Urabstimmung empfohlen
Ostdeutschland steht vor Streiks der Metallarbeiter

Die Metallindustrie in Ostdeutschland steht vor einem Streik für die Einführung der 35-Stunden-Woche.

Reuters LEIPZIG. Die Tarifkommission der IG Metall erklärte am Dienstag in Leipzig die Verhandlungen für Berlin-Brandenburg-Sachsen für gescheitert und beantragte beim Hauptvorstand die Urabstimmung über Arbeitskampfmaßnahmen. Darüber will die Gewerkschaftsführung bereits am Mittwoch entscheiden, so dass bei einer Zustimmung der Mitglieder Anfang Juni mit Streiks zu rechnen ist. IG-Metall-Bezirksleiter Hasso Düvel begründete die Gewerkschaftsforderung erneut damit, dass eine Gerechtigkeitslücke in Ostdeutschland geschlossen werden müsse. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wies die Argumentation zurück und forderte, vor weiteren Arbeitszeitverkürzungen müsse die Produktivitätslücke in den neuen Ländern geschlossen werden.

Die Tarifverhandlungen für die 310.000 Beschäftigten der ostdeutschen Metall- und Elektorindustrie waren Anfang voriger Woche nach drei Gesprächsrunden abgebrochen worden. Die ostdeutschen Metall-Arbeitgeber wollen sich auf die Forderung nach einer schrittweisen Senkung der Arbeitszeit erst bei gleicher Wirtschaftskraft der Unternehmen einlassen. Im Falle von Streiks dürften Autohersteller und-zulieferer im Südosten Deutschlands besonders stark betroffen sein.

Düvel hatte schon vor der Sitzung der Tarifkommission einen Streik als unabwendbar bezeichnet. "Es wird sich vermutlich nicht abwenden lassen", sagte er in der ARD und fügte hinzu: "Es muss endlich diese Gerechtigkeitslücke weg." Derzeit müssen die Metallarbeiter in Ostdeutschland mit 38 Stunden pro Woche drei Stunden länger arbeiten als ihre Kollegen in Westdeutschland.

Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Hans Werner Busch bekräftigte den Widerstand der Arbeitgeber gegen Arbeitszeitverkürzungen. "Erst muss die Produktivitätslücke geschlossen werden, ehe man die von der IG Metall behauptete Gerechtigkeitslücke schließen kann." Eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich würde die Kosten pro Stunde um 8,6 Prozent erhöhen. Dies sei angesichts des Rückstands auf Westdeutschland wirtschaftlich nicht gerechtfertigt und arbeitsmarktpolitisch fatal.

Unverständnis bei Volkswirten über IG Metall

Bei Banken-Volkswirten stieß die Streikankündigung auf Unverständnis. "In der jetzigen konjunkturellen Situation sind Streiks vollkommen unangebracht", sagte Volker Nitsch von der Bankgesellschaft Berlin. Zwar gehe es der ostdeutschen Industrie noch verhältnismäßig gut. "Dass liegt allerdings gerade daran, dass die längeren Arbeitszeiten und die niedrigeren Löhne im Osten ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sind."

Bernd Weidensteiner von der DZ Bank sagte, individuell sei die Forderung zwar verständlich, für die gleiche Leistung auch den gleichen Lohn zu fordern: "Aber mit dem Argument könnte man auch weltweit gleiche Löhne fordern." Die ostdeutsche Metallindustrie sei derzeit nur konkurrenzfähig, wenn sie den Vorteil niedrigerer Lohnkosten ausspiele.

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