Urgewächs des Konzerns
Auch im Abgang bleibt sich Schulte-Noelle treu

Als "eine ganz persönliche Entscheidung, bestimmt von der eigenen Lebensplanung" begründete Henning Schulte-Noelle am Mittwoch seinen überraschenden Rückzug von der Spitze Europas größten Finanzkonzerns Allianz. Damit blieb der promovierte Jurist selbst im Abgang seiner zurückhaltenden und diskreten Art treu.

Reuter MÜNCHEN. "Ich habe es immer als besonderen Kitzel empfunden, meine Grenzen auszuloten", hatte Schulte-Noelle einmal sein Lebensmotto beschrieben. Diesem wird der 60-Jährige ab April 2003 nun außerhalb der noblen Zentrale in der Münchener Königinstraße folgen - obwohl es angesichts hoher Verluste und Problemen bei der Integration der Dresdner Bank bei der Allianz eigentlich nicht an Herausforderungen mangelt. Mit der Geschäftsentwicklung oder dem seit Jahresbeginn mehr als halbierten Aktienkurs der Allianz habe sein Rücktritt aber nichts zu tun, beteuerte Schulte-Noelle. Zumindest als Aufsichtsratsmitglied wird der gebürtige Essener der Gesellschaft wohl treu bleiben.

In den über zehn Jahren, die Henning Schulte-Noelle nun an der Spitze der Allianz steht, hat er den ehemals als provinziell und verschlossen geltenden Versicherer zu einem internationalen Finanzkonzern aufgebaut. Schon Ende 1995 war mehr als die Hälfte der Allianz-Beschäftigten im Ausland tätig. An zahlreichen im Deutschen Aktienindex (Dax) gelisteten Unternehmen hält der Konzern Anteile. Als größter Erfolg des stets korrekt gescheitelten Managers gilt die Übernahme der französischen Assurances Generales de France (AGF) 1997 für 9 Mrd. DM (4,6 Mrd. Euro), der ein monatelanges Gerangel mit dem italienischen Versicherer Generali vorausgegangen war.

Übertroffen werden sollte dieser Deal von der zunächst viel bejubelten Übernahme der Dresdner Bank im vergangenen Jahr, mit der Schulte-Noelle eine Finanzgruppe mit einem verwalteten Vermögen von damals mehr als 1000 Mrd. Euro schuf. Doch die Integration des Instituts erwies sich schwieriger als geplant. Zugleich wurde die Allianz von der Flaute an den Kapitalmärkten, den Schäden der Hochwasser-Katastrophe im Sommer und drohenden Asbest-Klagen in den USA hart getroffen. Von Juli bis September 2002 verbuchte der Traditionskonzern mit 2,5 Milliarden Euro den höchsten Quartalsfehlbetrag seiner Geschichte - eine knappe Milliarde Euro hierzu hatte allein die Dresdner Bank beigesteuert.

Der kantige Manager, der sich gewöhnlich mit den Worten "Mein Name ist Henning Schulte-Noelle. Ich arbeite für die Allianz" vorstellte, ist ein Urgewächs des Konzerns. Der 1942 in Essen geborene Manager studierte zunächst Jura in Tübingen und Bonn. Seine auffällige Narbe im Gesicht stammt noch aus seinem Engagement in einer studentischen Verbindung. An der Wharton School im US-Staat Philadelphia studierte er später Betriebswirtschaft. Nach einem kurzen Zwischenspiel in einer Anwaltskanzlei trat er 1975 in die Sach-Sparte der Allianz ein, wo er sich nach oben arbeitete. 16 Jahre später übernahm der zweifache Familienvater im Sommer 1991 den Chefsessel der Allianz Holding von Wolfgang Schieren.

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