Urenkel von Firmengründer Henry Ford soll Steuer übernehmen
Ford-Chef Nasser angeblich gefeuert

Der US-Autokonzern Ford entlässt angesichts hoher Verluste nach Angaben aus mit dem Unternehmen vertrauten Kreisen Firmenchef Jacques Nasser. Nassers Aufgaben als Chief Executive Officer (CEO) werde der Vorsitzende (Chairman) des Konzerns, William Clay Ford Jr., übernehmen, hieß es am Montagabend in den Kreisen.

Reuters DETROIT. Damit wurde ein entsprechender Bericht der Branchenzeitschrift "Automotive News" bestätigt. Die Zeitschrift berichtete zudem, Ford werde die Entlassung noch am Dienstag offiziell bekannt geben. Der weltweit zweitgrößte Autokonzern hatte im dritten Quartal 2001 und damit erstmals seit 1992 in zwei aufeinander folgenden Quartalen einen hohen Verlust ausgewiesen.

In den Kreisen hieß es, der Leiter der Nordamerika-Sparte, Nick Scheele, solle zum für das Tagesgeschäft verantwortlichen Chief Operating Officer (COO) ernannt werden. Mit dem 44 Jahre alten William Clay Ford, einem Urenkel des Firmengründers Henry Ford, rückt erstmals seit 1979 wieder ein Familienmitglied an die Spitze des zweitgrößten Autokonzerns der Welt. Die Ford-Familie kontrolliert rund 40 % der Stimmrechte des Unternehmens. Scheele hatte zuletzt erklärt, Ford werde sich künftig stärker auf sein Kerngeschäft konzentrieren, während der Konzern unter Nasser zahlreiche Kooperationen etwa mit Technologiefirmen wie Yahoo oder Oracle eingegangen war.

Gerüchte über eine Ablösung Nassers hatte es bereits seit Monaten gegeben. Der noch vor wenigen Jahren als sehr profitabel geltende Ford-Konzern war zuletzt durch teure Rückrufaktionen und die schwächere Konjunktur in Nordamerika in Schwierigkeiten geraten. Die Probleme begannen im Sommer 2000, als der Reifenhersteller Bridgestone 6,5 Mill. Reifen der Marke Firestone zurückrief, die vor allem auf dem in den USA sehr beliebten Geländewagenmodell Ford Explorer montiert waren. Die Behörden brachten Unfälle mit mehr als 200 Toten mit den Reifen in Verbindung. Es folgte eine Auseinandersetzung darüber, ob die Reifen oder die Konstruktion des Fahrzeugs Auslöser der Probleme waren.

Bereits Ende 2000 begannen die Erträge von Ford stark zu sinken. Im Frühjahr 2001 kündigte Ford an, selbst weitere 13 Mill. Firestone-Reifen zu ersetzen. Dafür verbuchte das Unternehmen eine Einmallast von drei Mrd. $. Gleichzeitig wurde dem Unternehmen in Untersuchungen eine sich verschlechternde Qualität seiner Fahrzeuge attestiert.

Ford leidet außerdem unter dem scharfen Preiswettbewerb auf dem US-Markt, der sich angesichts der Verunsicherung unter den Verbrauchern nach den Anschlägen vom 11. September nochmals verschärft hat. Bereits zuvor hatten sich die drei großen US-Hersteller Ford, General Motors und Chrysler eine Preisschlacht geliefert, aber zugleich Marktanteile an europäische und asiatische Hersteller verloren. Nach den Anschlägen von New York und Washington führten die drei Konzerne angeführt von GM extrem günstige Finanzierungen mit zum Teil zinslosen Darlehen ein, um die Nachfrage zu stützen. Für Dezember hat Ford die Bekanntgabe weiterer Umstrukturierungen angekündigt, nachdem der Konzern im August die Streichung von bis zu 5000 Stellen in der Verwaltung angekündigt hatte.

Im dritten Quartal verbuchte Ford ohne Berücksichtigung von Einmaleffekten einen Verlust von 502 Mill. $. Dabei belasteten auch die zinslosen Finanzierungsprogramme das Ergebnis. Konkurrent GM wies dagegen für das dritte Quartal noch einen bereinigten Gewinn von 385 Mill. $ aus, der damit aber ebenfalls um rund 54 % zurückgegangen war.

Die Daimler-Chrysler-Tochter Chrysler leidet bereits seit längerem unter dem harten Wettbewerb in den USA. DaimlerChrysler verordnete seiner Tochter bereits Anfang 2001 eine Sanierung, die den Abbau von 26 000 Stellen einschloss. Zuletzt verbuchte Chrysler sinkende Verluste. Nach den damaligen Plänen sollte Chrysler 2002 wieder die Gewinnzone erreichen. Trotz der Folgen der Anschläge vom 11. September hält Daimler-Chrysler bislang an seinen Prognosen für das kommende Jahr fest, macht deren Erreichen aber von der Marktentwicklung abhängig.

In der Zeit der großen wirtschaftlichen Verunsicherung nach den Anschlägen hatte der Daimler-Chrysler-Aufsichtsrat allerdings den Vertrag von Vorstandschef Jürgen Schrempp vorzeitig bis 2005 verlängert. Analysten rechnen damit, dass Chrysler im Vergleich zu seinen Konkurrenten als erster Hersteller aus der schwierigen Phase herauskommen wird, da das Unternehmen auch als erster der Marktführer in die Krise geraten war und mit der Umstrukturierung begonnen hatte.

Automarkt-Experten gehen davon aus, dass die Vielzahl der Probleme bei Ford zum Sturz des angesehenen Nasser beigetragen hat. Nasser leitete Ford seit 1999. "Als der Chef bekam er die Lorbeeren für die guten Sachen, und als der Chef muss er nun leiden für die schlechten Sachen", sagte David Cole vom Center for Automotive Research in Ann Arbor. Nasser hatte Ford kräftig umstrukturiert. Unter seiner Führung kaufte Ford die Marken Volvo und Land Rover hinzu und fasste die Luxusmarken einschließlich Jaguar in der Premier Automotive Group unter der Führung des ehemaligen BMW-Vorstands Wolfgang Reitzle zusammen.

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