebracht hat, will anschließend nicht schlecht darüber schreiben.

Beweisführung gilt als äußerst schwierig

Der Zusammenhang zwischen den Aktien-Bewertungen und Investmentbanking-Aufträgen einer Wall Street Firma ist oft schwer zu beweisen, obwohl er sich in vielen Fällen aufdrängt. Der auf Internet-Aktien spezialisierte Analyst der Investmentbank Merrill Lynch , Henry Blodget, hat beispielsweise erst vor wenigen Tagen die Aktie GoTo.com herabgestuft, nachdem der Anbieter von Internet-Suchmaschinen einen lukrativen Auftrag für eine Neuplazierung an die Konkurrentin Credit Suisse First Boston gegeben hatte. Das berichtete das Wall Street Journal. Merrill Lynch stritt jeden Zusammenhang ab, Blodget habe von dem Zuschlag keinerlei Kenntnis gehabt. Blodget hatte 2000 ein Einkommen von mehr als 5 Mill. $ und trug maßgeblich zum Ergebnis der Investmentbank bei. Er erschien regelmäßig auf den Kanälen der Wirtschaftsfernsehens, darf aber inzwischen auf Grund eines gerichtlichen Verfahrens nicht mehr auftreten.

Ausschuss-Vorsitzender Baker hatte vor, Analysten wie Blodget vor den Ausschuss zu laden. Doch das haben die Banken abgelehnt. Auftreten werden jetzt Portfolio-Manager, Vertreter von Industrieverbänden, ein Journalist und Vertreter von Berufsverbänden.

Investmentbanken begegnen Kritik mit freiwilligen Standards

Unterdessen bemühen sich die Investmentbanken die Wogen zu glätten. Zwei Tage vor der Anhörung haben die betroffenen Institute mit Hilfe ihres Verbandes SIA (Securities Industry Assiociation) freiwillige ethische Standards verabschiedet. Danach müssen mögliche Interessenkonflikte des Analysten in Analysebericht vermerkt sein und in verständlichem Enlisch geschrieben sein. Weiter müssen Analysten offenlegen, ob sie selbst eine besprochene Aktie im Depot haben.

Baker bezeichnete dabei die freiwilligen Analysten-Richtlinien der Branche als "einen ersten", aber "nicht adäquaten Schritt". Denn die Einhaltung der Selbstverpflichtung würden nicht von einer außenstehenden Institution wie der SEC überwacht. Er wünscht, dass Interessenkonflikte von Analysten deutlich gekennzeichnet werden. Gesetzes-Änderungen befürwortete Baker nur als allerletzten Schritt.

Baker kritisierte bereits vor der Anhörung, die Analysten-Reports seien zu reinen Werbeprospekten für die Aktien der Bank-Klienten verkommen. Das sei im Hinblick auf die veränderte Rolle des Aktiensparens für die Altersvorsorge verantwortungslos. "50 % unserer Haushalte besitzen Aktien, die meisten dieser privaten Investoren verstehen nicht, dass "Halten" eigentlich "Verkaufen" bedeutet", sagte er.

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