Unterzeichnung des rot-grünen Koalitionsvertrages
Die Champagnerlaune ist vorbei

1998 herrschte noch Hochstimmung. Die Neuauflage der rot-grünen Regierungskoalition wurde heute mittag bestenfalls mit bemühter Fröhlichkeit eingeläutet.

dpa BERLIN. Champagnerlaune kam diesmal bei den Spitzen von SPD und Grünen nicht auf. Lediglich mit Selterswasser und Orangensaft begossen sie die Neuauflage ihrer Regierungskoalition und damit ihre zweite Chance. In der Neuen Nationalgalerie unweit des Potsdamer Platzes zu Berlin herrschte am Mittwoch eher Erleichterung, bestenfalls bemühte Fröhlichkeit. Auch der Kanzler selber hielt sich nicht lange mit Zuprosten auf: Schon nach 25 Minuten verließ er als Erster die Runde mit den Worten: "So, das war's, an die Arbeit."

Der alte und neue Außenminister Joschka Fischer blieb und fand an dem kargen Umtrunk nichts auszusetzen: "Seht, jetzt wird gespart, jetzt gibt's Selters", rief der grüne Ober-Realo in die Runde. Seine Parteifreundin Kerstin Müller, die als Staatsministerin auf dem Sprung ins Außenamt steht, zeigte sich enttäuscht: "Jetzt haben wir nicht mal angestoßen."

Im Herbst 1998, als Rot-Grün nach der Ablösung der Regierung Kohl an den Start ging, lagen sich die damals frisch getrauten Polit- Partner in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Bonn noch freudetrunkend und jubelnd in Armen. Von Begeisterung diesmal keine Spur. Bei aller Nüchternheit: Ein gutes Omen für Gerhard Schröder mag gewesen sein, dass im Gedrängel nach der nur eine Viertelstunde dauernden Unterzeichnung des Koalitionsvertrages reihenweise Gläser zu Bruch gingen. Scherben sollen ja, glaubt man dem Volksmund, Glück bringen.

Hauptgesprächsthema in den zahlreichen Grüppchen war die dramatische Personalsuche in der zurückliegenden Nacht. Immer wieder mussten die, die dabei waren, erklären, warum nun der Leipziger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee vor 23.00 Uhr nun doch nicht Minister werden wollte und damit dem Kanzler einen Korb gab. "Wenn Deutschland ruft, darf man nie "Nein" sagen", kommentierte Fischer lapidar die "Fahnenflucht". Gleichzeitig wurde Respekt vor dem "Preußen" Manfred Stolpe geäußert, der Schröder aus der Patsche half.

Der Akt der Vertragsunterzeichnung fand nicht, wie von der SPD vorgeschlagen, in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung statt, sondern auf Wunsch des kleinen Koalitionspartners in der Bauhaus-Architektur der Neuen Nationalgalerie. Damit verbunden war offensichtlich der Wunsch, dass die strenge Form und die Symbolik des Gebäudes - Transparenz und Aufbruch - im Auge der Betrachter auch auf das rot-grüne Regierungsprojekt II übertragen werde. Im Souterrain der Neuen Nationalgalerie wird derzeit übrigens Kunst des vorigen Jahrhunderts gezeigt.

Wie schwierig die nächsten Jahren werden könnten, zeigte sich dem Koalitionstross schon beim Hineingehen in den Mies-van-der-Rohe-Bau. Aktivisten von Greenpeace hatten sich kamerawirksam auf Fässer mit Atomsymbol und neben einen aus Schrotteilen zusammengestückelten Dinosaurier postiert. Sie protestierten gegen die durch Kanzlerwort zu Stande gekommene Betriebsverlängerung des Atomkraftwerkes Obrigheim. "Der rot-grüne Atomausstieg ist eine Lüge", geißelten sie den Kompromiss, von dem Joschka Fischer hofft, dass auch der anstehende Grünen-Parteitag in Bremen ihn mitträgt. "Es geht nicht um das Wünschbare, sondern um das Machbare", hielt er den Kritikern entgegen.

Auffällig war, dass bei der Vertragszeremonie die meisten Mitglieder des zweiten Kabinetts Schröder fehlten: Vor allem die neuen Köpfe blieben unsichtbar. Weder die neuen Superminister Wolfgang Clement und Ulla Schmidt waren erschienen, noch der in der Nacht überraschend von Schröder präsentierte Manfred Stolpe. Dagegen ließen es sich Renate Künast und Jürgen Trittin, die anderen beiden Minister der Grünen, nicht nehmen, ihre durch den Koalitionsvertrag gewachsene Macht bei Mineralwasser zu feiern.

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