Urlaubsvertretung Müntefering
Auch das kann der Franz

Einmal im Jahr ist die Welt für die Sozialdemokraten in Ordnung: Wenn SPD-Urgestein Müntefering die urlaubende Kanzlerin vertritt. Dann ist nicht nur die Sitzordnung um den ovalen Beratungstisch anders als sonst.

BERLIN. So also sieht echte Führung aus. Pünktlich um 9.30 Uhr betrat Franz Müntefering gestern den Kabinettssaal im Kanzleramt, griff sein Namensschildchen und ließ sich in einen ungewohnten Sessel fallen. Genau 62 Minuten später hatten die anwesenden schwarz-roten Minister die ellenlange Tagesordnung durchgeackert, nebenbei noch über den vorerst abgewendeten Bahnstreik und den Raketenfund in Georgien gesprochen und eilten dann zurück in den Urlaub oder in ihre Büros. "Das war sehr ergebnisorientiert", lobte nachher ein Teilnehmer.

Einmal im Jahr ist die Welt für die Sozialdemokraten in Ordnung. Dann nämlich vertritt SPD-Urgestein Müntefering die urlaubende Kanzlerin. Und dann ist nicht nur die Sitzordnung um den ovalen Beratungstisch anders als sonst. Ziemlich ungewöhnlich war gestern auch, dass Vize-Regierungssprecher Thomas Steg nach der Kabinettssitzung deren Inhalt vor der Bundespressekonferenz fast 25 Minuten lang in einem ebenso ausgefeilten wie pausenlosen Vortrag referierte.

Von der ERP-Wirtschaftsförderung über die Neuordnung des Wohngeldes, die Beendigung der Kohlesubventionen und das Jahressteuergesetz bis hin zum "Einsatzweiterverwendungsgesetz" für ausscheidende Bundeswehrsoldaten reichte die überaus beeindruckende Themenpalette. Keines der Vorhaben ist derzeit wirklich strittig. Ihre Behandlung im parlamentarischen Sommerloch sollte vor allem eines demonstrieren: Diese Koalition ruht nicht.

Mühsam hatten dazu die Strippenzieher im Kanzleramt in den Vortagen acht Minister herbeitelefoniert. Genau so viel sind erforderlich, um die Beschlussfähigkeit des Kabinetts zu sichern. Und damit der Koalitionsfriede nicht gestört wird, mussten es vier von CDU/CSU und vier von der SPD sein. "Das war genau abgezirkelt", berichtete Steg. Sogar eine Nachrückerliste habe man gehabt.

So demonstrierten also neben Müntefering Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), Ernährungsminister Horst Seehofer (CSU), Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und Bildungsministerin Annette Schavan (CDU), dass sie auch ohne die große Über-Kanzlerin Angela Merkel regieren können. Das gefiel vor allem den Sozialdemokraten sehr, die in der Vergangenheit mehrfach die angeblich mangelnde Führungskraft der Regierungschefin bemängelt hatten. Auch Müntefering hatte mehrfach gemosert, unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder sei früher vieles besser gewesen.

So entbehrte es nicht der feinen Ironie, dass Steg ausdrücklich lobte, Müntefering habe die Sitzung "mit Erfahrung, Ruhe und Gelassenheit" geleitet. Auf Nachfragen stichelte der von der SPD benannte Öffentlichkeitsarbeiter: "Auch das kann er."

Das hörte sich schon fast nach einer Palastrevolte an. Doch: "Führungsqualität war heute im Kabinett überhaupt kein Thema", wiegelte Steg alle Spekulationen süffisant ab. Und im Übrigen sei "der gute Geist" der Kanzlerin "in jeder Minute spürbar" gewesen.

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