Unwetterschäden der Allianz vervierfacht
Stürme bedrohen Gewinn der Versicherer

Die jüngsten Unwetter haben zu einem sprunghaften Anstieg der Schadenmeldungen bei den Versicherern geführt. Die Branche hält es für verfrüht, über Preiserhöhungen zu sprechen. Sollte der Schadentrend anhalten, kann die Versicherungswirtschaft aber nicht mehr alle Risiken allein schultern.

DÜSSELDORF. Die jüngste Unwetterwelle in Deutschland, Österreich und Italien hat eine neue Qualität erreicht. Die daraus resultierenden Schäden drohen die Bilanzen der Versicherer zu belasten. "Für eine genaue Prognose der Schadenzahlungen ist es aber noch zu früh" sagte ein Allianz-Sprecher auf Anfrage. Eine Änderung der kürzlich revidierten Gewinnprognose sei wegen der jüngsten Unwetterschäden nicht fällig. "Das ist noch im Rahmen", erklärte der Sprecher. Niemand könne aber vorhersehen, ob es noch zu Herbst- und Winterstürmen kommen werde.

Besonders betroffen sind Wohngebäude- und Kfz-Versicherer. Marktführer im Kfz-Geschäft sind die Allianz und die Huk-Coburg, bei den Wohngebäudeversicherungen haben traditionell die öffentlichen Versicherer den größten Marktanteil.

"Neu an der jüngsten Unwetterwelle ist die große Häufigkeit von Sturm und Überschwemmungsschäden. Große Einzelereignisse wie den Orkan Lothar im Jahr 1999 hat es immer gegeben. Aber jetzt muss die Versicherungswirtschaft mit einer ungewöhnlich hohen Zahl von Schäden fertig werden", erklärt Arno Junke, Generalbevollmächtigter und Leiter des Geschäftsbereichs Deutschland der General Cologne Re, dem drittgrößten Rückversicherer der Welt.

In den vergangenen Tagen war es in Deutschland, Osteuropa, Italien und Österreich zu heftigen Unwettern und Überschwemmungen gekommen. Letztere resultierten aus sintflutartigen Regenschauern; so fiel in Ober- und Niederösterreich in wenigen Stunden so viel Niederschlag wie sonst in drei Monaten. "Derzeit können wir noch nicht überblicken, wie hoch die Schadenbelastung sein wird", bestätigte auch ein Sprecher des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Erhebliche finanzielle Konsequenzen

Klar ist aber bereits, dass die finanziellen Konsequenzen der Unwetter erheblich sein werden. "Das Jahr 2002 wird in puncto Sturm- und Überschwemmungschäden erheblich vom langjährigen Durchschnitt abweichen", sagt Junke von der General Cologne Re. Er bemängelt den langsamen Informationsfluss von Erstversicherern an die Rückversicherer bei Unwetterschäden. "Hier müssen wir noch sehr viel besser werden". So arbeitet der GDV zum Beispiel erst jetzt an den endgültigen Schadenstatistiken für das Jahr 2001.

Die Zahl der Schäden durch Sturm und Überschwemmung habe sich im ersten Halbjahr 2002 vervierfacht, sagte der Allianz-Sprecher. Allein in Bayern verursachten 30 000 Gebäudeschäden einen Schaden von 34 Mill. Euro. Im Juni wurden 10 000 Autos durch Hagelschlag beschädigt, was zu rund 15 Mill. Euro Schaden führte. Allein der Sturm in Berlin und Brandenburg im Juli verursachte 12 000 Sachschäden mit Kosten von insgesamt 15 Mill. Euro. Bei den jüngsten Unwettern wurden der Allianz 10 000 weitere Sachschäden gemeldet.

Bei der genossenschaftlichen R+V heißt es, "nach Jahren sinkender Schäden im Kfz-Bereich gibt es 2002 mehr und teurere Schäden". Und die Schäden bei der Wohngebäudeversicherung hätten sich verdoppelt. Laut Branchenexperten ist es aber verfrüht, von der derzeitigen Schadenwelle auf Prämienerhöhungen zu schließen. Ob dies nötig sein werde, hänge von der Schadenentwicklung über mehrere Jahre ab.

Die Branche rechnet aber damit, dass sie langfristig mehr Sturm- und Unwetterschäden bezahlen muss. "Der klimatische Veränderungsprozess hat bereits eingesetzt. Die Versicherer müssen sich hier auf mehr Schäden in den nächsten Jahrzehnten einstellen", sagt Andreas Jahn, Vorstandsassistent der Ergo-Gruppe, der über das Thema "Auswirkungen der klimatischen Veränderungen auf die Versicherungswirtschaft" promoviert hat. Die Statistik belegt einen starken Anstieg heftiger Niederschläge. So verdoppelte sich in Hohenpeißenberg, südwestlich von München, in den vergangenen 120 Jahren fast die Zahl der Tage mit mindestens 30 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, erklärt Eberhard Faust, Naturgefahrenanalyst bei der Deutschen Rück, dem Rückversicherer der öffentlichen Versicherer.

Überschwemmungsschäden nicht über eine normale Wohngebäudepolice gedeckt

Als Folge rechnet die Branche mit steigenden Nachfrage nach Elementarschäden-Versicherung. Denn Überschwemmungsschäden sind nicht über eine normale Wohngebäudepolice gedeckt. "Die Nachfrage nach dieser Zusatzpolice war in der Vergangenheit eher verhalten", sagt Junke von der General Cologne Re. Nun sind aber immer mehr Menschen durch Unwetterschäden wie Überschwemmungen bedroht, nicht nur Anwohner an Flussläufen.

Sollten die Hochrechnungen der Klimaexperten zutreffen und die Schadenfälle steigen, wird dies Konsequenzen für die Versicherungswirtschaft haben. "Sie wird nicht mehr alles schultern können. In Zukunft werden deshalb Modelle des Alternativen Risikotransfers an Bedeutung zunehmen", meint Junke. Dahinter verbirgt sich der Transfer von Risiken auf die weltweiten Kapitalmärkte. Bei einem Katastrophenbond zum Beispiel fällt die Zinszahlung im Falle eines zuvor definierten Schadenereignisses aus.

Den größten Sturmschaden der Geschichte richtete vor neun Jahren der Hurrikan "Andrew" auf den Bahamas sowie in Südflorida und Louisiana an. Versicherungskonzerne aus aller Welt mussten bei dem teuerste Naturereignis aller Zeiten 17 Mrd. Dollar ersetzen. Nach einer Studie der Münchener Rück verursachten 2001 Naturkatastrophen volkswirtschaftliche Kosten von 40 Mrd. Euro an. Das entsprach einem Anstieg um ein Fünftel gegenüber dem Vorjahr, obwohl die Zahl der statistisch erfassten Katastrophen von 850 auf 700 sank.

Quelle:Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%