Urteil
Falsche Beratung: Anleger können klagen

Die Vertriebsorganisation Deutsche Vermögensberatung muß Schadensersatz leisten

DÜSSELDORF. Wer von seinem Anlageberater einen schlechten Tipp bekommen hat, muss sich keine Durchhalteparolen gefallen lassen, etwa nach dem Motto: Geduld ist alles, langfristig steigen Aktien immer. Erweist sich das vermeintlich chancenreiche Investment nach kurzer Zeit als großer Reinfall, so kann der Kunde unter Umständen mit Verlust aussteigen und wegen Falschberatung vom Berater Schadenersatz verlangen.

Dies ist der Tenor eines - noch nicht rechtskräftigen - Urteils des Landgerichtes (LG) Frankfurt. Sollte es Bestand haben, so wäre dies nach Ansicht von Rechtsexperten ein wegweisender Schritt für mehr Verbraucherschutz. Gerade in so ungemütlichen Börsenzeiten wie zuletzt könnte dies zu einer Welle weiterer Verfahren führen.

In dem Prozess gegen die größte deutsche Vertriebsorganisation, die DVAG Deutsche Vermögensberatung AG, hatten die Richter entschieden, dass der Kundin in diesem Fall kein Mitverschulden anzulasten sei, weil sie mit Verlust ausgestiegen war (Az:  2-21 0 319/99).

Passiert war folgendes: Die Klägerin ließ sich seit 1997 von einer Vertreterin des Finanzdienstleisters DVAG beraten und erwarb im Juni 1997 zunächst Anteile vom Deutschen Investment-Trust (DIT) des Aktienfonds Industria (europäische Standardwerte) und weitere Anteile im Dezember 1997 vom Fonds Multimedia (Aktien internationaler Unternehmen aus den Bereichen Telekommunikation, Medien und Freizeit).

Fonds der Klägerin war hochspekulativ

Die Anteile stiegen ordentlich im Wert. Doch Anfang 1998, kurze Zeit bereits nach der Erstanlage, riet die DVAG-Beraterin der Frau dazu, die Fondsanteile nun zu verkaufen, da die Fonds gewisse Höchststände erreicht hätten.

Die Klägerin verkaufte auf Grund dieser Beratung im März 1998 ihre Anteile und legte das gesamte frei gewordene Geld, rund 65 000 DM, im Thornton-Lux Tiger Fonds an - einem hoch spekulativen Aktienfonds, der vor allem in Hongkong, Singapur und Taiwan investiert. Der Fonds entwickelte sich negativ; entnervt verkaufte die Klägerin im September ihre Anteile und machte dabei über 20 000 DM Verlust.

Das Landgericht Frankfurt sprach der Klägerin den Verlust als Schadenersatz zu. Es sei mit der DVAG ein selbstständiger Beratungsvertrag zustande gekommen, denn die Anlageberatung durch die DVAG-Vertreterin sei aus Sicht der Kundin eine eigenständige Dienstleistung gewesen. Die Pflichten aus diesem Vertrag habe die DVAG-Vertreterin verletzt, weil sie einerseits nicht ausreichend die Bedürfnisse der Kundin berücksichtigt habe. Vor der Erstanlage hatte diese ihr Geld in einem Sparbuch und einem offenen Immobilienfonds angelegt, sehr sichere Anlagen also. Andererseits habe die Beraterin unzureichend über die besonderen Risiken des Tiger-Fonds aufgeklärt.

Mitverschulden durch frühzeitigen Verkauf

Die Richter folgten auch nicht der Argumentation der DVAG, der Klägerin sei ein den Schadenersatz minderndes Mitverschulden anzulasten, weil sie die Fondsanteile zu früh verkauft habe. Die DVAG hat Berufung vor dem Oberlandesgericht angekündigt.

"Positiv ist zu beurteilen, dass das Landgericht anerkannte, dass der Klägerin nicht zugemutet werden konnte, dass der Fonds weiter im Wert sinkt und sie verkaufte", meint Dietmar Vogelsang, Sachverständiger der Societät Vogelsang & Sachs. Er weist darauf hin, dass viele Anleger mit dem Begriff Kursschwankungen nicht viel anfangen können. "Die Anleger müssen die Größenordnung möglicher Verlustphasen kennen. Denn sonst stehen die Menschen Verlustphasen psychisch nicht durch", so der Experte.

Klaus Nieding, Präsident des Deutschen Anlegerschutzbundes und zugleich auf Kapitalmarktrecht spezialisierter Anwalt in Frankfurt, sieht das LG-Urteil als "längst überfällig" an . Schon 1993 habe der Bundesgerichtshof die Weichen für eine schärfere Beratungshaftung gestellt. "Es war an der Zeit, dass dies für Aktien- und Fondsanlagen konkretisiert wurde. Das könnte noch Kreise ziehen." Der Frankfurter Rechtsanwalt Hans-Jürgen Polt merkt aber an, das Urteil sei kein Freibrief, in jedem Fall von fehlerhafter Beratung Wertpapiere mit Verlust verkaufen zu können, ohne sich Mitverschulden vorwerfen lassen zu müssen. "Dieser Fall war nämlich eindeutig gelagert, weil der Fonds über einen längeren Zeitraum ständig an Wert verlor."

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