Untersuchungsbehörden geben Entwarnung
Trittbrettfahrer versendet angebliche Pockenviren

In Deutschland tauchen seit einigen Tagen Briefe auf, die nach Angaben des Absenders Pockenviren enthalten. Tatsächlich handelt es sich nach ersten Untersuchungen der Universitätsklinik in Mainz um ein harmloses braunes Pulver, das von der Konsistenz Rohrzucker ähnelt.

oli DÜSSELDORF. Auch das Hamburger Institut für Tropenmedizin testet den Briefinhalt. Ergebnisse liegen hier noch nicht vor.

Nach Handelsblatt-Informationen sind bislang acht Briefe gleichen Inhalts bundesweit bei ihren Adressaten eingegangen - darunter vor allem Hörfunkstationen wie dem Westdeutschen Rundfunk und dem Südwestrundfunk. Außer dem Pulver enthielten sie ein Schreiben, in dem wüste Drohungen gegenüber dem "nichtsnutzigen deutschen Volk" ausgesprochen werden. Der Absender kündigt an, hunderte von weiteren Briefen zu verschicken. Er unterzeichnet mit "Saddam al Quadera".

Die Ermittlungsbehörden wie etwa das Landeskriminalamt in Stuttgart gehen davon aus, dass der Täter ein Trittbrettfahrer ist, der Welle mit Briefen, die angeblich Milzbranderreger enthielten, eine neue Verunsicherung in Deutschland auslösen will. "Auf Grund der Diktion der Briefe glauben wir, dass es sich um einen deutschen Verfasser handelt", sagt ein Ermittler. Berichte aus den USA über dortige Überlegungen, sich vor einem biologischen Angriff mit Pockenviren zu schützen, könnten den Verfasser der Briefe auf die Idee gebracht haben. Genauso kann nach Mutmaßungen der Ermittler die anhaltende Diskussion um einen Krieg mit dem Irak sowie der näherrückende Tag, an dem sich der Anschlag auf das World-Trade-Center jährt, den Absender auf den Plan gerufen haben.

Pockenviren gelten als weitgehend ausgerottet. Sie existieren zur Zeit nach Meinung des Verfassungsschutzes nur in russischen und amerikanischen Militärlabors. Erkenntnisse darüber, dass dort Virenstämme abhanden gekommen sind, liegen den Behörden in Deutschland nicht vor. Dennoch hat der Bund in den vergangenen Monaten Impfstoff gegen Pocken angeschafft. Er reicht jedoch nur für etwa sechs Millionen Behandlungen. Bund und Länder streiten sich zur Zeit darüber, ob weiterer Impfstoff angeschafft werden soll, und wer die Kosten dafür trägt. Um flächendeckende Impfungen zu ermöglichen, müsste Serum im Wert von rund 420 Mill Euro gekauft werden. Die Länder halten dies für eine Aufgabe des Zivilschutzes, den der Bund zu verantworten hat. Außerdem bewerten sie die Gefahr eines tatsächlichen Anschlags niedrig: "Für Anschläge mit Symbolcharakter" dürfte der schwer zu kontrollierende Pockenvirus nicht in Frage kommen, heißt es in einem Positionspapier der Länder.

Unklar ist zur Zeit auch, ob der bereits angeschaffte Impfstoff überhaupt wirksam ist. Die britische Regierung, die ebenfalls Impfstoff angeschafft hat, muss sich Kritik renommierter Wissenschaftler wie etwa des US-Biologen Steve Prior vom Forschungsinstituts Potomac anhören. Er hatte in der vergangenen Woche erklärt, dass sich das Serum, das Großbritannien und andere europäische Länder gekauft haben, im Ernstfall als unwirksam erweisen könnte.

Quelle: Handelsblatt

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