Ursachen der Krise
Bosse spielen Monopoly

Deutschlands Welthandelsanteil an technologieintensiven Waren sinkt. Die Fähigkeit der Unternehmen zu marktrelevanten Innovationen bleibt immer mehr auf der Strecke. Die Wirtschaft steckt in einer Struktur- und Technologiekrise.

BOCHUM. Wenn das Wasser im Rhein fällt, werden Untiefen sichtbar, die die Schifffahrt behindern. So auch in der Wirtschaft: Die abflauende Weltkonjunktur verdeutlicht Versäumnisse des Strukturwandels und macht veraltete Produktions- und Dienstleistungsmuster schmerzhaft bewusst. Es fehlt an Innovationen, um verlorene Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu kompensieren.

Ursache der Innovationsschwäche ist ein an Business-Schools gelehrter Führungsstil, der mit dem Schumpeterschen Unternehmer wenig gemein hat. Da ist eine Generation von Angestellten in leitende Position geraten, die als Kinder wohl viel Monopoly gespielt haben und das für Unternehmensführung halten. Sicher kann man damit zeitweise viel Geld verdienen, und das Spiel erscheint einfacher, als sich dem aufwendigen Prozess innovativer Unternehmensentwicklung zu stellen. Doch wenn alle das tun, wird das Ergebnis kleiner als bei einem Nullsummenspiel, weil die Strukturen im Wettbewerb zurückbleiben und niemand mehr Innovationen vorantreibt.

Aus der Wirtschaftskrise wird dann eine Strukturkrise, und diese resultiert aus einer Technologiekrise, nicht wegen der Defizite in der Entwicklung neuer Techniken, sondern der fehlenden Umsetzung zu neuen Produkten, Dienstleistungen und wettbewerbsfähigen Strukturen. Das braucht ein Vielfaches an Entwicklungsaufwand, Mut und neue Köpfe, Ideen und neue Konzepte, Fähigkeit und Durchsetzungsvermögen in alten Organisationen und am Markt. Doch Deutschland sind die Innovatoren ausgegangen.

Ursachen der Krise sind nicht die äußeren Umstände, sondern Versäumnisse in Personal-, Organisations- und Unternehmensentwicklung. Da eine naive Bildungspolitik in Deutschland seit Jahrzehnten so tut, als sei es Sache des Staates, für Aus- und Weiterbildung zu sorgen, erzwang dieses Angebot wie jede Subvention seine Bewirtschaftung. "Personalentwicklung" versuchen viele Betriebe deshalb über den Austausch am Arbeitsmarkt. Wenn das nicht klappt, mault man über Schulen und Hochschulen, die nicht schon vor Kenntnis der anstehenden Veränderungen die richtigen Ausbildungsgänge eingerichtet haben. In Weiterbildung verpulvert das Arbeitsamt wirkungslos viel Geld. Schließlich verfällt man mit "Green Cards" auf die Idee, dass andere Länder sich vielleicht früher und richtiger in Personalentwicklung engagiert haben.

In diesen alten Strukturen werden nicht nur keine neuen Kompetenzen aufgebaut, sondern in riesigem Umfang Erfahrungspotenziale verheizt. Wenn gut betuchte Großkonzerne den Arbeitsmarkt nach Hochbegabten abkämmen, bleibt für die Klein- und Mittelbetriebe und Existenzgründungen wenig übrig. Und wenn sich dann diese Konzerne im Verbund mit Gewerkschaften in der Rolle von Arbeitsdirektoren mit staatlicher Unterstützung unter Ausbeutung der sozialen Sicherungssysteme dieser Leute bis herunter zum Alter von 51 wieder entledigen, entsteht trotz "goldenen Handschlags" viel Frust, nicht nur bei den so Entsorgten, sondern auch bei den Belegschaften, in denen damit auch Erfahrung verloren geht.

Das Verbraten von Monopolyrenditen in Sozialplänen und internationalen Spekulationen steht für die Unfähigkeit, eigenes Erfahrungspotenzial weiterzuentwickeln und in betriebswirtschaftlich sinnvollen Innovationen zu nutzen. Gesamtwirtschaftlich werden riesige Verluste in Kauf genommen. Da die Portfolio- und Kennzahlenfetischisten mit Shareholder-Value kurzatmige Abschöpfungsstrategien präferieren, erscheint Entwicklung mit Hilfe neuer Techniken viel zu langwierig und aufwendig. Denn das verlangt den langfristig denkenden Unternehmertyp und nicht den Spekulanten, der vor der Vertragsverlängerung noch kurzfristige Erfolge sucht.

Auf der einen Seite wird mit Lean Management, Prozessorientierung etc. der Rückzug auf Kernkompetenzen propagiert und damit letztlich ein Zustand höchster Innovationsunfähigkeit erreicht. In den Restbereichen möchte man dann (im Takt mit den genauso schlicht planenden Konkurrenten) Weltmarktführer werden und landet schließlich wie die Lemminge auf überbesetzten Marktfeldern. Jetzt beginnt wieder Monopoly: Kunden und Lizenzen werden zu überhöhten Preisen gekauft und mit dem Imponiergehabe inhaltsleerer Großanzeigen Präsenz ohne neue Produkte oder Dienstleistungen demonstriert. Akquisitionen und Fusionen, gesponsort durch eine verfehlte Steuerreform, stehen für Innovationen. Begleitet wird das Ganze noch von Beratern, die sich und ihre Klientel an Synergieeffekten berauschen. Die einzigen Synergien sind wachsende Spesen der Berater und Honorare der Vorstandsmitglieder. Weil dieses "Wachstum" nicht ausreicht, wird man auf Existenzgründer, Klein- und Mittelbetriebe zur Behebung der Technologiekrise warten müssen.

Quelle: Handelsblatt

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Erich Staudt ist Professor für Arbeitsökonomie an der Ruhr Bochum-Universität und Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung.

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