Unwürdiges Schauspiel im Südirak
„Saddam schaut CNN“

Der erste Hilfstransport hat unter dem Schutz der Alliierten die Stadt Safwan erreicht. Die Einwohner plündern die Wagen. Zugleich feiern sie Saddam mit Jubelrufen. Warum?

SAFWAN/IRAK. Als die Trucks mit den Nahrungsmitteln auf den Platz rollen, skandieren die Iraker ein Loblied auf Saddam. "Saddam, unser Leben, unser Blut, für dich, Saddam." Sie haben die Strophe in der Vergangenheit schon Tausende Male hinausgeschrieen, immer in diesem Stakkato-Rhythmus, den man nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Diesmal müssten sie den Diktator nicht feiern. Denn die Lastwagen kommen aus dem Süden, aus Kuwait. Es ist die erste große Nahrungsmittelhilfe, die den irakischen Grenzort Safwan erreicht, an diesem siebten Tag des Krieges, am sechsten Tag im befreiten Safwan. Doch die Menschen preisen Saddam.

Jetzt sind es nur noch Augenblicke, bis das geschieht, was ältere Iraker nachher bitter als große Demütigung bezeichnen werden. Denn als sich die Türen der Container öffnen, schlägt der bizarre Freudentaumel in nackte Gier um. Die Flinkesten unter den knapp 1 000 Menschen klettern in die geöffneten Luken und beginnen, die Lebensmittelpakete herauszuzerren. Zuerst noch eines nach dem anderen, dann fliegen gleich mehrere Pappboxen auf einmal in hohem Bogen in die Menge. Manche reißen dabei auf, und ihr Inhalt verteilt sich auf die johlende Masse: Tunfischkonserven, Biskuits, Wasserflaschen, Brot. Wer schnell genug ist, rafft zusammen, was er kriegen kann. Und verstaut es unter seinem Shalwar Kalmeez, dem langen Hemd über der weiten Hose. Oder wirft die Pakete einem Freund zu, der sich auf die Ware setzt wie ein Pirat auf seinen gerade frisch erbeuteten Schatz.

Die Reporter klettern auf die Container, fotografieren, filmen. Ein einzelner britischer Soldat, die MP im Anschlag, versucht, das Chaos zu ordnen. Vergebens. Andere Iraker lassen sich jetzt vom Dach in die offene Containertür hinabgleiten. Dort kämpft nun schon ein knappes Dutzend um die Pakete, angefeuert von der Menge. John Monds, ein Sergeant bei den US-Rangers, sagt: "So was passiert." Und: "Wenn ihr nicht da wärt, wäre es besser." Er meint die Journalisten, deren Anwesenheit die Iraker antreibt.

Doch in Szene gesetzt hat das unwürdige Schauspiel erst der Rote Halbmond Kuwaits. In einer Hauruck-Aktion schickte die lokale Rotkreuz-Organisation den Transport am Nachmittag auf den Weg. Noch als die Wagen fahren, kennt niemand genau das Ziel. Ist es der Hafen Sulaibikha bei Kuwait City, die gerade erst eroberte irakische Hafenstadt Umm Kasr oder der irakische Grenzort Safwan? Die Fahrt geht im Zickzack, erst entlang der Küstenstraße, dann landeinwärts Richtung Jahra und weiter zur Grenze. Die kuwaitischen Organisatoren brüllen sich aus den offenen Wagenfenstern die Ziele zu. Schließlich also Safwan. Die Trucks und die Journalistenbusse werden bis zur Grenze durchgewunken. Auf einem Straßenschild steht: "God bless the US troops."

Aber es geht an diesem Tag nicht wirklich um Unterstützung für den Irak. Es geht um die Bilder, die nur kurze Zeit später über die Satelliten gefunkt werden. Kuwait will das erste Land sein, das sich in diesem Krieg als selbstloser Helfer präsentiert. "Für die Menschen im Irak von den Menschen aus Kuwait" steht deshalb auch auf Englisch auf den Containern. Kaum einer in Safwan wird dies lesen können, dafür aber die Fernsehzuschauer in aller Welt. Die Botschaft: Kuwait hilft. Während die anderen noch warten.

Die anderen sind jene Hilfsorganisationen, die in Kuwait City noch in den Startlöchern sitzen. Uno-Organisationen wie das World Food Programme, das Flüchtlingshilfswerk UNHCR, die privaten Mercy Corps oder Refugees International. Auch sie wollen helfen, aber erst, wenn sie wissen, was nötig ist und wo es sicher ist. "Unsere Erkundungsteams müssen eine Einschätzung liefern, bevor wir verteilen", sagt Tamara al-Rifai vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) in Kuwait. Und dafür sei es noch zu früh. Als sie das sagt, weiß sie noch nichts von dem Transport der örtlichen Unterorganisation. "Nichts ist geplant", sagt sie. Zwei Stunden später fahren die Trucks mit dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond schon in Richtung Irak. Tamara al-Rifai wird erst später davon hören.

Als die Plünderung der Lastwagen schon in vollem Gange ist, kommt Salah al-Jarani auf den großen Platz am Rande der 16 000-Einwohner-Stadt gestürmt. "Wir brauchen Wasser und Strom", ruft der 33-Jährige den Reportern schon von weitem zu. "Das ist jetzt wichtig." Als Briten und Amerikaner vor einer Woche über die Grenze kamen, fegten sie aus Safwan weg, was sich in den Weg stellte. Die Raketen der Apache-Helikopter sollen es gewesen sein, die die Zollstation und das Polizeigebäude in Flammen aufgehen ließen. Jetzt stehen dort nur noch Stahlgerippe. Vor allem aber: Seither gibt es in Safwan kein Wasser mehr und keinen Strom. Schon liegt über der Stadt der Geruch von Abfall und Fäkalien. "Nachts ist hier keiner auf der Straße", sagt al-Jarani. "Wir haben Angst vor Diebstahl und Plünderungen."

So ähnlich muss es 1991 gewesen sein. Als die irakischen Invasionstruppen aus Kuwait flüchteten, überrannten sie Safwan, immer weiter nach Basra, 40 lange Kilometer. Für viele der zurückflutenden Soldaten wurde die Wüstenpiste zum Verhängnis. Alliierte Einheiten bombardierten die Truppen ohne Gnade. "Highway of Death" heißt die Strecke seither. In Safwan und Basra rochen sie da schon das Ende der Saddam-Diktatur. Und lehnten sich auf. Doch die US-geführte Streitmacht blieb in Kuwait und schaute nur zu. Zehntausende der Aufständischen wurden später von Saddam-treuen Einheiten umgebracht, hingerichtet als Verräter des Iraks.

Einen solchen Fehler wiederholt man nicht. Also wird Saddam gefeiert. "Saddam schaut CNN", sagt einer. Und ein anderer wird ärgerlich: "Keine Fotos." Sie haben Angst in Safwan, sie wollen nicht als Kritiker des Regimes ins Fernsehen oder in die Zeitung. Wer weiß, was morgen ist. Vielleicht kommt Saddam zurück. Er kam doch immer zurück.

Als der Wind dreht, dringt dumpfer Geschützdonner aus Basra zu dem kleinen Grenzort. Die Briten sollen zwölf Kilometer vor Basra stehen, heißt es. Auch Aufstände soll es in der Stadt gegeben.

"Saddam ist mein Präsident", sagt trotzig Raid Hadi Hassan, der am Rande des Platzes steht. Hassan ist 40 Jahre alt. Und Saddam ist seit 24 Jahren der Chef des Iraks. "Das ist so dumm", sagt Hassan beim Anblick der Tumulte vor den Lkw. "Keiner stirbt hier den Hungertod." Hassan will keine Briten und keine Amerikaner. Und schon gar keine Kuwaiter. Nicht so, nicht als Almosenempfänger, nicht als Verlierer. Nachdem er das gesagt hat, will er nicht mehr mit den Ausländern reden. Hassan wendet sich um und geht.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
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