Urlaubsgefühle im Büro
Kneif Dich mal

Der Urlaub endet mit einem Knopfdruck: Der Computerbildschirm flackert auf, die Festplatte summt - der Büroalltag hat wieder begonnen. 1 200 E-Mails warten im Postfach, das erste Meeting findet gleich statt, weitere folgen am Nachmittag.

HB DÜSSELDORF. Alltag in deutschen Büros: Schon am ersten Tag nach dem Urlaub ist die Erholung dahin. Doch man kann etwas tun: Wer Urlaub und Wiedereinstieg richtig plant, kann die entspannte Stimmung über den ersten Arbeitstag hinaus retten.

Wichtigster Schritt: den Schock der Rückkehr mindern. "Planen Sie schon vor dem Urlaub Ihre Rückkehr", rät die Trainerin Beatrice Fehling. "Legen Sie zwei Tage Karenzzeit ein, in denen Sie keine Meetings haben, offiziell nicht zu sprechen sind und anstehende Aufgaben abarbeiten können." Sinnvoll sei es auch, ein oder zwei Urlaubstage zu investieren und dafür anfangs nur halbtags zu arbeiten. "So können Sie Ihren Urlaubsrhythmus noch ein paar Tage länger aufrechterhalten", erklärt die Geschäftsführerin der Nauheimer Agentur Spurwechsel.

Noch besser: einen Mitarbeiter beauftragen, während des Urlaubs die eingehenden Mails vorzusortieren. Bei Rückkehr muss man sich erst einmal nur um die Mails mit höchster Priorität zu kümmern - der Rest hat Zeit.

"Das bewusste Erleben ist wichtig"

"Viele denken, dass sie nach dem Urlaub sofort wieder hundertprozentig Leistung bringen müssen. Dabei ist es viel sinnvoller, ein paar Tage mit halber Kraft einzusteigen", meint Fehling. "Auf diese Weise bleibt die Erholung länger erhalten."

Der richtige Wiedereinstieg ist eine Sache, entscheidend ist es aber auch, sich im Urlaub wirklich zu erholen. "Das geht nicht ohne bewusste Planung", sagt Michael Treixler, Geschäftsführer des Skolamed Institut für Gesundheitssteuerung in Nümbrecht. Ziel der Übung ist es, die eigene Entspannung stärker bei der Wahl des Urlaubs zu berücksichtigen und sich darüber klar zu sein, was die Entspannung ausmacht: "Wer einfach nur auf Norderney seine Seele baumeln lässt, wird es schwer haben, hinterher den Erholungseffekt in den Alltag herüberzuretten."

Für ein bewusstes Erleben des Urlaubs plädiert auch Edna Gatza, Coach für interkulturelle Management-Kommunikation in Köln. Sie rät, nach dem Urlaub Bilanz zu ziehen: War es ein guter Urlaub oder ein Reinfall? Und warum war es so?

Urlaubsgefühle sollen auch später verfügbar sein

"Sie sollten überlegen, warum der Urlaub belebend war und wie Sie dieses gute Urlaubsgefühl in Ihren Alltag integrieren können", erklärt die Trainerin. War es das tägliche Ritual, im Straßencafé einen Espresso zu trinken, war es die Stimmung im anderen Land, war es eine Eigenart der jeweiligen Kultur? "Wenn Ihnen zum Beispiel die Leichtigkeit in einem anderen Land gut gefallen hat, können Sie versuchen, sich dieses Verhalten zu Eigen zu machen."

Gatza rät zu einer Technik des Neuro-Linguistischen Programmierens (NLP), um die Urlaubsgefühle auch später verfügbar zu machen. "Wenn Sie ein visueller Typ sind, stellen Sie sich eine Situation vor, in der Sie sich besonders wohl gefühlt haben. Was haben Sie da gesehen, gerochen, geschmeckt? Wie haben Sie sich gefühlt? Lassen Sie die Situation vor Ihrem geistigen Auge wieder entstehen und drücken Sie dann eine bestimmte Stelle an Ihrem Körper - zum Beispiel am Arm." Durch späteres Drücken dieser Stelle, zum Beispiel in einem Meeting, lässt sich das Gefühl wieder hervorrufen.

Auditiven Typen empfiehlt die Trainerin, Musik aufzulegen, kinestetische Typen wiederum können über Erinnerungsstücke wie Steine, Sand oder Fotos Urlaubsgefühle wachrufen. Wichtig ist jedoch, dass dies bewusst geschieht - nur eine Muschel auf dem Schreibtisch hat wenig Sinn.

"Erholung soll nicht nur im Urlaub stattfinden"

All diese Tipps sind aber nur dann sinnvoll, wenn der Betroffene nicht unter Dauerüberlastung leidet. Christoph Eichhorn, Psychologe aus Konstanz, empfiehlt deshalb, den Urlaub für einen Komplett-Check der eigenen Belastungsgrenzen im Alltag zu nutzen. "Es reicht nicht, sich kurzfristig vorzunehmen: ?Jetzt fang ich aber anders an?; oder: ?Jetzt lass ich mich aber nicht mehr so unter Druck setzen?", sagt der Konstanzer Psychologe, der sich auf Erholung und Selbst-Coaching spezialisiert hat. "Nutzen Sie die entspannte Atmosphäre des Urlaubs, um Ihre eigene Belastung im Alltag zu überdenken." Dazu gehören die Fragen, wie viel Stress der Einzelne erträgt, welche Strategien er entwickeln kann, auch in stürmischen Zeiten ruhig zu bleiben, sich in den Erholungspausen von der Arbeit zu distanzieren. Gerade der Urlaub biete einen guten Anlass, abseits des Arbeitsalltags das eigene Anspruchsniveau zu überprüfen und zu überdenken.

Eichhorns Credo: Erholung soll nicht nur im Urlaub stattfinden, sondern wer die Erholung aus dem Urlaub in den Alltag retten will, muss Erholung in den Alltag einbauen.

Doch gerade das ist bei vielen Mitarbeitern ein Tabu-Thema. In einer Arbeitsgesellschaft, in der viel arbeiten mit gut arbeiten gleichgesetzt wird, müssen gerade Führungskräfte lernen, dass zu guter Arbeit auch gute Erholung gehört - vor, im und nach dem Urlaub. "Es ist eine Frage des Selbstverständnisses und der Selbstabgrenzung", bilanziert Trainerin Fehling. "Viele Manager müssen erst lernen zu sagen: Ich bin es mir wert, dass ich meine Erholungspausen nutze."

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