Urteil im Prozess gegen Spitzenkandidat Trichet erwartet
EZB-Spitze könnte lange vakant bleiben

Personalfragen sind Prestigefragen - besonders für Frankreich. Deshalb wächst in Paris die Nervosität vor dem Urteil im Crédit-Lyonnais-Prozess, das Richter Olivier Perusset morgen um 13.30 Uhr in der 31. Strafkammer von Paris verkündet. Denn mit seinem Spruch entscheidet Perusset über das Schicksal von Jean-Claude Trichet und damit über die Besetzung des wichtigsten Postens in der europäischen Finanzwelt: der Präsidentschaft der Europäischen Zentralbank (EZB).

cn/noh PARIS/FRANKFURT. Weil Frankreichs Justiz in der Crédit-Lyonnais-Affäre schon mehrfach überraschend den Kurs gewechselt hat, sind Vorhersagen schwer. Vier Szenarien werden in Paris diskutiert. Nur eines davon - ein unmissverständlicher Freispruch für Trichet ohne Berufungsverfahren - verspricht eine rasche Lösung: Der Gouverneur der Banque de France würde Nachfolger von Wim Duisenberg als Hüter des Euros.

Befindet Richter Perusset Trichet der Beihilfe zur Bilanzfälschung für schuldig und verurteilt ihn wie von der Staatsanwaltschaft gefordert zu "mindestens" zehn Monaten Haft auf Bewährung (Szenario 2), wäre der 60-Jährige als EZB-Präsident untragbar. Präsident Jacques Chirac müsste wohl schon auf dem EU-Gipfel in Thessaloniki Ende der Woche einen überzeugenden Ersatzkandidaten präsentieren. Sonst riskiert er eine europaweite Kandidatendebatte, die nicht in seinem Sine sein kann.

Aber auch eine Fortsetzung der Hängepartie (Szenario 3) ist möglich. Denn sowohl Trichet als auch die Staatsanwaltschaft können gegen das Urteil Berufung einlegen. Bekäme Trichet etwa nur eine symbolische Geldstrafe aufgebrummt, gilt als sicher, dass er das Urteil anfechten würde. Die Staatsanwaltschaft dagegen könnte gegen einen Freispruch Revision einlegen.

Pariser Regierungskreise halten es für "nicht unmöglich", dass Chirac in einem solchen Fall eine Berufungsverhandlung, die bis zu einem Jahr dauern kann, abwarten könnte. Dafür benötigte Chirac aber die Hilfe von EZB-Präsident Duisenberg. Der hat zugesagt, so lange im Amt zu bleiben, bis sein Nachfolger fest steht. Den nächsten Jahresbericht der EZB wolle er aber nicht mehr unterzeichnen, schränkte der Niederländer ein.

Ob sich die anderen Regierungen der Eurozone auf eine weitere Verzögerung ungewisser Dauer einlassen würden, gilt zudem als fraglich. Und auch ob sie einen EZB-Chef tolerieren, der lediglich aus Mangel an Beweisen frei gesprochen wurde oder weil er auf Befehl von oben gehandelt hat (Szenario 4), gilt als nicht ausgemacht.

Frankreich spielt weiter auf Zeit. Im Präsidentenpalast heißt es: "Es gibt eine Vereinbarung, nach der Jean-Claude Trichet Nachfolger von Wim Duisenberg als EZB-Präsident wird." Solange Trichets Urteil noch nicht fest stehe, gebe es keinen Grund, daran etwas zu ändern. Die gleiche Auskunft erteilt - merklich gereizt - das Finanzministerium in Paris. Den Franzosen wird die Angelegenheit peinlich, weil Chirac schon 1998 Trichet gegen erheblichen Widerstand als nächsten EZB-Chef durchdrückte.

Dass Chirac längst einen Alternativkandidaten ausgeguckt hat, will in Paris niemand bestätigen - auch wenn es Anzeichen dafür gibt. EU-Ratspräsident Costas Simitis sagte vergangene Woche, die EU habe bereits "Vorbereitungen getroffen". Sollte Trichet ausfallen, "wird alles in zufriedenstellender Weise geregelt", sagte der griechische Premier.

Als Direktor des Schatzamtes soll Trichet der Anklage zufolge die Schieflage der Staatsbank Crédit Lyonnais (CL) verschleiert haben. Mitangeklagt sind Ex-CL-Chef Jean-Yves Haberer und Ex-Banque- de-France-Gouverneur Jacques de Larosière. Der französische Staat rettete CL mit 15 Mrd. Euro und privatisierte sie 1999.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%